Prozessorgeflüster

Frühlingserwachen

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Großer Frühjahrsputz bei Intel, Hausherr Andy Grove geht aufs Altenteil, und jede Menge blitzblanke Prozessoren präsentieren sich der Öffentlichkeit. Neben den PC-Prozessoren machen aber auch immer mehr leistungsfähige Signal-Prozessoren von sich reden. Jetzt überraschte uns Siemens mit einem schicken neuen Design.

Intel-Chef Andrew S. Grove hat es verdient, eine Art 'Nachruf' zu bekommen; schließlich hat er ähnlich wie Rockefeller eine amerikanische Bilderbuchkarriere vom Tellerwäscher zum Milliardär hinter sich gebracht. Über seine ungarische Vergangenheit unter dem Geburtsnamen András Grófs spricht er so gut wie nie, man kann sich aber vorstellen, daß er als Jude, Jahrgang 1936, alles andere als angenehme Erinnerungen an diese Zeit hat. Auch warum er 1956 aus Ungarn auswanderte, ist unschwer zu erahnen. Er studierte in New York und später in Berkeley, Kalifornien, Chemical Engineering, und jobbte tatsächlich in Restaurants, um sich seinen Lebensunterhalt zu verdienen. 1963 kam er zu Fairchild und wurde 1967 von den Fairchild-Kollegen und Intel-Gründern Noyce und Moore als Produktionsleiter eingestellt. 1979 wurde er Präsident und 1987 Chief Executive Officer (CEO), und unter seiner Führung mauserte sich Intel zum mächtigsten Halbleiterkonzern der Welt.

Groves spektakulärste Aktion war wohl 1994 seine Erklärung nach Bekanntwerden des FDIV-Bugs im Pentium, als er sich öffentlich entschuldigte und eine lebenslange Umtauschgarantie für alle fehlerhaften Prozessoren aussprach (wir haben noch ein paar alte P5 hier und kommen in etwa 10 Jahren noch mal auf das Angebot zurück - ja, so sind wir ...). Für den Umtausch mußte Intel zwar eine halbe Milliarde Dollar abschreiben, doch bewirkte er einen ungemeinen Schub an Popularität und Vertrauen in die Marke Intel. Summa summarum hat sich wahrscheinlich der Bug sogar gerechnet. Groves ist seit Mai 1997 auch Chairman, das operative Geschäft führt aber bereits seit einigen Jahren Craig R. Barrett, der jetzt als CEO-Nachfolger von Groves vorgesehen ist. Groves bleibt als Chairman noch im Geschäft und wird wohl weiterhin für Zukunftsvisionen und Paranoia zuständig sein.

Intel Frühjahrsoffensive mit dem 400 MHz Deschutes, dem mobilen Pentium II (Codename Tonga) und der Billig-Version Celeron (samt aller kommenden Prozessorpreise) tragen wir mit drei Artikeln in diesem Heft Rechnung, so daß ich mich hier auf weitere Ausblicke beschränken kann. Etwa auf den geheimen Gegenschlag zum erfolgreichen Cyrix-GX, welchen Cyrix jetzt übrigens auch mit 233 MHz vorstellte. Der GX ist ja eine preiswerte Kombination aus Prozessor, Chipsatz, VGA, Soundblaster auf einem Chip. Vor allem Compaq bestückt die Low-Cost-Systeme damit. Intel nennt das Gegenstück Whitney - ob da vielleicht jemand an Houston gedacht hat, den Stammsitz von Compaq?

AMD hat im Embedded-Markt nur seinen Elan, basierend auf einem 486er-Kern, mit nunmehr 100 MHz Takt. Der 266er K6 soll nun wirklich in Stückzahlen ab Mai lieferbar sein. Und so sausten die AMD-Kurse anfang April wieder steil nach oben.

Aufwärts geht's auch mit den DSPs, deren Markt im letzten Jahr um 33 % wuchs. Texas Instruments hat endlich das Einsatzgebiet für ihren Hochleistungs-DSP C6x gefunden: ADSL. Diesem 'Super-Modem' wird von fast allen Auguren eine glorreiche Zukunft vorhergesagt. Logisch, daß hier auch andere DSP-Firmen mitmischen wollen, insbesondere Lucent und jetzt auch Siemens (siehe [#kasten Kasten]).

Ein anderer zukunftsträchtiger Wachstumsmarkt ist DVD. Hier hat nun LSI einen neuen Decoder-Chip L64020 DVD vorgestellt, der mit über zwei Millionen Transistoren fast alle bislang benötigten diskreten Chips für MPEG2-Audio/Video mit Dolby Digital und Linear PCM Audio Decoder in einem Chip zusammenfaßt. Sony will die nächste DVD-Player-Generation damit ausstatten. Dann hat man hoffentlich endlich vernünftige Player, denn allmählich kommt auch in Deutschland Vernünftiges zum Playen. (as)

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Mit einer neue Architektur namens 'Carmel', die als Core für ASICs vorliegt, will Siemens sich einen Teil des lukrativen DSP-Marktes sichern. Carmel entstand in Zusammenarbeit mit der TU Dresden und dem Joint Venture IC.COM, hinter dem der israelische Siemens-Distributor Nisko steht.

Die 16-Bit-Festkomma-Architektur stellt laut Siemens eine Mischung aus konventioneller Super-Skalar- und VLIW-Architektur (Very Long Instruction Word) dar, bei der das Instruktionswort konfigurierbar (CLIW) ist. Damit sollen sich bis zu 15 Operationen in ein Befehlswort packen lassen, was die Basis-Leistung von 120 MIPS in speziellen Fällen bis zu 1800 MIPS hinauftreiben könnte.

Verglichen mit rechenstärkeren VLIW-CPUs wie beispielsweise Philips' auf Videosignal-Verarbeitung spezialisiertem TriMedia, der bis zu 8000 MIPS schaffen soll, oder gängigen Hochleistungs-DSPs wie TIs C60er-Reihe steht Siemens' Ansatz nicht so schlecht dar, da er deutlich weniger Leistung benötigen soll.

Den Core will Siemens an Halbleiter-Hersteller und Custom-Design-Häuser lizenzieren. Erste Bausteine mit dem Carmel-Core darf man allerdings gegen Ende dieses Jahres erwarten. (ea)