OnePlus 2 im Test: Der Flaggschiff-Mitsegler

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Bild: c't

Das OnePlus 2 ist kein Flaggschiff-Killer, aber für 399 Euro ein verdammt gutes Smartphone. OnePlus hat gegenüber dem Vorgänger die Kamera und das Display verbessert - kürzer sind dagegen die Laufzeiten.

Wenige Geräte sind so begehrt wie das OnePlus 2. Das liegt vor allem am Preis: Wie schon beim Vorgänger OnePlus One verspricht der Hersteller Top-Hardware auf Augenhöhe mit iPhone 6 und Samsung Galaxy S6, die 16-GByte-Version kostet mit 339 Euro aber nur halb so viel.

Das große Tamtam um das Smartphone hängt aber auch mit der ausgeklügelten PR-Kampagne zusammen: Statt das Gerät in Europa und USA auf dem freien Markt zu verkaufen, muss man wie schon beim OnePlus One ein "Invite", also eine exklusive Einladung ergattern. Die werden zum Verkaufsstart diese Woche nur spärlich und zu besonderen Verkaufsaktionen verteilt, erfolgreiche Käufer bekommen außerdem zusätzliche Invite-Codes, die man weitergeben kann - ein Schneeballsystem.

Ob OnePlus bei seinem zweiten Smartphone-Modell aber nicht bloß für medialen Wirbel, sondern auch für ein gutes Smartphone gesorgt hat, haben wir in den Laboren der c't-Redaktion überprüft. Uns stand dabei die 64-GByte-Variante für 399 Euro zur Verfügung.

Nichts zu meckern gibt es bei der Verarbeitung des OnePlus 2. Die raue Rückseite im "Sandstein"-Look ist nicht nur ein echtes Alleinstellungsmerkmal, in Kombination mit dem Metallrahmen um das Smartphone fühlt sich das Gehäuse wertig an, alles sitzt fest. Das Design ist zwar unauffälliger und kantiger als noch das vom OnePlus One mit seiner markant geschwungenen Ober- und Unterseite, sieht aber allein schon durch den dunklen Metallrahmen mit den eingefrästen Aussparungen für Anschlüsse und Lautsprecher edler und schicker aus. In der Hand liegt das OnePlus 2 mit der leicht gerundeten und rauen Rückseite sehr angenehm. Wirklich handlich ist das Smartphone allein schon durch das riesengroße 5,5-Zoll-Display freilich nicht – den oberen Rand erreicht man mit dem Daumen nicht. Und mit seinen 177 Gramm ist es vergleichsweise schwer.

Die Plastik-Rückseite sitzt sehr fest, lässt sich aber abnehmen. Darunter verbirgt sich der Einschub für zwei Nano-SIM-Karten. Einen SD-Schacht gibt es nicht, allein schon deshalb ist die mit 399 Euro um 60 Euro teurere 64-GByte-Variante absolut empfehlenswert. Für jeweils 30 Euro bekommt man auf der OnePlus-Webseite zusätzliche Rückseiten aus Holz oder Kevlar. Diese standen für unseren Test nicht zur Verfügung, machen aber in den Fotos der Webseite aber einen edlen Eindruck.

Neu gegenüber dem One und für ein Android-Smartphone ungewöhnlich ist der metallene Schieber auf der linken Seite, mit dem man eingehende Anrufe, Nachrichten und Terminerinnerungen unterdrücken kann – eine in Android 5.0 eingeführte Funktion. Entweder stellt man auf "Keine Unterbrechungen", dann wird man allenfalls vom Wecker gestört. Oder man lässt selektiv nur Termine, nur Anrufe, und/oder nur Nachrichten durch. Man kann das OnePlus 2 auch so einstellen, dass nur Anrufe und SMS von als wichtig markierten Kontakten durchkommen.

Unter dem Display befinden sich drei Sensortasten. Die mittlere kombiniert den Home-Button mit einem Fingerabdrucksensor, der bis zu 5 Finger registriert. Im Test klappte das Entsperren des Smartphones damit meist, aber nicht immer zuverlässig; Probleme gab es zum Beispiel mit nassen Händen. Um das Smartphone nach längerer Zeit wieder aufzuwecken, muss man zuerst das Display per Doppeltipp oder Knopf anschalten und dann den Finger für eine knappe Sekunde auf den Sensor legen. Dass der mittlere, leicht eingesenkte Button trotz der Optik tatsächlich nur eine Sensor- und keine mechanische Taste ist, daran muss man sich gewöhnen; wir versuchten die ersten Tage im Test wie bei anderen Smartphones gewohnt immer wieder, den Knopf einzudrücken.

Das IPS-Panel des OnePlus 2 hat sich zum Vorgänger nicht geändert in puncto Größe (5,5 Zoll), Auflösung (Full-HD, 401 dpi) und Helligkeit (max. 388 cd/m²). Das reicht vollkommen aus, um Texte auch in kleiner Schriftgröße extrem scharf aussehen zu lassen und auch bei hellem Tageslicht noch alles gut zu erkennen.

Vergrößern Das Display des OnePlus 2 erfüllt den sRGB-Farbraum und die Farben bleiben auch beim Blick von der Seite stabil. Die Farbtemperatur von Weiß liegt sehr nah am Norm-Tageslicht D65.

Auch der Farbraum bleibt beim Smartphone-Standard von sRGB – das OnePlus 2 trifft ihn fast punktgenau. Die einzige größere Veränderung liegt im Kontrast: Er ist nun deutlich höher und übertrifft mit 1938:1 die meisten IPS-Displays, das Display zeigt ein sattes Schwarz. Die Farbtemperatur war bei unserem Testgerät sehr gut kalibriert und lag bei Weiß sehr nah an der Tageslicht-Norm D65.

Die Blickwinkelstabilität ist nicht überragend, aber gut: Sowohl Kontrast als auch Farben verändern sich in der Horizontalen und Vertikalen nur wenig. Unterm Strich hat das OnePlus 2 ein sehr gutes Display, das aber mit den Quad-HD-Panels des Samsung Galaxy S6 und S6 Edge mit AMOLED-Farbraum nicht ganz mithalten kann.

Vergrößern IPS-typisch: In der Horizontalen und Vertikalen bleibt der Kontrast auch beim Blick von der Seite über 600:1 (lila).

OnePlus setzt in der uns vorliegenden 64-GByte-Variante den Octa-Core-Prozessor Snapdragon 810 in Kombination mit 4 GByte RAM ein – das 16-GByte-Modell hat nur 3 GByte RAM. Beim Chipsatz handelt es sich um den aktualisierten 810, bei dem anders als bei der Konkurrenz von HTC und LG die vierHauptkerne nicht mehr auf 2 GHz, sondern auf maximal "nur noch" 1,8 GHz getaktet sind. Unter anderem durch diese Einschränkung sollen neue Smartphone-Modelle die Hitzeprobleme besser in den Griff bekommen, die uns in der c't-Redaktion vor allem beim Test vom HTC One M9 mit Snapdragon 810 aufgefallen sind.

Schon das Sony Xperia Z3+ hatte diese neue Version des Snapdragon 810 eingebaut, hier hatten wir aber ähnlich große Hitze-Entwicklungen wie beim One M9. Beim OnePlus 2 ist das anders: Zwar wird auch bei ihm bei hoher Belastung die Rückseite heiß, in unseren Tests hielt sich dieses Phänomen aber in Grenzen - auch bei sommerlichen Temperaturen im Büro. Selbst 10 Minuten Video in 4K-Qualität aufzunehmen stellte kein Problem dar - beim Xperia Z3+ völlig undenkbar.

In unserer selbstkompilierten Version des Prozessorbenchmarks CoreMark erreichte das OnePlus 2 bei Beschlag aller Kerne einen Wert von 31249 Punkten, was deutlich unter der theoretischen Maximalleistung des Prozessors bleibt. Im Single-Thread-Modus schafften die stärkeren Cortex-A57-Kerne 6500 Punkte, die schwächeren A53-Kerne 4156. Beides entspricht in etwa den Leistungen der übrigen Konkurrenz mit dem niedriger getakteten Snapdragon 810, aber der 4-Kerner Snapdragon 801 des OnePlus One schaffte sowohl in der Single-Thread- als auch der Multi-Thread-Leistung etwas mehr.

Die volle Performance hält das OnePlus 2 wie auch das Sony Xperia Z3+ und das HTC One M9 nur unter optimalen Bedingungen durch, nämlich aus dem Stand und im auf 21 Grad gekühlten Labor. Bei Sommerhitze oder bei Dauerbelastung fährt die Leistung bei Beanspruchung aller Kerne um bis zu 40 Prozent herunter.

All diesen Taktungstheorien zum Trotz lässt die Performance des OnePlus 2 in der Praxis aber überhaupt keinen Grund zur Klage: Die bei Android Oberfläche wird ruckelfrei dargestellt, Apps starten rasend schnell und man hat nie das Gefühl, vom System ausgebremst zu werden. Auch Spiele machen einen prima Eindruck, was sich auch in Benchmarks wiederspiegelt: Die 22,7 fps im GFXBench 3.0 Manhatten (onscreen) und die 22179 Punkte im 3DMark Ice Storm Unlimited sind klasse und liegen auf dem selben Niveau wie die anderen Geräte mit gleichem Chipsatz. Dass das iPhone 6 noch mehr Frames schafft, liegt alleine daran, dass es durch die niedrigere Display-Auflösung weniger Pixel herumschubsen muss.

Die OnePlus-Kamera hat wie der Vorgänger eine Auflösung von 13 Megapixel, sie hat aber einen optischen Bildstabilisator und der Sensor ist lichtempfindlicher. Den Unterschied merkt man vor allem, wenn man Fotos im Büro, in der Kneipe oder in anderen schlecht beleuchteten Räumen macht: Hier holt das OnePlus 2 deutlich mehr aus den Aufnahmen heraus, die meist scharf aussehen und vergleichsweise viel Details zeigen.

Aber auch sonst hat die Kamera gegenüber dem OnePlus One deutlich gewonnen: Sie löst mit 0,2 Sekunden sehr schnell aus und die Fotos sind sowohl im Labor mit Studiobeleuchtung, als auch draußen bei Tageslicht durchweg schärfer und zeigen natürlichere Farben. Bei genauem Hinschauen, beim Zoomen in die Bilder hinein, bemerkt man ein Software-seitige Nachschärfen, das aber nicht stört. Damit schließt das OnePlus 2 an die Kameras der High-End-Smartphone auf - an die Lichtempfindlichkeit und Schärfe eines Samsung Galaxy S6 oder iPhone 6 Plus kommt sie aber nicht heran.

Auch Videos mit bis zu 4K-Auflösung sehen gut aus, ruckeln nicht und wirken dank Bildstabilisator aus ruhiger Hand gedreht. Die 5-Megapixel-Kamera auf der Frontseite macht ebenfalls passable Fotos - ein deutlicher Fortschritt gegenüber dem OnePlus One.

Der 3200-mAh-Akku enttäuschte uns bisher eher, denn wie schon beim Vorgänger lässt er sich nicht wechseln und die ersten gemessenen Laufzeiten im c't-Labor sind nur guter Durchschnitt. Nur knapp 8 Stunden beim Videoschauen sind mau, 13 Stunden beim Surfen und etwas über 4 Stunden beim Spielen gehen in Ordnung. Wie sich das auf den Alltagsgebrauch auswirkt, ist in den wenigen Tagen Testzeit noch schwer abzuschätzen. Die ersten Eindrücke deuten aber auf das übliche Bild bei Smartphones hin: Über den Tag reicht es bei normaler Benutzung locker, einen zweiten Tag hält es aber nur bei äußerster Sparsamkeit durch.

Das OnePlus One konnte in unserem Test vor einem Jahr auf leicht längere Laufzeiten verweisen. Eine ähnliche Verkürzung der Laufzeit haben wir beim Sony Xperia Z3 zum Nachfolger Z3+ bemerkt; möglicherweise ist der Chipsatz nicht ganz unschuldig, denn sowohl Sony als auch OnePlus haben bei den Modellen vom Snapdragon 801 zum 810 gewechselt.

Apropos Netzteil: OnePlus 2 verwendet als erstes Smartphone den neuen USB-Standard USB-C, bei dem man ein neues Kabelformat benötigt. Das mitgelieferte Kabel lässt sich wie beim iPhone auch um 180 Grad gedreht in die Buchse stecken. Weil das OnePlus 2 aber wie bei Smartphones üblich USB 2.0 und noch nicht USB 3.0 nutzt, bleibt das praktischere Kabel der einzige Vorteil. Weder sind Daten schneller aufs Handy übertragen, noch lädt es besonders schnell: Etwas mehr als 2 Stunden braucht das 10-Watt-Netzteil für einen vollen Akku.

Abgesehen vom Fingerabdrucksensor findet man in den Spezifikationen des OnePlus 2 wenig Überraschungen, aber eine sehr gute Ausstattung. Der Dualband-WLAN-Chip und LTE mit 300 MBit/s sind top, und einen zweiten SIM-Slot bietet kaum ein High-End-Konkurrent.

Nicht mit an Bord sind aber typische Android-Flaggschiff-Features wie NFC oder drahtloses Laden. Beides mögen Techniken sein, ohne die man gut leben kann; andererseits gehören sie zum vollgepackten Hardware-Katalog hinzu, den anspruchsvolle Smartphone-Nutzer von einem High-End-Flaggschiff erwarten.

Beim ersten OnePlus-Smartphone kooperierte der Hersteller mit den Entwicklern des CustomROMs CyanogenMod. Beim OnePlus 2 ist nun von Anfang an das von OnePlus selbst entwickelte Custom-Android Oxygen OS 2.0 installiert, das auf Android 5.1.1 basiert und gegenüber dem Stock-Android nur kleine Veränderungen mitbringt. Dazu gehören zusätzliche Gesten, wie man sie bereits aus CyanogenMod kennt (zum Beispiel Doppeltippen zum Aufwecken, ein "O" zeichnen, um die Kamera zu starten). Außerdem lässt sich das über die Notifications-Leiste erreichbare Schnellstartmenü anders sortieren und anpassen und man kann die Sensortasten unterhalb des Bildschirms anders belegen.

Ebenfalls ein von CyanogenMod übernommenes Feature sind die App-Berechtigungen, die in Android erst in der im Herbst erscheinenden Version M Standard werden. Über den Punkt in den Einstellungen kann man beispielsweise Facebook den Zugriff aufs Adressbuch oder den Standort entziehen.

Wischt man auf dem Startbildschirm von links nach rechts, öffnet sich die sogenannte "Shelf". Sie ist eine Art zusätzlicher Homescreen mit Wetter und Zugriff auf häufig benutzte Apps und Kontakte.

Als Standard-Tastatur ist das populäre Wisch-Keyboard Swiftkey installiert, außerdem der Equalizer "Audio Tuner" von MaxxAudio, mit dem man den Ton für Musik, Filme und Spiele separat einstellen kann. Ansonsten fanden wir aber keine zusätzliche Apps vor - im Vorfeld war spekuliert worden, dass auf dem OnePlus 2 einiges an unnötiger Zusatz-Software - "Bloatware"- installiert sein könnte.

OnePlus bewirbt sein neues Smartphone als "Flaggschiff-Killer". Das ist das OnePlus 2 sicherlich nicht, denn dafür fehlen ihm einerseits markante Besonderheiten wie das gekrümmte S6-Edge-Display oder das wasserdichte Gehäuse des Z3+. Andererseits kommt es weder beim Display, noch bei Kamera oder Laufzeiten ganz an die Spitze heran. Und nicht zuletzt hat das OnePlus 2 für ein Smartphone, das eigentlich alles haben sollte, auffallend viele Lücken bei der Ausstattung: Kein NFC, kein schnelles und kein kontaktloses Aufladen zum Beispiel.

Die Flaggschiffe überholen muss es aber auch gar nicht. Denn als Flaggschiff-Mitsegler macht das OnePlus 2 eine ausgezeichnete Figur und hat ein extrem gutes Preis-/Leistungsverhältnis – man sollte aber schon zum 399 Euro teuren 64-GByte-Modell greifen, um später nicht in Platznot zu geraten. Mehr Smartphone bekommt man derzeit für das Geld nicht – ausgebremst wird man allein durch die schlechte Verfügbarkeit.

(acb)

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