Prozessorgeflüster

Von Indern, Iren und Texanern

Trends & News | Prozessorgeflüster

Design Center allerorten, sei es für normale oder für Mikroprozessorkünstler. Als neuer Häufungspunkt wächst in Indien Bangalore heran – Taipeh ist ohnehin einer und in den USA ballen sich solche Center vor allem in Austin, Texas. Dort in Texas feiert man jetzt außerdem den 50. Geburtstag einer der wichtigsten Erfindungen der Szene überhaupt: die integrierte Schaltung.

Verkehrte Welt: In Bangalore, im indischen Bundesstaat Karnataka, designen Intel-Entwickler gigantische Serverprozessoren mit 1,9 Milliarden Transistoren, während das Intel Design Center in Austin, Texas, atomare Kleinst-Prozessoren für aufstrebende (emerging) Märkte entwickelt, umrundet von den großen Serverschmieden wie IBM, Hewlett-Packard – mit den ehemaligen Compaq-Werken in Houston – und Dell. Letztere Firma will zwar laut einem Bericht im Wall Street Journal einen Großteil der PC-Produktion nach Asien outsourcen und die heimischen Fabriken verkaufen – Server aber sollen wohl weiterhin in Nord-Austin produziert werden. Die angeblichen Outsourcing-Pläne sind natürlich ein Alarmsignal für das irische Städtchen Limerick, das nicht nur für seine Fünfzeiler berühmt ist, sondern inzwischen auch als größter europäischer Dell-Standort eine Bedeutung hat. Zufällig verlässt zudem nächsten Monat der langjährige Chef Nicky Hartery das schwankende Dell-Schiff – aber sturmfeste irische Politiker sehen keine unmittelbare Gefahr.

In Texas ist, wie man unschwer dem Namen entnehmen kann, auch der IT-Konzern Texas Instruments beheimatet. Die Headquarters sind allerdings nicht in der beschaulichen Hauptstadt Austin, sondern 200 Meilen nördlich in der eher hektischen Millionenstadt Dallas angesiedelt. Dieser Tage hat Texas Instruments einen besonderen Grund zum Feiern: Eine ihrer wichtigsten Erfindungen, die integrierte Schaltung des TI-Ingenieurs Jack St. Clair Kilby, wurde am 12. September 50 Jahre alt. Dafür bekam der 2005 gestorbene Ingenieur im Jahre 2000 verdientermaßen den Physik-Nobelpreis. Kilbys auf einer Glasplatte zusammengeklebtes Flip-Flop aus Germanium-Plättchen war allerdings von einer „echten“ monolithischen integrierten Schaltung mit „Direct Connect Architecture“ noch weit entfernt, anders als die wenige Monate später eingereichte Entwicklung von Robert Noyce, der seine Silizium-Chips damals noch bei Fairchild buk.

Fairchild und TI einigten sich bezüglich Urheberschaft erst nach jahrelangem, teurem Rechtsstreit – da hatte Noyce schon Fairchild verlassen und zusammen mit Gordon Moore die Firma Intel gegründet. Mit dieser raufte sich dann TI weiter um dies und das, etwa um die Frage, wer denn nun den ersten Mikroprozessor erfunden hat. Auch hierbei obsiegte letztlich TI, sodass, anders als Intel es gerne darstellt, nicht den Intel-Ingenieuren Hoff und Faggin, sondern ihrem TI-Kollegen Gary Boone diese Ehre zugesteht.

So ganz glücklich über den Ablauf der 50 Jahre Kilby dürfte die Firma TI indes nicht sein, konnte sie doch über Jahrzehnte hinweg für das im Februar 1959 beantragte und 1965 erteilte US-Patent mit Nummer 3,138,743 die Hand aufhalten – in Japan sogar bis Anfang dieses Jahrtausends, denn dort wurde es als umstrittenes „257“-Patent nach langer Prüfung erst 1989 erteilt.

In den 70er und 80er Jahren waren TIs LS- und CMOS-Bausteine, aber auch Taschenrechner wie der legendäre TI30 das Maß der Dinge. Nur bei den Mikroprozessoren hat sich TI zurückgehalten, stattdessen bei den Analog- und Signalprozessoren vorne mitgemischt und im Embedded-Markt.

Böse Zungen behaupten jedoch, TI habe dank sprudelnder Patenteinkünfte zu lange faul in der texanischen Sonne gelegen und dabei versäumt, neue Entwicklungen voranzutreiben. So ging man mit dem einst groß angelegten Versuch, auf den x86-Prozessorzug aufzuspringen, sang- und klanglos unter. Die Chipherstellung – etwa als Schmiede für Suns SPARC-Prozessoren – holperte zuweilen ebenfalls. Im letzten Jahr hat man sich dann überraschend von der eigenen Weiterentwicklung der Prozesstechnologie ab 32 nm und kleiner verabschiedet und verlässt sich in Zukunft auf Kooperationen mit den taiwanischen „Foundries“ TSMC und UMC.

Das Microprocessor Development Center von TI ist aber „natürlich“ wie die vielen Design Center anderer Firmen (AMD, Intel, IBM, VIA, Freescale …) in Austin. Es wird von Mike Johnson geleitet, der viele Jahre lang bei AMD für Prozessorentwicklung zuständig war, wenn auch zum Teil ohne die nötige Fortüne. Sein K5 floppte und spä-tere K-xy-Designs versanken zumeist in irgendeiner Schublade. Stattdessen wurden recht erfolgreich Fremd-Designs samt ihrer Entwickler eingekauft, etwa der K6 von Nexgen oder der K7-Athlon, den der ehemalige DEC-Chefarchitekt und heutige AMD-CEO Dirk Meyer aus dem Alpha-Prozessor zauberte. Johnsons alte AMD-Heimstatt in Austin gibts bald auch nicht mehr. Die Werke wurden schon vor längerer Zeit an die Flash-Tochter abgegeben und die meisten Abteilungen sind zum schicken neuen LoneStar-Campus umgezogen, wo im Sommer die Einweihungsparty stattfand.

Und da man sich in der Stadt am Colorado mit Umzug und Umbau offenbar am besten auskennt, stammen auch die neusten Spekulationen über die Restrukturierung des Hauses AMD von hier, aus der Feder des Journalisten Kirk Ladendorf des Austin American-Statesman. In seinem Blog zitiert er den Chip-Analysten John Lau der Investment-Firma Jefferies & Co, demzufolge die Aufteilung von AMD in einen Design- und Verkaufs- sowie einen Herstellungszweig unmittelbar bevorstehe. Vielleicht wird man mit Erscheinen dieser c't-Ausgabe schon die Pläne im Rahmen der sogenannten Asset-Smart-Strategy veröffentlicht haben. Asset-Smart, das war das nebulöse Lieblingswort von Ex-CEO Hector Ruiz, dessen Aufgabe als Chairman des Board of Directors es wohl ist, diesen Deal zustande zu bringen.

Lau sieht zudem einen liquiden Partner aus Nahost, der mit viel Cash den Riesenschuldenberg von AMD von geschätzt fünf Milliarden US-Dollar reduzieren könnte. Die taiwanische Chipschmiede TSMC erwähnt er nicht, die derzeit anderswo als potenzieller Partner kursiert (die Firma hat immerhin schon ein Design Center in Austin …). Vom defizitären Digital-TV-Bereich hat sich AMD kürzlich schon getrennt, Broadcom blätterte fast 200 Millionen Dollar dafür hin. Er umfasst die via ATI zu AMD gekommenen Xilleon- und Theater-300-Prozessoren für digitale Fernsehempfänger und die Receiver-ICs der Baureihe NXT sowie 530 Mitarbeiter. Dieser Verkauf und die Aufteilungsgerüchte machen AMD-Anlegern offenbar wieder Mut, die Aktienkurse legen jedenfalls seit ein paar Wochen wieder kräftig zu. (as)

Kommentare

Anzeige
Anzeige