Optimiert für ...?

@ctmagazin | Editorial


Optimiert für ...?

Viel hat man noch nicht gehört vom Internet Explorer 8, über dem in Redmond die besten Programmierer schwitzen. Aber was Microsoft jetzt nach außen dringen ließ, reichte schon, um die Gemeinde der Webstandard-Experten und HTML-Helden zu spalten, als würden die Browser-Kriege in eine neue Runde gehen.

Als Microsoft 2006 seinem rostigen Ritter Internet Explorer endlich einen neuen Helm aufsetzte und den IE7 herausbrachte, meldeten sich wütende Webdesigner zu Wort. Ihre Seiten waren so auf den seit Jahren nicht mehr weiterentwickelten IE6 zugeschnitten, dass sie mit dessen Nachfolger nicht recht konnten.

Anscheinend war das eine traumatische Erfahrung für Microsoft, deren Wiederholung beim IE8 eine verzweifelte Maßnahme verhindern soll: ein Webseiten-Header, der die Kompatibilität zu bestimmten Browser-Versionen ausweist. Fehlt dieser Header, soll der IE8 so tun, als wäre er der IE7.

Die große Frage ist nun, ob Rückwärts- und Vorwärtskompatibilität zusammengehen. Wird Internet Explorer 12 seine fünf Vorgänger emulieren können? Wird er deren Sicherheitslücken mitschleppen? Wird dadurch nicht die Software schwerfällig, die Entwicklung neuer Versionen unerträglich komplex? Man stelle sich nur vor, jede neue Stereoanlage müsste jedes Uralt-Format abspielen können, von der Schellack-Platte bis zur DVD-Audio.

Klar, die rasche Entwicklung von Webstandards, Browsern und Editoren hat den Erben des ersten Internet-Booms eine Hypothek von verkorksten Webseiten und Browser-Altlasten hinterlassen. Sicher, es gibt längst Ansätze zur Rückwärtskompatibilität. So wechselt der Browser bei manchen Webseiten in den sogenannten Quirksmode, der das fehlerhafte Verhalten älterer Software nachahmt. Doch dieser Marotten-Modus häuft eben nicht mit jeder neuen Version mehr historischen Ballast an. Er verspricht nicht, für immer all die Browser-Weichen, krummen Tricks und CSS-Hacks nach den Vorstellungen ihrer Schöpfer darzustellen - Notlösungen, wie sie vor allem alte Versionen des Internet Explorer nötig mach(t)en. Doch statt den Webdesignern den kurzen Schmerz zuzumuten, den faulen Zahn zu ziehen, klebt Microsoft eine dicke Plombe darauf.

Dem Kompatibilitäts-Header liegt ein grundlegendes Missverständnis zugrunde: Webseiten werden nicht für bestimmte Browser geschrieben. Es ist eine Frage von wenigen Jahren, dass jedes Handy, jeder Fernseher und jede Spielkonsole zum Web-Client wird. Das macht allgemeingültige Standards dringender denn je. Und die funktionieren schon heute: Die unseligen "Optimiert für"-Disclaimer sind fast verschwunden, die Browser-Engines nähern sich einander an.

Standardkompatible Browser machen also nicht, wie es bei Microsoft heißt, "das Web kaputt", wenn sie schlimmstenfalls ein paar Pixel anders setzen als ihre Vorgänger. Eine Gefahr ist vielmehr der Versuch, Design-Murks von gestern als Altlast für immer einzubetonieren.

Aber vielleicht schaufelt sich das IE-Team mit dieser Neuerung auch sein eigenes Grab. Wenn IE8 per Voreinstellung alles so macht wie sein Vorgänger - wer braucht ihn dann?

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