Offene Systeme 95 in Wiesbaden

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Für Unix-Anbieter ist Deutschland einer der wichtigsten Märkte weltweit und die Veranstaltung 'Offene Systeme' die lokale Nabelschau. Auch in diesem Jahr war in Wiesbaden zu sehen, daß man von der eigenen Leistungsfähigkeit überzeugt ist und Konkurrenten à la NT und OS/2 nicht fürchtet.

Zum elften und wahrscheinlich letzten Mal fand die Unix-Messe in der gewohnten Form statt. Zusammen mit der Jahrestagung der German Unix User Group (GUUG) war dies in jedem Jahr das größte Ereignis der Unix-Gemeinde in Deutschland gewesen. Querelen zwischen den Veranstaltern führten allerdings dazu, daß in Zukunft beide Veranstaltungen getrennt stattfinden. Künftig findet man nur noch die Messe in Wiesbaden, die GUUG-Tagung lädt für das nächste Jahr nach Leipzig ein. Die Aussteller und Kongreßteilnehmer in Wiesbaden ließen sich allerdings von diesen trüben Zukunftsaussichten nicht irritieren und nutzten die drei Tage zur Selbstdarstellung. Dabei hat sich als Lebenselixier der Branche inzwischen das Internet bewährt. Die Hersteller der verschiedenen Unix-Derivate oder Serversysteme sind sich einig, daß als Internetserver nur Unix auf einer leistungsfähigen Hardware in Frage kommt.

Neben Sicherheitsanforderungen an die Serversysteme steht zunehmend die einfache Aufbereitung und Verwaltung von Daten für das World Wide Web im Mittelpunkt des Interesses. So bieten Firmen wie Apple und Next inzwischen Lösungen an, die aus verteilten Datenbeständen erst bei Bedarf entsprechende WWW-Seiten generieren. Apple setzt dabei mit dem http-Server WebSTAR 1.0 auf bestehende Apple-Anwendungen, die über AppleScript gesteuert werden können. Eine Anfrage lenkt der Server beispielsweise direkt an Filemaker weiter und übergibt dem Browser das formatierte Ergebnis. Laut Apple läuft bereits ein Viertel aller Web-Server auf einem Macintosh, und man hofft, mit dem neuen Server den Anteil weiter zu vergrößern. Next entwickelt WebObjects, womit in Zukunft die Online-Kundenbetreuung direkt mit der firmeneigenen Datenbank – beispielsweise Oracle oder Sybase – über Portable Distributed Objects (PDO) und Enterprise Objects Framework (EOF) verknüpft werden kann. Von der Bestellung bis zur Entsorgung kommuniziert der Vertreter oder Kunde dann über das WWW mit dem Hersteller. Den verwendeten http-Server kann man dafür ebenso wie das Betriebssystem und die Datenbank nach Bedarf wählen. Den Endanwendermarkt versuchen unter anderem Apple und Sunsoft mit speziell zusammengeschnürten Internet-Paketen zu erobern. Mit 'SolarNet WebScout 1.0' für Windows hofft Sun an den Erfolg von PC-NFS anzuknüpfen. Enthalten sind Programme wie Netscape, Pronto E-Mail und ein FTP-Client sowie ein eigener TCP/IP-Stack inklusive der Möglichkeit, Verbindungen über SLIPP und PPP herzustellen. Apple bietet neben einem ähnlichen Paket für den Mac auch noch spezielle Internet-Zugänge bei einigen Providern, um so den Aufwand der Anmeldung zu minimieren. Von vielen Anwendern sehnsüchtig erwartet, liegt jetzt der X-Server Mac X in der Native-Version für den Power Mac vor. Auch in diesem Jahr stand die Frage nach dem besten Unix im Raum respektive in den Hallen. Wie Pfeiffen im Dunkeln nahmen sich die Ausführungen der Unix-Anbieter zu Windows NT aus. Angst hat nach allgemeiner Aussage niemand vor diesem Konkurrenten, da NT nicht über die in Zukunft notwendige Leistungsfähigkeit verfügt. Je nach Bedarf führen die Verteidiger von SCO (Open Server), Sun (Solaris 2.5) oder digital (digital Unix) als Begründung mehr oder weniger wahrheitsgemäß entweder zuwenig Bits an (32 statt 64), zuwenig Speicher (nur 2 GByte Arbeitsspeicher) oder einfach zu wenig Prozessoren (maximal vier Pentiums).

Dennoch wird für alle Unix-Derivate das Klima rauher, und sie bemühen sich, das Durcheinander auf dem Markt in Richtung 'Offene Systeme' zu ordnen. Digitals ehemaliges OSF darf sich inzwischen mit dem Namen Unix schmücken, SCO hat UnixWare und die Rechte an den Unix-Quellen von Novell erstanden, und IBM liefert sein AIX nach langer Zeit mit der einheitlichen Benutzeroberfläche 'Common Desktop Environment' (CDE) und der Umgebung für verteilte Anwendungen 'Distributed Computing Environment' (DCE) aus. Daneben zeigte IBM OS/2 für PowerPC inzwischen in einer ausgereiften Version. Allerdings scheint sich der Termin der endgültigen Fertigstellung immer weiter zu verschieben. Auf demselben Rechner liefen nach einem Neustart je nach Wunsch auch NT, AIX oder Solaris für PowerPC. Common Point, das objektorientierte API zur Programmierung auf unterschiedlichen Plattformen, scheint derzeit noch Ladehemmungen zu haben, da potentielle Interessenten die Leistungsfähigkeit nicht an Hand bereits programmierter Anwendungen überprüfen können. Ein weiterer Grund für die Tatsache, daß Common Point zwar bereits vielfach vergeben, aber noch nicht verkauft wurde, kann allerdings auch in dem Ressourcenhunger liegen: die AIX-Variante benötigt neben dem Betriebssystem immerhin 64 MByte Arbeitsspeicher. Plattformübergreifende Programmierung praktiziert Star Division demgegenüber schon seit langer Zeit. Die Version 3.0 von StarOffice ist auf verschiedenen Prozessoren und Betriebssystemen verfügbar, neben allen Windows-Versionen, OS/2 und PowerMac auch AIX, Solaris und HP/UX. Die Frage, ob StarDivision das Paket auch auf Linux portiert, beantwortet die Firma weiterhin ablehnend, allerdings weist man inzwischen darauf hin, daß das Entwicklungsverfahren eine schnelle Übertragung auf Linux ermöglicht, man allerdings derzeit noch keine Marktrelevanz sieht. S.u.S.E. zeigte die Herbstausgabe und präsentierte sich unter anderem auch als Distributor von Maple für Linux. Die Distribution vom Caldera Network Desktop hat inzwischen die Berliner Firma Lunetix übernommen. Auf der Messe war die zweite Preview mit neuem Kernel und stabilerem NetWare-Zugriff zu sehen. Erst nach der Messe wurde bekannt, daß Caldera von Novell für den Vertrieb von WordPerfect für Linux autorisiert wurde. Der Begriff 'Data-Warehousing' hat inzwischen das Trendwort 'Client/Server' abgelöst. Viele Erklärungen, worum es sich dabei handelt, blieben trotz vorzeigbarer Produkte nebulös. Aber offensichtlich kann es sich keiner der Datenbankhersteller leisten, diese Methode, Datenbestände verfügbar zu machen und aufzubereiten, zu ignorieren. Als einziger Datenbankanbieter verläßt Oracle das angestammte Terrain und drängt mit Macht in den Multimediamarkt. Dabei möchte die Firma sowohl die Server für Video-on-Demand liefern als auch Tools zum Erstellen von Multimediaanwendungen. Der Erfolg einer Messe muß nicht immer ein Garant für ihr weiteres Bestehen sein. Wenn im nächsten Jahr die Offene Systeme in Wiesbaden und in Leipzig die Jahrestagung der GUUG stattfinden, müssen sich viele Firmen und Besucher für eine von beiden Veranstaltungen entscheiden. Das Herz der meisten Aussteller scheint an der GUUG zu hängen, zumal damit auch ein neuer Messestandpunkt ins Spiel kommt. Viele Meinungen tendieren jedoch dahin, dann die Aufmerksamkeit ganz auf die Systems oder CeBIT zu richten. So ist das eben: " Wenn zwei sich streiten ..." (rm)

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