Offene Innovation bei Apache: „Trottel unerwünscht!“

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Unter dem Dach der Apache Software Foundation (ASF) entsteht eine Vielzahl wichtiger Open-Source-Projekte. ASF-Präsident Justin Erenkrantz erklärt, was das Besondere an der Apache-Community ist.

Während der vergangenen zehn Jahre hat die Apache Software Foundation (ASF) die Entwicklung vieler Projekte der Apache-Community und damit einige der am weitesten verbreiteten Open-Source-Anwendungen unterstützt. Millionen Nutzer weltweit profitieren von diesem Modell. Der auf Zusammenarbeit und Konsens basierende Entwicklungsprozess, liebevoll "Der Apache Way" genannt, ist eins der Erfolgsrezepte der Stiftung, um Dutzende von qualitativ hochwertigen und führenden Software-Produkten auf die Beine zu stellen. Begonnen hat jedoch alles mit nur einem Projekt.

Dieses erste Projekt der ASF ist gleichzeitig auch das populärste: Der HTTP-Server Apache ist nach wie vor der am häufigste eingesetzte Webserver. Schätzungsweise 70 Prozent aller Websites, etwa 112 Millionen weltweit, setzen auf die Software. Kein schlechtes Ergebnis für eine Gruppe, die sich aus lauter Freiwilligen zusammensetzt und die neben 300 festen Mitgliedern fast 2300 Code beisteuernde Entwickler umfasst, die über sechs Kontinente verteilt sind.

Bis heute handelt es sich bei der Hälfte der Top Ten der am häufigsten heruntergeladenen Open-Source-Anwendungen um Apache-Projekte. Die Mehrzahl der Java-Lösungen für den Enterprise-Bereich basiert auf Apache-Build-Tools. Mehr als ein Dutzend Apache-Technologien bilden die Grundlage für das heutige Cloud-Computing. Apache-Software spielt eine entscheidende Rolle in unternehmenskritischen Anwendungen für Bereiche wie Finanzdienstleistungen, Luft-und Raumfahrt, Infrastruktur und Verlagswesen, in der öffentlichen Verwaltung, im Gesundheitswesen sowie in Forschung und Lehre.

Oft wird uns die Frage gestellt, wie es ohne formale oder sonstige technische Richtlinien, fast ohne Hierarchien und mit Hunderten einzelner Mitarbeitender möglich ist, Projekte zusammenzuhalten und sogar voranzutreiben. Wie schaffen wir es, Ergebnisse zu erzielen?

Wie sich herausgestellt hat, ist eine unserer größten Herausforderungen gleichzeitig unsere größte Stärke. Der Slogan der ASF lautet: „Wir sehen uns nicht einfach als eine Reihe von Projekten, die den gleichen Server teilen, sondern als eine Community aus Entwicklern und Anwendern.“ Wir haben uns unmissverständlich der Community verschrieben. Dieses Engagement ist einer der wichtigsten Treiber hinter der Marke Apache, auch wenn die geografische, technische und kulturelle Vielfalt sicher eine Menge an Herausforderungen bringt – aber eben auch Vorteile bietet.

Wir glauben, dass unsere Community eine der größten Stärken der Marke Apache ist. Die entwicklerfreundliche Kultur hat ein Klima geschaffen, in dem sich enorm viel Kreativität entfalten kann. Das hat zu der großen Projektvielfalt geführt.

Die ASF fußt auf dem Prinzip der Meritokratie: Diejenigen, die am meisten zu einem Projekt beitragen, haben den größten Einfluss auf die Richtung des Projekts. Während eines Besuchs bei der Gruppe OSS Watch in Oxford haben wir erfahren, dass der Begriff „Meritokratie“ zum ersten Mal in dem Buch "The Rise of the Meritocracy" (deutscher Titel: "Es lebe die Ungleichheit: Auf dem Wege zur Meritokratie") des britischen Soziologen und Politikers Michael Young auftaucht.

Youngs Sicht auf dieses Modell ist allerdings recht satirisch und pessimistisch. Aber die Open-Source-Meritokratie ist in einem wesentlichen Merkmal anders: die Apache-Projekte sind bemerkenswert transparent. Wir beschreiben die täglichen Fortschritte innerhalb der ASF gern als „Meritokratie in Aktion“.

Eins der Grundprinzipien der Apache Way ist die unabhängige Steuerung der Projekte. Jedes der primären ASF-Projekte (die sogenannten Top-Level-Projekte, abgekürzt TLP) wird von einem Project Management Committee (PMC) geleitet. Die ASF hat die technische Leitung dieser Projekte an das jeweilige PMC übertragen. Meritokratie ist übrigens nicht übertragbar: "Karma" in einem PMC berechtigt nicht zu Entscheidungen in einem anderen PMC – es muss jeweils neu verdient werden!

Eine sehr interessante Aufgabe für die stetig wachsende ASF ist, den Apache Way denjenigen zu vermitteln, die neue Open-Source-Projekte unter das Dach der Foundation bringen wollen. Unter anderem zu diesem Zweck haben wir den Apache Incubator geschaffen. Hier werden neue Projekte betreut und fit gemacht für ihre Rolle als Apache-Projekt. ASF-Mitglieder, die ein solches Projekt interessant finden, können sich als Mentor anbieten.

Aus technischer Sicht betrachtet ist diese Herangehensweise sehr erfolgreich. Die Feinheiten der „weicheren Fähigkeiten“ der zwischenmenschlichen Kommunikation sind natürlich um einiges komplizierter. Wir führen ständig Kurskorrekturen durch und werden darin auch jeden Tag besser. Die Hauptaufgabe eines Mentors bei einer neuen Initiative besteht nicht in der technischen Leitung, sondern ist vielmehr sozialer Art. Er oder sie vermittelt die Traditionen und die Kultur von anderen Projekten. Mit der Zeit, wenn eine Initiative gezeigt hat, dass sie den Apache Way verinnerlicht hat und sich selbst erfolgreich steuern kann, bekommt sie den Status eines regulären ASF-Projekts. Schließlich ist auch der Aufstieg zum Top-Level-Projekt möglich.

Indem die Foundation die Apache-Entwickler das tun lässt, was sie am besten können – programmieren –, und selbst die restlichen Aufgaben übernimmt, wird eine Umgebung geschaffen, in der alle zusammenarbeiten können, um hervorragende Software auf einer Standard-Plattform zu entwickeln.

Idioten unerwünscht! Apache-Leute gehören zu den nettesten Leuten, die wir kennen. Jedoch gibt es auch hier Ausnahmen: Manche sind von Natur aus griesgrämig, manche haben einen Hang zur Streitsucht und fordern dich ständig heraus. Manche haben auch einfach nur einen schlechten Tag. Es gibt nun mal Trolle in dieser Welt. Was auch immer du tust, füttere sie nicht. Wichtiger noch: Werde selbst kein Giftzwerg. Wir empfehlen die Präsentation How Open Source Projects Survive Poisonous People (And You Can Too) von Ben Collins-Sussman und Brian Fitzpatrick als Navigationshilfe im manchmal von Haien verseuchten Gewässer.

Jeder, der möchte, kann sich bei einer der Dutzenden Mailinglisten der ASF mit insgesamt durchschnittlich 50.000 Mails pro Monat anmelden und mitmachen. Wer unsere Meritokratie in Aktion sehen möchte, findet dafür viele Beispiele in den Projekt-Archiven. Wer selbst ein Open-Source-Projekt betreibt und Mitglied der Apache-Community werden möchte, den laden wir ein, einen Blick auf den Apache Incubator zu werfen und seinen Projektvorschlag bei der Foundation einzureichen.

Eine Gelegenheit, aus erster Hand mehr über den Apache Way zu erfahren, ist der TransferSummit, der vom 24. bis 26. Juni in Oxford stattfindet. Die Konferenz mit BarCamp bringt Manager, Entwickler, Forscher und Wissenschaftler zusammen. Das Ziel: Die Möglichkeiten, Herausforderungen und Chancen für den Einsatz, die Entwicklung und die Lizenzierung von Open-Source-Technologie zu diskutieren. Auch künftige Innovationen sind Thema. Wir freuen uns darauf, Sie dort zu begrüßen. (odi)

Siehe auch:
TransferSummit – The practical magic of open source, eine Einführung zum TransferSummit auf unserer englischen Tochter-Site The H.


Justin Erenkrantz ist Präsident der Apache Software Foundation und Chief Technical Officer bei Project WBS. Er besitzt einen PhD-Abschluss der University of California in Irvine. Justin Erenkrantz engagiert sich seit vielen Jahren bei einer Reihe von Apache-Projekten, darunter der Webserver Apache, Subversion, APR, Serf, mod_mbox sowie flood. Er steht auf der Vortragsliste des TransferSummits und wird zudem an der OSCON (19. bis 23. Juli in Portland) und der ApacheCON (1. bis 5. November 2010) in Atlanta teilnehmen.

TransferSummit-Beraterin Sally Khudairi ist Mitglied und Vize-Präsidentin Marketing & Publicity der Apache Software Foundation sowie Vorstand des Programmkomitees für die ApacheCON North America 2010. Sie arbeitet als Geschäftsführerin von HALO Worldwide.

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