Open Source ist kein Business-Modell

Wissen | Reportage

Eine Studie der 451 Group zeigt: Es gibt viele Wege, mit Open Source Umsätze zu generieren - das klassische Service- und Support-Modell ist dabei keineswegs das wichtigste. Anwender müssen bei kommerzieller Open-Source-Software sehr genau hinsehen.

"Open Source Is Not a Business Model", unter diese Überschrift haben die Marktforscher der 451 Group ihren jüngsten Report zur "Commercial Adoption of Open Source" (kurz CAOS) gestellt, in dem sie die Strategien von über 100 Unternehmen im Open-Source-Umfeld – von "Open Source only", etwa Red Hat, bis zu Firmen wie IBM und Oracle – analysiert haben.

Was die Marktforscher damit meinen? Die untersuchten Anbieter nutzen sehr vielfältige Strategien, um mit Open Source Geld zu verdienen. Das klassische Modell, das den meisten Leuten als erstes einfällt – die Software ist frei, aber Services und Support kosten, siehe Red Hat –, wird zwar von zwei Drittel der Firmen eingesetzt, ist aber nicht einmal bei zehn Prozent der Unternehmen die Haupteinkommensquelle. Die meisten Anbieter, selbst unter den "Open-Source-Spezialisten" noch über die Hälfte, nutzen irgendeine Form von kommerzieller Lizenzierung.

Häufig sieht das so aus, dass die Kernplattform Open Source ist, darauf aufsetzende Zusatzfunktionen jedoch klassisch lizenzierte, proprietäre Software ist – die 451 Group spricht von "Open-Core-Lizenzierung", wie sie beispielsweise JasperSoft und SugarCRM praktizieren. Ein anderer Ansatz ist das klassische Dual-Licensing à la MySQL, wo die Software sowohl unter GPL als auch unter einer kommerziellen Lizenz verfügbar sind, mit der die Lizenznehmer die aus der GPL erwachsende Pflicht zur Offenlegung eigener Weiterentwicklungen vermeiden kann.

Über 80 verschiedene Ansätze fanden die Marktforscher in den analysierten Unternehmen vor, die sie nach vier Faktoren klassifizieren. Faktor eins ist die Lizenz: permissiv wie die BSD-Lizenzen, also ohne Verpflichtungen für Anwender, Distributoren und Weiterentwickler, oder "viral" wie die GPL. Der zweite Faktor beschreibt das Entwicklungsmodell: Erfolgt die gesamte Software-Entwicklung offen, oder gibt es proprietäre Anteile? Existiert eine offene Entwickler-Community, oder sind die Kernentwickler alle Angestellte des Software-Anbieters? Faktor drei ist die Lizenzierung, etwa Open-Core- oder Dual-Licensing. Der vierte Faktor erfasst, wie die Firma Umsätze generiert: beispielsweise über kommerzielle Lizenzen, Support, Subskriptionsmodelle, individuelle Softwareanpassungen oder Services.

Die wichtigste Schlussfolgerung der 451 Group aus den gefundenen Ergebnissen lautet: Open Source ist ein Modell zur Softwareentwicklung und -distribution und damit eine rein taktische Frage. Open Source ist weder ein eigenständiger Markt, noch impliziert sie zwangsläufig ein bestimmtes Business-Modell. Unternehmen, die ihr Geschäft in irgendeiner Weise auf Open Source aufbauen, können zwischen verschiedenen Geschäftsmodellen wählen – welches passt, hängt letztlich davon ab, wie die Software entwickelt und lizenziert wird.

Und ein weiterer Befund der Marktforscher: Die Linie zwischen proprietärer und freier Software verwischt sich immer stärker. Immer mehr Produkte enthalten Open-Source-Bestandteile oder basieren auf Open Source, ohne deswegen selbst freie Software zu sein. Für den Anwender heißt das: Auch wenn in einer kommerziell lizenzierten Software Open Source drinsteckt, ist das nicht unbedingt eine Garantie für Anbieterunabhängigkeit – möglicherweise sind es gerade die proprietären Teile, die für den Einsatz wichtig sind. Ein genauer Blick auf die Strategie des Anbieters ist daher bei kommerziellen Open-Source-Angeboten unverzichtbar. (odi)

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