Prozessorgeflüster

Von Morphing und Mohikanern

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Mit den Phenom-Prozessoren und der Spider-Plattform, so funken es die einschlägigen Websites, will AMD am 19. November wieder die Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Intel reagiert geruhsam, bringt erst einmal ein paar neue Itaniums und schafft mit einer Handvoll Dollars das Rechtsproblem mit Transmeta aus der Welt.

AMD, so heißt es, wird zunächst nur mit 2,4-GHz-Phenom-Systemen angreifen. Das gibt eine interessante Touringklasse, aber ohne Formel 1 fehlt ja doch was. Schließlich investiert AMD erfolgreich in Ferrari und nicht in Audi und konnte hier Intel (zusammen mit BMW und Sauber) in der letzten Saison auf Platz zwei in der Konstrukteurswertung verweisen. Doch Intel legt jetzt in der Winterpause einen drauf und rüstet den gerade mal ein Jahr alten Supercomputer Albert2 mit rund 10 TeraFlop/s Rechenleistung zum Albert3 auf. Bestückt mit modernen Quad-Cores dürfte dieser auf 20 TeraFlop/s und mehr kommen.

Geld hat die Firma Intel ja genug und kann so auch die insgesamt 250 Millionen Dollar aus der Portokasse zahlen, auf die sie sich mit der kleinen Design-Schmiede Transmeta außergerichtlich geeinigt hat. Intel bekommt dafür das nichtexklusive Recht, alle Patente von Transmeta zu nutzen. Auch in den nächsten zehn Jahren zugekaufte oder von Transmeta neu eingereichte Patente sind darin bereits einbezogen. 150 Millionen gibts als Cash sofort, in den folgenden fünf Jahren werden zusätzlich jährlich 20 Millionen Dollar an Lizenzgebühren fällig. Diese beziehen sich nicht allein auf die Nutzung der Patente, sondern auf die Lizenzierung der kompletten Fertigungstechnologie der Energiespartechniken LongRun und LongRun2.

250 Millionen, das ist zwar nur die Hälfte dessen, was sich Transmeta mit seiner Klage vom Herbst 2006 erhofft hatte, aber immerhin fast so viel, wie das Prozessorhaus seit Bestehen insgesamt an Umsatz erwirtschaftete (280 Millionen). Intel lässt zudem die zwischenzeitlich erhobene Gegenklage fallen, die unter anderem auch einen erfolgsversprechenden Antrag auf Patentaberkennung enthielt. Der daraufhin bestellte Nachprüfer des US-PTO hatte in seiner vorläufigen Begutachtung zumindest eines der Transmeta-Patente bereits in Frage gestellt. Das dürfte Transmetas Kompromissbereitschaft wohl beflügelt haben. Außerdem ging der auf 40 Mitarbeiter geschrumpften Firma finanziell so langsam die Luft aus - AMD musste im Sommer schon eine kleine Spritze von 7,5 Millionen Dollar zum Überleben geben.

Gelohnt hat sich das Ganze für die Anleger trotz der jetzigen Intel-Millionen aber dennoch nicht, denn Transmetas in den letzten zehn Jahren aufgelaufener Gesamtverlust summiert sich auf 702 Millionen. Gerade mal drei Quartale mit schwach schwarzen Zahlen gab es in dieser Zeit, und zwar dank Aufträgen von Microsoft und Sony. Aber die kleine Firma besitzt ja weiterhin ihre durchaus wertvollen Patente, vielleicht werden diese ja noch mal vergoldet. Der Aktienkurs verdreifachte sich jedenfalls nach dem Deal umgehend.

Allerdings werden sich zunächst Transmetas Anwälte aus der Delaware’schen Anwaltskanzlei Ropes & Gray and Morris, Nichols, Arsht & Tunnell mit bestimmt zehn Prozent Provision an den Intel-Dollars bedienen. Weiterhin steht immer noch die Klage der Anleger gegen Transmeta und 407 weitere Firmen aus der Internet-Blasen-Zeit wegen falscher Versprechen bei der Börseneinführung im Raum: „In re Initial Public Offering Securities Litigation, Master File No. 21 MC 92“ harrt man noch der Entscheidung der New Yorker Richterin Shira Scheindlin.

Intel hat sich also nunmehr neben den LongRun-Energiespartechniken vor allem auch die Rechte an allen wichtigen Patenten rund um das sogenannte Code-Morphing gesichert. Vor einigen Jahren schon wurde der legendäre russische Computerpionier Boris Babayan mit seinen diesbezüglichen Patenten und Kenntnissen als Intel-Fellow „eingemeindet“. Nun hat man auch Transmetas Segen - da steht neuen Prozessoren mit Code-Morphing-Technik nichts mehr im Wege. Viele Fachleute glauben ohnehin, dass das die Technik der Zukunft ist. Transmeta war eben ein bisschen zu früh dran und hatte als kleines Designhaus ohne eigene Fabrikation eh keine Chance. Virtualisierung der Systeme ist im Moment jedoch der Renner und beim Code-Morphing wird auch der komplette Prozessor selbst samt seinem Befehlssatz virtualisiert.

Ein damit arbeitender „software-basierter Mikroprozessor“ könnte beispielsweise zur Laufzeit die heißen Punke (Hot Spots) von Programmen ermitteln und den betreffenden Code gezielt für die jeweilige Workload dynamisch optimieren - was die Performance zum Teil drastisch verbessern könnte. Außerdem kann man weitaus bequemer neue Features hinzufügen als bei den „hartverdrahteten“ Kollegen, wie beispielsweise vor einiger Zeit das „No Execution“ von Speicherseiten, oder Bugs beseitigen - bei einem Transmeta-Chip geht das im Handumdrehen durch ein simples Update der Code Morphing Software (CMS).

Es geht das Gerücht, dass Transmeta-Investor und -Partner AMD beim ursprünglich vorgesehenen K10 an so etwas - wenn auch erfolglos - herumgebastelt habe. Intel sagt man nach, Ähnliches zunächst für die Itanium-Schiene auszutüfteln. Wer weiß, vielleicht mischt der Itanium dann auch wieder kräftig bei x86-Software mit. Der derzeitige Itanium erledigt das mit gar nicht so schlechtem Wirkungsgrad auch schon rein in Software (Instruction Execution Layer). Apropos Itanium: Nun hat Intel das versprochene Mini-Update namens Montvale mit insgesamt sieben verschiedenen Prozessoren - sechs Dual-Cores 9220M bis 9150M mit bis zu 1,66 GHz und 24 MByte L3 Cache, ein Single-Core 9110M mit 1,6 GHz/12 MByte - offiziell herausgebracht. Ein etwas schnellerer Fontside-Bus, ein bisschen verbessertes Power-Management sowie ein neues Feature - das wars. Mit „Core Level Lock-Step“ können jetzt die beiden Itanium-Cores parallel die gleichen Berechnungen durchführen und sich so gegenseitig überwachen (paarweise Redundanz). Auf Sockel-Ebene ist das bei vielen Prozessoren in fehlertoleranten Systemen ohnehin schon lange üblich, bereits der Pentium beherrschte den Master/Checker-Betrieb. Montvale soll jetzt eigentlich nur noch die Zeit bis zum wirklichen für Ende 2008 geplanten Itanium-Renner Tukwila überbrücken und die Kunden bei Laune halten.

Wer geglaubt hat, das A20-Gate wäre nun zumindest aus der Itanium-Welt verschwunden, der irrt. Langjährige c't-Leser wissen vielleicht, dass ich immer wieder gerne an dieses Relikt aus dem Prozessor-Mesolithikum erinnere, also dem Jahre 8086 vor unserer Zeit, ist es doch für die Kompatibilität zu DOS-Programmen unerlässlich. Beim Itanium-Montecito und -Montvale ist das im Pinout vorhandene A20M-Signal intern nicht mehr verdrahtet, aber Abhilfe ist in Sicht: Im Protokoll der für die nächsten Prozessorgenerationen geplanten seriellen Links namens QuickPath Interconnect ist es selbstredend wieder vorgesehen, genauso wie bei AMDs HyperTransport. Das Gate muss wohl auch den Netzdoktor inspiriert haben, der unter Kennziffer A20 treffsicher die passende Krankheit auflistet: die Pest (www.netdoktor.de/icd-diagnosen/040015.html). (as)

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