Pappkameraden

@ctmagazin | Editorial

Pappkameraden

"Tus nicht!" Zu spät, David hat die neue Version schon eingespielt. Verwende nie ungetestete Revisionen einer Software, habe ich ihm immer wieder gepredigt. Normalerweise hört er ja in solchen Fällen auf den Papa - nutzt aber nix, wenn die "stable versions" des Linux-Kernels im Wochentakt aufeinander folgen.

Schlechte Abstimmung, Entwicklungen, die nicht richtig in den Griff zu bekommen sind, sich einschleichende Fehler: Selbst manch Linux-Fan vertritt schon die Ansicht, der Kernel 2.2 sei die letzte stabile Release gewesen. Dazu dann Programmierergruppen, die sich zu viel auf einmal vornehmen und auch noch untereinander zerstritten sind. Mit dem Siegeszug des freien Betriebssystems zeigt sich auch die Kehrseite des Erfolgs: Koordinations- und Qualitätsprobleme, wie sie von anderen großen Projekten seit langem bekannt sind.

Wird 2002 also als das Jahr in die Geschichte eingehen, in dem wir Kontakt aufnehmen - Kontakt mit der Realität und der bitteren Wahrheit, dass sich das Linux, wie wir es bislang kennen, als Pappkamerad erweist, der bei einem leichten Schubs einfach so umfällt? Blasphemie! Die Gemeinde schreit gequält auf und aktiviert die ideologischen Scheuklappen. Ein User, der nach diversen gar nicht billigen Linux-Versuchen aufgibt, kann nur ein DAU sein: Einfach noch nicht reif für das schöne System, der Kerl. Admins mit Windows oder Solaris auf den Servern? Nichts weiter als degenerierte Idioten, die die Welt in ihrem innersten Zusammenhang nicht verstehen. Linux-Entwickler gar, die leise Zweifel an der Eignung der gegenwärtigen Versionen für den heimischen Desktop-Rechner anmelden: einfach nur Verräter. Denn der eingefleischte Anhänger weiß es besser: Linux in seinem Lauf hält weder Ochs noch Esel auf.

Andere entwickeln derweil Linux zur Marke, ganz unideologisch, ähnlich wie Nike den Swoosh. Gut für IBM, wenn Linux eine Marke wird. Vielleicht überzeugt das den in den Unis der 70er und 80er Jahre gestählten IT-Manager, der sich auch vom Body Shop zum Kauf überteuerter Badeessenzen verleiten lässt. Schlecht für IBM, wenn es dann plötzlich mehr als eine Marke sein soll: Der Chef des IT-Managers erschrickt über die Freak-Szene. Bill Gates geht es ums Geld, das versteht er, die Revolutionsträume und Aufstandsphantasien der Linux-Apologeten sind ihm fremd.

Realismus kehrt ein in der Branche. IBM verkauft Linux weiter an Großkunden, die Wert auf ein von Big Blue höchstpersönlich gewartetes Betriebssystem legen. Der Rest der Nutzer wendet sich neuen Ufern beziehungsweise Systementscheidungen oder Flamewars zu. Recht so, möchte man fast meinen, wenn nicht das "Team Linux" Theater machte, als müsse es die ganze Welt unterhalten.

Übrigens, um Missverständnissen vorzubeugen: Bei David verrichten Linux und Windows ganz unideologisch nebeneinander ihre Dienste. Ein Windows NT 4 mit Service-Pack 6a ist eigentlich ein ganz stabiles System. Auch den daneben vor sich hin werkelnden Pappkameraden durfte man bis vor kurzem ruhig etwas kräftiger schubsen. Noch vor sich hin werkelnd, sei der Gerechtigkeit halber hinzugefügt: David liebäugelt schon mit dem kleinen roten Teufelchen FreeBSD.

Jürgen Kuri

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