Prozessorgeflüster

Von neuen Weinen und alten Schläuchen

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Die Amerikaner haben überall die Nase vorn, Europäer können nicht einmal vernünftig auf dem Mars landen. Nur mit den Wahlmaschinen sind die Neuweltler so erfolgreich wie die Deutschen mit ihrem LKW-Mautsystem. Bei den US-Patenten behält Großmeister IBM weiterhin unangefochten die Führungsposition bei - doch die japanischen Firmen rücken immer näher.

Mit ARM haben die Europäer immerhin wenigstens eine erfolgreiche Prozessorfirma im Rennen, wiewohl die ihre Prozessoren nicht selbst fertigt, sondern nur designt und dann lizenziert - das allerdings mit viel Erfolg. Und „was Intel (auch ein Lizenznehmer von ARM) kann, das können wir auch“, hat ARM nun beschlossen und lädt erstmals zu einem weltweiten Entwicklerforum im Oktober 2004 ein. Wohin? Natürlich ins Silicon Valley nach Santa Clara, nur einen Steinwurf weit weg von Intels Headquarters.

Noch näher dran, direkt neben Intels Robert Noyce Building befindet sich eine weitere fabriklose („fabless“) Prozessorschmiede, nämlich Transmeta. Transmeta konnte Ende Dezember 2003 wieder ein bisschen Geld in die arg strapazierten Kassen spülen - nein, noch nicht mit Produkten, sondern mit Verkauf von ein paar Millionen Aktien. Richtiges Geld sollen aber irgendwann auch mal die Prozessoren einspielen, und so brachte die Firma zum Jahresanfang 2004 neue verkleinerte Versionen der Crusoe-Prozessoren heraus - zwar mit den selben Chips („Dies“), aber in kleinerer Verpackung. Mit ihren 21 mm x 21 mm kleinen Mini-BGA-Gehäusen sind die neuen TM5700 (256 KByte L2-Cache) und TM5900 (512 KByte L2-Cache) nur noch halb so groß wie die Vorgänger und bieten sich damit viel mehr für die allzeit mit chronischem Platzmangel kämpfenden Sub-Notebooks an. Neben den Crusoes feierte der auf dem Microprocessor Forum 2003 eingeführte Transmeta-Prozessor Efficeon zu Jahresbeginn seine tatsächliche Marktpremiere in Gestalt der Sharp-Subnotebooks Mebius Muramasa PC-MM2-5NE, allerdings vorerst nur in Japan.

AMD begann das neue Jahr mit einem etwas schnelleren Athlon-64-Prozessor (S. 68), Intels Offensive mit dem im 90-Nanometer-Prozess hergestellten Pentium-4-Prescott und dem Pentium-M-Dothan wird erst für Februar erwartet, wiewohl Prescotts schon hier und da so-gar relativ preiswert angebo-ten werden (Tipp: mal nach BX80546PG3000E googlen).

Und Alleinunterhalter Steve Jobs stellte auf der MacWorld Expo in seiner beliebten Early-Morning-Show neue, wenn auch nicht „weltschnellste“ Server vor (S. 18), aber nur mit altbekannten G5-Prozessoren. Die von manchen erhofften schnelleren PPC970-Versionen, womöglich gar schon in 90-nm-Prozess gefertigt, blieben vorerst aus.

IBMs 90-nm-Prozess wirft aber seine Schatten voraus, er scheint auch für andere sehr attraktiv zu sein. So hat VIA jetzt angekündigt, für den nächsten Prozessor mit Codenamen Ester den langjährigen Herstellungspartner TSMC zu verlassen und zu IBM zu wechseln; geplant ist die Produktion für das zweite Halbjahr 2004. Und IBM hilft ja auch AMD prozesstechnisch auf die Sprünge.

Mit circa 3400 im Jahre 2003 erteilten Patenten ist IBM außerdem weiterhin, nun zum zehnten Mal in Folge, klar auf Platz eins der US-Patent-Hitparade. Dahinter folgt der große japanische Mischkonzern Hitachi knapp vor den Landskonzernen Canon, Matsushita und Mitsubishi. Es ist allerdings angesichts der zahlreichen Tochterfirmen (Hitachi beispielsweise hat allein 312 davon) kaum möglich, alle Beteiligungen der Firmen zu berücksichtigen, insbesondere, wenn diese auch noch andere Namen tragen. Solche Töchter wie etwa Renesas, das Joint-Venture von Hitachi mit Mitsubishi für Embedded-Prozessoren, oder Abspaltungen wie Infineon, Epcos oder Agilent laufen bei dieser Betrachtung dann unter eigenem Namen - Fujitsu Siemens indes nicht.

Unsere mit Hilfe des Servers des US-Patentbüros durchgeführte Auswertung beschränkt sich daher auf „Brand Names“, berücksichtigt dabei immerhin noch diverse Schreibfehler und schließt, so gut es geht, Firmen mit gleichem Namen aus, die hier wirklich nichts zu suchen haben, wie etwa die norwegische Ölfirma Intel. ... Bei der interessanten (und - wie erfahrene Geflüsterleser wissen - weinschweren) Frage Intel gegen AMD braucht man indes Intels zahlreiche Firmenaufkäufe der letzten Jahre gar nicht mit hinzuzurechnen - allein mit den unter „Intel Corp“ verzeichneten US-Patenten liegt der Marktführer im Jahr 2003 wieder klar mit 1595 zu 904 in Front, nachdem sich der Konkurrent in den vorausgehenden drei Jahren vor Intel platzieren konnte.

Intels Cheftechnologe Gelsinger hat derweil offenbar nicht nur dafür gesorgt, dass die Patentproduktion angekurbelt wurde, sondern auch die Patentabteilung angewiesen, aufzupassen, dass die Firmenbezeichnung einheitlich und ohne Schreibfehler eingetragen wird - für das Jahr 2002 findet man hier noch ein heilloses Durcheinander. Dass man „Kabushiki Kaisha“ (japanisch für Aktiengesellschaft) in einem Dutzend Schreibvarianten vorfindet, ist ja noch nachvollziehbar, aber „Corporation“ sollte hinzukriegen sein - und IBM-Mitarbeiter sollte man mal belehren, dass die Firma „pluralistisch” als Machines und nicht als Machine auftritt.

Nicht berücksichtigt wurde in unsere Übersicht übrigens die Erfindungshöhe, über die man ja trefflich streiten kann. Manche Firmen sind auch Künstler im filigranen Aufteilen eines Patents auf gleich mehrere Dutzend, so hat sich etwa Samsung rund 20 Patente zum Thema „zyklonische“ Staubsaugertechniken erteilen lassen.

Was IBM in den USA, ist allerdings die Siemens AG in Europa. Sie führt hier ganz klar mit 1703 Patenten (mit allen Töchtern mit Siemens im Namen sind es 2135) vor Bosch GmbH (1465/1542) und Matsushita Electric Industrial (1216/1244). Intel bekam im Jahre 2003 188 EPA-Patente zuerteilt, AMD bleibt auch hier trotz Dresdener Werk mit 106 Patenten zurück. (as)

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Top 20 der US-Patente
Brand US-Patente 2003
International Business Machines (IBM) 3399 (3399)
Hitachi 2286 (1909)
Canon 2024 (1997)
Matsushita 1911 (1849)
Mitsubishi 1850 (1254)
Micron 1711 (1706)
Hewlett-Packard 1699 (1697)
+ 65 Compaq
NEC 1648 (1495)
Intel 1595 (1595)
+ 10 Level One
Samsung 1574 (1303)
Sony 1536 (1360)
Philips 1495 (1335)
Fujitsu 1466 (1330)
Toshiba 1395 (1208)
Siemens 1148 (671)
General Electric 1145 (1072)
Advanced Micro Devices (AMD) 907 (907)
Bosch 849 (758)
Kodak 804 (749)
Xerox 791 (621)
Patente laut US-Patentserver gemäß „Brand Names“ inklusive aller Tochterfirmen, die den Namensbestandteil führen (Mutterfirma in Klammern)

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