Prozessorgeflüster

Von Lapithen und Zentauren

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Während Intel mit lautem Gigahertz-Gerassel auf dem IDF auftrumpft S.16 und AMD etwas hilflos mit der Parole ‘Takt ist nicht gleich Performance’ kontert, schluckt HP mal eben Compaq (c't 19/2001, S. 40). Doch dieses Geflüster lässt die Großen der Branche beiseite und kümmert sich um einen kleinen Mitbewerber.

Ähnlich wie vor einem Jahr zu Transmeta verschlug es mich auch diesmal im Anschluss an Intels Developer Forum zu einer kleinen Konkurrenzfirma: zur Designschmiede Centaur der VIA-Prozessoren in Austin, Texas.

Und während sich damals bei Transmeta viele Leute die Mühsal der ganztägigen c't-Belagerung teilten (Dave Ditzel als CEO, Marc Fleischmann als Entwicklungsleiter, Christian Ludloff als x86-Verifikator, Robert Collins als BIOS-Entwickler, Peter Anvin als Software-Guru und Linus Torvalds als Linus Torvalds) übernahm Zentauren-Fürst Glenn Henry all diese Jobs in Personal-Union. Der ehemalige IBM-Fellow und Dell-Entwicklungsleiter herrscht weitgehend ohne Vizefürsten und ähnlichem Mittelbau über das insgesamt nur 73-köpfige Team in Austin, das damit nicht einmal halb so groß ist wie Transmetas Entwicklermannschaft.

Henry kennt alle Einzelheiten ‘seines’ Chips, schließlich hatte er mit zunächst lediglich vier Gefolgsleuten und 15 Millionen Dollar Startkapital in knapp zwei Jahren ein komplettes und lauffähiges x86-Design aus dem Boden gestampft - nicht optimiert auf hohe Performance, wie Henry betont, sondern auf besonders preiswerte Herstellung.

Transmeta habe keine Chance, so Henry. Zum einen sei die Firma ein typisches Startup mit Hauptblick auf IPO und Aktienkurse und zum andern habe das Crusoe-Design das große Manko, prinzipbedingt nicht kompatibel zu bestehender x86-Infrastruktur zu sein, wohingegen sich die VIA-Prozessoren in das gemachte Nest der Celeron-Prozessoren setzen könnten. Die Frage, ob denn VIA nun nach den Pentium-4-Chipsätzen auch Pentium-4-Sockel-kompatible Prozessoren plane, verneinte Henry vehement. Nein, das sei nicht der angestrebte Low-Cost-Zielmarkt. Vor allem die aufstrebenden Märkte in Fernost, wie Indien, China und Indonesien, aber auch in Südamerika habe er im Visier. Die USA mit fünf Prozent der Bevölkerung besäßen 50 Prozent der PCs, da müsste es also anderswo noch einen Riesenbedarf für Billigst-PCs geben.

Zur kurzzeitigen hausinternen Konkurrenz der Firmen Centaur und Cyrix - VIA hatte beide texanische Firmen nahezu gleichzeitig aufgekauft - meinte Henry, bei Cyrix hätte es viel zu viele Häuptlinge und zu wenig Indianer gegeben. Und während die Cyrixianer noch an ihrem Strom schluckenden Gobi/Joshua-Design herumdebuggten, hätten die Zentauren in nur knapp einem halben Jahr den Winchip 4 (C4) von Pentium- auf Pentium-II-Bus umdesignt und kurz danach den verbesserten Samuel (C5A) nachgeschoben. Und zum Beweis vermachte mir Henry für das c't-Museum einen der ganz seltenen Winchip-4-Prozessoren im Celeron-Gewand. Klar, für welche Entwickler-Crew sich VIA-Chef Wen-Chi Chen schließlich entschied, auch wenn er den Samuel-Prozessor zunächst unter ‘Cyrix’ segeln ließ.

Im Mai dieses Jahres folgte dann der Samuel II (C5B, mit 64 KByte Exklusive-L2-Cache, nur 52 mm2 groß, im 0,15-µm-Prozess gefertigt) und jetzt im September beginnt der Verkauf des dank 1,35 V Core-Spannung besonders Strom sparenden Ezra (C5C). Anders als die Centaur-Mutter VIA oder die Chipschmiede TSMC spricht Henry hier aber korrekt von einem 0,15/0,13-µm-Mischprozess, der nicht ganz an die vollständigen 0,13-µm-Prozesse von IBM und Intel heranreicht.

Derzeit arbeitet man bei Centaur an einer kleinen Variation des Prozessor-Busses, damit die nächste Ausführung (Codename C5M) mit dem Tualatin-Celeron kompatibel ist, also 1,25-V-AGTL+-Signale und Differential Clock bietet.

Spannend wird es dann im nächsten Jahr, wenn der intern bei Centaur C5X genannte Chip herauskommt, den der bibelfeste VIA-Chef vermutlich Nehemia (oder Ester) taufen dürfte. Der C5X besitzt einen 256 KByte großen L2-Cache und ist multiskalar aufgebaut mit zwei MMX- und zwei SSE-Einheiten (3Dnow! wird gestrichen) und - wie sich Henry ausdrückte - mit 1,5 Integer-Einheiten. Außerdem arbeitet hier die FPU mit vollem statt wie bisher mit halbem Takt. Daneben unterstützt der C5X mit seinem LongHaul genannten Powermanagement neben mehrstufiger dynamischer Takt- und Spannungsregelung auch ein Strom sparendes Abschalten der Multiskalarität.

Damit müsste der C5X den Celeron in so gut wie allen Belangen locker in die Tasche stecken, doch ob das alles reicht, dem Celeron genügend Marktanteile abzunehmen, bleibt offen. Intel kontert mit einer aggressiven Preispolitik, und so scheint es derzeit mit den VIA-Prozessoren noch nicht so recht voranzugehen. Wie aus Taiwan inoffiziell verlautet, würden die Prozessoren im Moment nur auf Bestellung hin gefertigt - das spricht nicht für viel Absatz. Auch in Indien oder China sind Intel-Prozessoren halt die erste Wahl.

In der Antike jedenfalls waren die Zentauren letztendlich nicht sonderlich erfolgreich. Zwar konnte einer der kämpferischen Pferdemänner den Celeron - na gut, er hieß hier leicht abgewandelt Celadon - erschlagen: Mit einer Krone ‘schmettert er gegen die Stirne des Celadon’ (aus Metamorphosen von Johannes Heinrich Voß, 1798). Schließlich unterlagen die Zentauren aber den griechischen Lapithen unter dem Beistand des mächtigen Athener Königs Theseus und des Zeus-Sohnes Pirithous. (as)

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Am 9. 9. 2001 um 1:46:40 UTC (= 03:46:40 MESZ) überschreitet das Unix- und Windows-Zeitnormal die Milliarden-Sekunden-Grenze, denn die Standardfunktion time() gibt die Zahl der Sekunden seit dem 1.1.1970, 00:00 Uhr wieder (allerdings ohne Berücksichtigung der seit dieser Zeit eingeschobenen 21 Schaltsekunden). Krisen à la Millennium-Bug sind bei diesem Jubiläum noch nicht zu erwarten, diese stehen erst beim 32-Bit-Integer-Überlauf am 19. 1. 2038 um 3:14:08 UTC an.

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