zurück zum Artikel

OpenSuse 10.2

Test & Kaufberatung | Test Dr. Oliver Diedrich

Mit aktualisierter Software und aufpolierter Optik präsentiert sich OpenSuse 10.2 als solides Update, das Schwächen der Vorversion beispielsweise bei der Softwareverwaltung behebt.

Bild 2 [256 x 192 Pixel @ 36,3 KB]
OpenSuse 10.2: Aufpoliertes Update

Mit der neuen Version 10.2 sorgt Novell für Klarheit: Die Distribution des OpenSuse [1]-Projekts heißt jetzt OpenSuse; der Name Suse Linux bleibt den Unternehmensprodukten Suse Linux Enterprise Server (kurz SLES) und Enterprise Desktop (SLED) vorbehalten. OpenSuse 10.2 ist vor allem ein solides und poliertes Update von Suse Linux 10.1, wo Novell eine ganze Reihe grundlegender Neuerungen eingeführt hatte: 3D-Effekte auf dem Desktop, eine komplett neu gestrickte Softwareverwaltung auf Basis des Zenworks Linux Management, feste Integration der Virtualisierungslösung Xen und der Sicherheitserweiterung AppArmor (siehe Artikel Suse Linux 10.1 [2] auf heise open).

In OpenSuse 10.2 sind diese Entwicklungen gereift. Das hat der Distribution gut getan: Die Softwareverwaltung, in Suse Linux 10.1 noch hakelig, funktioniert jetzt deutlich glatter. Die 3D-Desktopeffekte, die das OpenSuse-Projekt früher aufnahm als andere Distributionen, sind besser integriert. Virtualisierung mit Xen und die Sicherheitserweiterung AppArmor funktionieren einfach.

Wie schon die Vorversion umfasst OpenSuse 10.2 neben der eigentlichen Distribution, die auf fünf CDs nur Open-Source-Software enthält, eine Add-On-CD mit Firmware für einige Geräte (vor allem WLAN-Chips) und einigen proprietären Anwendungen wie Acrobat Reader, Java, RealPlayer und Opera. Herstellertreiber wie die von AVM für die diversen Fritz!-Geräte oder die Grafiktreiber von Nvidia und ATI fehlen allerdings nach wie vor und müssen von Hand nachinstalliert werden.

Eine weitere Add-On-CD bringt zusätzliche Sprachpakete mit – bereits die Kerndistribution unterstützt unter anderem Englisch, Deutsch, Tschechisch, Spanisch, Französisch und Italienisch. Zur Installation eines Standard-KDE- oder -Gnome-Systems in einer dieser Sprachen genügen bereits die ersten drei CDs. Die DVD-Version enthält den Inhalt der fünf Distributions-CDs, die proprietären Pakete und einen Teil der erweiterten Sprachunterstützung.

Die Software ist, wie üblich, auf den aktuellen Stand gebracht. Die DVD bringt fast 2500 Programmpakete mit, darunter Gnome 2.16, KDE 3.5.5, OpenOffice 2.0.4 samt einem Schnellstarter, der große Teile des Office-Pakets beim Anmelden bereits in den Arbeitsspeicher lädt und so das Starten der einzelnen Anwendungen beschleunigt, Firefox 2.0 und die Bilderverwaltung F-Spot 0.2.2. MP3-Dateien lassen sich mit dem Player Banshee 0.11.2 abspielen, viele andere Audio- und vor allem Video-Codecs müssen aber noch (wie in anderen Linux-Distributionen auch) nachgerüstet werden. Mit dem Kernel 2.6.18, der glibc 2.5 und Xorg 7.2 ist das System auf dem aktuellen Stand.

Bei der Installation lässt OpenSuse 10.2 die Wahl zwischen KDE- und Gnome-Desktop. Als Standarddateisystem kommt jetzt ext3 statt ReiserFS zum Einsatz, nachdem der ReiserFS-Maintainer Jeff Mahoney im Herbst für den Wechsel plädiert hatte [3]. Wer ReiserFS bevorzugt, kann es aber immer noch auswählen. Die Softwareauswahl präsentiert sich überarbeitet; so genannte Schemata erleichtern die Selektion von nach Funktionen zusammengestellten Programmpaketen. Mit dem Standardsoftwareumfang, gut 2 GByte auf der Platte, werden weder Serveranwendungen noch Entwicklungswerkzeuge installiert, obwohl die natürlich reichlich enthalten sind.

Nach dem ersten Reboot erfolgt eine Registrierung bei Novell, bei der man weder persönliche Daten noch eine Registrierungsnummer angeben muss. Dabei wird ftp.suse.com als Update-Quelle eingerichtet. Das funktionierte problemlos, dauerte im Test allerdings mehrere Minuten. Anschließend kann man gleich per Mausklick die beiden Standard-Repositories mit Open-Source-Software (oss) und proprietären Anwendungen (non-oss) auf opensuse.org einrichten. Im Test gelangten wir danach allerdings wieder zum Registrierungsschirm zurück, wo es nicht mehr weiterging, bis der Prozess mit dem kill-Kommando auf der Kommandozeile beendet wurde. Der Grund für dieses Fehlverhalten, das bei einer zweiten Installation nicht auftrat, ließ sich nicht herausfinden.

Bild 5 [253 x 262 Pixel @ 24,6 KB]
Die Softwareverwaltung ist benutzbarer geworden.

Viele Anwender von Suse Linux 10.1 haben sich über die Softwareverwaltung beklagt, die die Entwickler bei dieser Version – wohl vor allem in Hinblick auf die Enterprise-Versionen – auf Zenworks umgestellt hatten. In Suse Linux 10.1 zeigte sich, dass diese flexible und leistungsfähige, aber langsame Managementlösung für eine einzelne Workstation ohne zentrale Softwareverwaltung schlicht Overkill ist. In OpenSuse 10.2 haben die Entwickler Konsequenzen gezogen und neue Tools gebaut, mit der man ohne signifikante Funktionseinschränkungen auf den ZENworks Management Daemon zmd und die zugehörigen Zenworks-Anwendungen verzichten kann.

Dazu entfernt man im Runlevel-Editor des Konfigurationstools Yast das Init-Skript novell-zmd aus den Runlevels 3 und 5. Unter "Installationsquelle wechseln" lässt sich Yast so konfigurieren, dass die eingerichteten Software-Kataloge nicht mehr mit ZENworks synchronisiert werden. Den standardmäßig eingerichteten ZenUpdater ersetzt man durch opensuseupdater, das ohne zmd auskommt. Man findet das Tool im KDE-Startmenü unter System/Desktop-Applet, bei Gnome unter Anwendungen/System – oder startet es einfach von Hand. Yast installiert auch ohne Zenworks aus Repositories im Internet, für die Kommandozeile steht mit zypper eine zmd-freie Alternative zu rug zur Verfügung. Damit fühlt sich die Softwareverwaltung deutlich flüssiger an als in der Vorversion.

weiter: Optik, Fazit [4]

Bild 3 [256 x 192 Pixel @ 31,3 KB]
Der Gnome-Desktop mit speziellem Startmenü

Gnome wird in der Version 2.16 installiert, sieht für eingefleischte Gnome-Fans allerdings etwas ungewohnt aus. Zum einen verwendet OpenSuse lediglich ein Panel am unteren Bildschirmrand. Zum anderen hat man das Standard-Startmenü durch das von Novell entwickelte gnome-main-menu ersetzt, das wesentlich mehr Funktionen, aber auch eine ganz andere Optik und Bedienlogik mitbringt als das klassische Gnome-Startmenü. Auch unter KDE 3.5.5 kommt ein eigener Suse-Stil für das Hauptmenü zum Einsatz. Ansonsten bieten beide Desktops ein ähnliches Bild wie in der Vorversion, sieht man davon ab, dass die Desktop-Suchmaschine Beagle standardmäßig läuft.

Da OpenSuse 10.2 die proprietären Grafiktreiber von Nvidia und ATI nicht enthält, muss der Anwender diese Treiber zunächst nachinstallieren, wenn er in den Genuss beschleunigter 3D-Grafik kommen möchte – egal, ob für die hippen 3D-Effekte auf dem Desktop, für Spiele oder "bloß" für die OpenGL-Bildschirmschoner. Der empfohlene Weg für Nvidia-Karten geht über das Hinzufügen von download.nvidia.com im Yast-Tool "Installationsquelle wechseln"; das korrekte Verzeichnis ist /opensuse/10.2. Nun kann man in Yast oder via zypper die beiden Pakete x11-video-nvidia und je nach installierter Kernelversion (herauszufinden mit uname -r) nvidia-gfx-kmp-default oder nvidia-gfx-kmp-bigsmp installieren.

Allerdings lässt sich so lediglich die aktuelle Treiberversion 1.0-9631 einspielen, die auf älteren Nvidia-Karten nicht oder nur eingeschränkt funktioniert. So ließ sich die (nicht mehr ganz taufrische) Geforce-3-Karte unseres Testsystems damit nur in einer Auflösung von 800x600 Pixeln betreiben. Nach Installation der Treiberversion 1.0-7184 von www.nvidia.com/object/unix.html funktionierte die 3D-Beschleunigung korrekt – dazu muss das allerdings das Softwareschema Linux-Kernel-Entwicklung installiert sein.

Bild 4 [256 x 192 Pixel @ 39,8 KB]
Die 3D-Effekte für den Desktop sind auf Benutzbarkeit vorkonfiguriert.

Der Compositing Manager Compiz und die von Novell entwickelte X11-Erweiterung Xgl – Voraussetzungen für 3D-Effekte auf dem Desktop – werden standardmäßig installiert, sodass sich die transparenten Fenster mit Schattenwurf, der Würfel zum Umschalten zwischen den virtuellen Desktops und diverse andere Funktionen, wie sie Mac OS X vorgemacht hat, problemlos aktivieren lassen. Im Gnome-Kontrollzentrum steht dazu ein eigenes Tool (gnome-xgl-xettings) zur Verfügung. Das bietet zwar nur begrenzte Einstellmöglichkeiten, liefert aber eine angenehme und benutzbare Vorkonfiguration der Effekte mit ansprechender Optik und ohne nervende Gimmicks.

OpenSuse 10.2 präsentiert sich als solides Update, in der die vielen Neuerungen der Vorversion gereift sind. Die Softwareverwaltung arbeitet mit den neuen Tools ohne Zenworks deutlich flotter und ähnlich flexibel wie bei der Konkurrenz, die 3D-Effekte für den Desktop sind besser integriert. Schon allein die aktualisierte Software und die polierten Desktops dürften für viele OpenSuse-Fans ein Grund sein, auf die neue Version umzusteigen. (odi [5])


URL dieses Artikels:
https://www.heise.de/-222021

Links in diesem Artikel:
[1] http://www.opensuse.org
[2] https://www.heise.de/ct/artikel/Suse-Linux-10-1-erster-Test-221941.html
[3] http://www.heise.de/open/news/meldung/79422
[4] http://www.heise.de/open/artikel/82151/1
[5] mailto:odi@heiseopen.de