Online-Musik-Pionier Jim Griffin: US-Parlament käuflich wie nie zuvor Update

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Jim Griffin war Pionier der Online-Musik. Nach den US-Wahlen sprach er mit c't über das Wunder der legalisierten Handy-Entsperrung, warum die Republikaner gar nicht gewonnen haben und wie das Copyright in 50 unterschiedliche Varianten zerfällt.

Die Berufsbezeichnung "Media Technologist" verrät wenig. "Ich sage der Musikindustrie, wie sie Geld verdienen kann", fasst Jim Griffin seine Tätigkeit zusammen. Er ist einer der am besten vernetzten Akteure in der US-Musikbranche. Den Ausgang der US-Wahlen beurteilt er anders als die meisten Kommentatoren: "Das war kein Sieg für die Republikaner. Zwar haben die Wähler für sie gestimmt, aber (inhaltlich) haben sie die Republikaner nicht unterstützt." Tatsächlich sind mehrere Volksabstimmungen gegen die republikanischen Positionen ausgegangen.

Jim Griffin: "Es gibt Rekordumsätze in der Musikindustrie. Aber das Geld dringt nicht zu den Künstlern durch." (Bild: heise online / Daniel AJ Sokolov)

"Alle sind frustriert, dass das Parlament nichts weiterbringt", sagte Griffin im Gespräch mit c't in Vienna, Virginia, nahe der US-Hauptstadt Washington, DC. Die Interessen mit Geld dahinter hätten zu viel politischen Einfluss. "Man kann das Parlament nicht dazu bringen, gegen diese Interessen zu agieren." Und: "Dieses Parlament ist wahrscheinlich so käuflich wie kein anderes."

Und doch gab es in jüngster Vergangenheit eine Ausnahme: Die Entsperrung von Handys mit SIM-Lock wurde explizit für legal erklärt, zum Unbill der Mobilfunkbranche. Ermöglicht hatte das der Druck einer lautstarken Bürgerbewegung, ausgelöst vom republikanischen Aktivisten Derek Khanna.

"Er hat ein Wunder vollbracht!", war Griffin voll des Lobes über Khanna. "Er hat ein Gesetz durch das Parlament gebracht. Daher habe ich ihn auch für den World Technology Award nominiert." Als ehemaliger Finalist ist Griffin Mitglied der austragenden Organisation.

Khanna ist Mitte 20 und "ein Dorn im Fleisch der Republikaner", wie Griffin sagte. Über die Landesgrenzen hinaus bekannt wurde der junge Jurist, als er von den Republikanern gefeuert wurde. Khanna war beauftragt worden, einen Aufsatz über Reformen des Copyright zu verfassen. Das Ergebnis gefiel manchen Parteigranden gar nicht. Auch gegen das Überwachungsprojekt PRISM hat sich der Republikaner ausgesprochen.

Weitere Wunder erwartet Griffin nicht: "Dieses Parlament wirkt nicht stärker nach Veränderung beim Copyright als das vorhergegangene." Zwar sähen beide Parteien Handlungsbedarf, doch seien ihre Lösungsweisen zu unterschiedlich.

Dringender Handlungsbedarf besteht nicht nur aufgrund technischer Neuerungen, sondern auch wegen einer aktuellen Gerichtsentscheidung aus Kalifornien: Dort wurde entschieden, dass Aufnahmen, die vor dem 15. Februar 1972 gemacht wurden, nicht unter die Lizenzen nach dem bundesweiten Copyright fallen. Wer solche Aufnahmen nutzen will, muss sie nach den alten Copyright-Vorschriften jedes einzelnen US-Bundesstaates lizenzieren.

"Das wichtigste Copyright-Gesetz ist derzeit nicht das bundesweite, sondern das von Kalifornien", klagte Griffin. "Diese Föderalisierung ist ein Rückschritt. Während Europa an der Vereinheitlichung arbeitet, gehen die USA in die andere Richtung. Es ist wirklich nicht hilfreich, 50 verschiedene Copyrights zu haben." Der Aufwand, eine Aufnahme für einen Streamingdienst, ein Satellitenradio oder auch nur einen Film in jedem einzelnen Staat zu lizenzieren, sei nun enorm, eine Lösung aber nicht in Sicht.

"Ich sehe keine neuen Abgeordneten, die die Dynamik verändern könnten. Ich sehe zwei Parteien, die tief in ihren Gräben verschanzt sind. Noch gegensätzlicher als bisher", bedauerte der Amerikaner. Einfach drüberfahren können die Republikaner trotz Mehrheit nicht. Einerseits kann Präsident Barack Obama seine Unterschrift unter Gesetze verweigern. Andererseits "ist die Mehrheit der Republikaner nicht Filibuster-sicher", wies Griffin auf die Grenzen der republikanischen Macht hin.

Durch "Filibuster" genannte Redemarathons kann eine starke Minderheit Abstimmungen verhindern. "Die Republikaner haben den Demokraten zuletzt gezeigt, wie man Sachen verhindert. (…) Vielleicht sind die Republikaner auch froh, dass nichts gemacht wird", feixte Griffin,"Sie wollen ja 'less government'."

"Die gute Nachricht dabei ist, dass es keine neuen extremen Schutzvorschriften geben wird", suchte Griffin eine positive Seite hervorzuheben. "Außer über internationale Abkommen. TPP hat mehr Bedeutung als unser Parlament. Die USA schlagen Staatsverträge vor, deren Inhalt es nicht durch das eigene Parlament schaffen würde."

Bei der TPP (Trans-Pacific Partnership) sei der Schutz künstlerischer Werke indes gar nicht mehr das zentrale Thema. Diskutiert werde vielmehr über den Schutz medizinischer Geräte und medizinischer Verfahren, etwa wie eine bestimmte Operation durchgeführt werden soll. "Die Idee, dass diese Methoden jemandem gehören, ist lächerlich", meinte Griffin, "aber das ist, wo wir heute stehen."

Branchenbekannt wurde Griffin, als er den ersten vollständigen Song zum legalen Download online stellte. Es war der 27. Juni 1994 und das Lied nicht unbedingt jugendfrei: "Head First" von Aerosmith.

Griffin arbeitete damals beim Musiklabel Geffen. Sein Team musste erst die Rechtsabteilung und das Management überzeugen. Aerosmith verzichtete auf die Tantiemen und schließlich ward auch Compuserve überredet. Er erließ für den Download die übliche Zugangsgebühr von zehn Dollar pro Stunde. Der Download dauerte mit den damals üblichen Modems mit 9600 Baud eineinhalb Stunden. Darin sahen Kritiker damals den Beweis der Unsinnigkeit eines Online-Musikbusiness.

"Ich habe auch den ersten Webserver für Hollywood gemacht", erinnert sich Griffin. Der Rest ist Geschichte. Heute sind "Registries" sein Lieblingsthema. "Es gibt Rekordumsätze in der Musikindustrie. Aber (das Geld) dringt nicht zu den Künstlern durch", umriss er die Lage. "Niemand weiß, wer an der meisten Musik die Rechte hält." Eine zentrale Registrierungsstelle könnte dieses Problem lösen, glaubt Griffin.

"Wenn Sie statt 'Guns N' Roses' 'Guns + Roses' oder 'Guns and Roses' in ein Formular eingeben, funktioniert der Abgleich nicht. Semantik kann solche Probleme nicht zur Gänze lösen", beschreibt er das Problem. Das führt zu enormen Summen von "unattributed income" – Lizenzeinnahmen, die nicht zugeordnet werden. "Nur die großen Firmen bekommen einen Anteil daran. Die Künstler werden rechtmäßig abgezockt und wissen es nicht einmal."

Eine Datenbank, in der jedes Musikstück mindestens zwei weltweit eindeutige Nummern (eine für die Komponisten und Librettisten, eine zweite für die an der Aufnahme Beteiligten) erhält, würde das Zuordnungsproblem lösen. Aber nur, wenn die Registrierung von Werk, Aufnahme und Rechteinhabern Voraussetzung für den Tantiemen-Anspruch sei. Sonst wäre die Datenbank nie halbwegs vollständig. Als Vorbild dienen ihm Patente, für die es ohne Eintragung keinen Monopolschutz gibt.

Das US Patent Office führt zwar eine Liste registrierter Werke, aber die Registrierung ist freiwillig, teuer (55 Dollar pro Eintragung), langsam (13 Wochen Wartezeit) und nutzlos: Die Information, wer welche Rechte hält, fehlt völlig. Wer ein Musikstück lizenzieren möchte, weiß erst wieder nicht, an wen er sich wenden muss.

Eine verbindliche Registry nach Griffins Geschmack soll genau diese Lizenzgeschäfte erleichtern. Dann würden die Künstler auch eher zu der ihnen zustehenden Entlohnung kommen, und die legale Abzocke hätte ein Ende. Es überrascht wenig, dass die großen Labels von der Idee wenig begeistert sind.

Dieser Artikel ist der letzte Teil einer Serie zur Lage nach den US-Wahlen. Heise online trifft dazu in der US-Hauptstadt Washington, DC, Experten mit unterschiedlichen Einstellungen und Arbeitsgebieten.
Bislang erschienen:

Die Midterm Elections haben der republikanischen Partei deutliche Mandatsgewinne gebracht. Sie haben nun auch im Senat eine Mehrheit. Auch in vielen Staaten konnten sie reüssieren. Die Demokraten, die Partei US-Präsident Barack Obama, sind nun in beiden Kammern auf republikanische Zustimmung angewiesen.

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