Offener Kern, geschlossenes Herz?

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Der freie Kern macht die Community glücklich, proprietäre Erweiterungen bringen das Geld - das Open-Core-Prinzip scheint die Vorteile der Open-Source-Welt mit dem klassischen Lizenzgeschäft ideal zu verbinden. Aber wie tragfähig ist der Ansatz, der derzeit bei Open-Source-Firmen hoch im Kurs steht?

Deutsche, leicht gekürzte Fassung des Artikels Open core, closed heart? auf unserer englischen Schwester-Site The H.

Kerngehäuse eines Apfels

Die Begriffe "Open Source" und "freie Software" sorgen nur allzu häufig für Verwirrung bei Firmen, die bei der Softwareentwicklung gerne auf die Unterstützung einer Community zurückgreifen wollen. Meist kommt das dadurch, dass ihnen nicht alle Implikationen klar sind, die mit diesen beiden Begriffen verbunden sind. Auch verstehen sie nicht, wie die Lizenzierung von freier Software ein Vorteil für Entwickler und für die Firmen sein kann, die die Software vermarkten wollen.

Die proprietäre Mischform "Open Core" – die Kombination aus einem freien Kernprodukt mit proprietären Zusatzfunktionen – ist ein Versuch, von den Vorzügen von Open Source und freier Software zu profitieren und trotzdem ein traditionelles Lizenzmodell zur Vermarktung der Software einzuführen. Allerdings macht sie die Situation in der Software-Welt noch etwas unübersichtlicher.

Open-Source-Befürworter und die Anhänger freier Software haben einen unterschiedlichen Blick auf quelloffene Software. Open Source konzentriert sich vor allem auf die offene, transparente Entwicklungsmethode, die zu besserer Software führen soll. Dass die Software "frei" sein soll, steht hier nicht an erster Stelle. Den Verfechtern freier Software hingegen geht es vor allem um ideelle Werte – letztlich die Freiheit der Anwender (siehe dazu auch den Artikel Freiheit, die ich meine). Der Unterschied ist nicht wirklich groß, aber wichtig.

Logo GPLv3

Ausschlaggebend für den Erfolg von Open-Source- und freier Software ist die GNU General Public License (GPL) gewesen. Die Lizenz, die vier Freiheiten in den Mittelpunkt stellt und mit ihrem Copyleft-Prinzip garantiert, dass Änderungen an den Quelltexten auch wieder in das Ursprungsprojekt zurückfließen, wurde zum Kristallisationskern für eine rege Community. Hierdurch entstand der Rahmen für den späteren kommerziellen Erfolg freier und quelloffener Software – das Prinzip unterstützte die Interessen von Firmen, die GNU/Linux später in die Unternehmen brachten.

Während die Free Software Foundation die GPL, ihre Derivate und einige kompatible Lizenzen mit Copyleft bevorzugt, legt die Open Source Initiative – Hüterin der Open-Source-Definition – lockerere Maßstäbe an und segnet eine ganze Reihe Open-Source-Lizenzen als gleichwertig ab, die nicht kompatibel zur GPL sind. Aber je lockerer die Definition von Open Source gefasst wird, desto weniger effektiv ist sie für die Verbreitung ihrer Ideale: Open Source ist mehr als nur ein Mittel, mit dem Software-Unternehmen ihre Gewinne maximieren können.

Die Lizenzwahl einer Open-Source-Firma bestimmt den Charakter ihres Projekts mit und kann den Unterschied zwischen Erfolg und Scheitern bedeuten. Freie und offene Software bringt ISVs viele Vorteile: Zugang zu einem riesigen Reservoir an Software, Kosteneinsparungen, Kooperationsmöglichkeiten sowie die Beiträge von zahlreichen individuellen Anwendern und Entwicklern.

Als Gegenleistung für dieses Code-Geschenk pflegt die Firma die User- und Entwickler-Communities, die das ganze Projekt erst möglich machen. Die Lizenzwahl ist wichtig für die Community und sorgt für Teilnahme und Feedback. Die vorrangige Aufgabe einer Open-Source-Firma besteht nicht im Verkauf der Software, sondern in Marketing und Dienstleistungen – Beratung, Installation, Schulung, Anpassung und Wartung.

Logo JBoss

JBoss, seit einigen Jahren Teil von Red Hat, ist ein Paradebeispiel für dieses Modell. Die Middleware wird unter freien Lizenzen enwickelt und zum kostenlosen Download angeboten. Die Hauptentwickler sind bei JBoss angestellt und die Firma erzielt ihre Einkünfte durch Expertenwissen und Support. Das Modell funktioniert gut für JBoss und auch Linux-Anbieter wie Red Hat, eignet sich aber weniger für Anwendungen weiter oben im Software-Stack, so die gängige Meinung.

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