Prozessorgeflüster

Von Ausgründungen und Einkäufen

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Während an der Stanford University die Entwickler ihre neuen heißen Chips vorstellen, ist Intel wieder auf Einkaufstour. Texas Instruments will auch einkaufen, und zwar Ausrüstung von Qimonda aus der Konkursmasse.

Hardware braucht die Intel Corporation derzeit nicht – davon hat sie selbst genug –, aber bei der Software gibt es offenbar allerhand Bedarf. So kaufte sie im Herbst letzten Jahres die irische Firma Havok, die eine häufig genutzte Physik-Engine für 3D-Spiele und Filme entwickelt hat, unter anderem eingesetzt in Half Life 2 und The Matrix. Im Juni war dann ein größerer Happen dran. Mit Wind River Systems angelte sich Intel für 884 Millionen Dollar einen in der Embedded-Welt gut verankerten Anbieter von Echtzeit-Betriebssystemen, Tools und Services, der sich neben seinem selbstentwickelten VxWorks zunehmend auch Moblin und Android gewidmet hat.

Nun folgten mit RapidMind und Cilk Arts zwei weitere Softwarefirmen, die zwar mit weniger als 50 Mitarbeitern nicht allzu groß sind, die sich aber im Bereich der Multicore-Programmierung einen Namen gemacht haben.

Die plattformübergreifende Idee von RapidMind. Was davon jetzt nach Intels Übernahme noch übrig bleibt, steht in den Sternen.

So ist die in Waterloo, Kanada, beheimatete RapidMind Inc., eine Ausgründung der dortigen Universität, in den letzten Jahren überall auf den Supercomputer-Konferenzen aufgetreten und hat ihre plattformübergreifende Entwicklungsumgebung vorgestellt, mit der man aus einem Source-Code Software für Cell, AMD/ATI-Stream, Nvidia-Cuda und x86 erstellen kann. Oft sah man dabei die Rapid-Mind-Demos auf AMDs Firestream-Karten – das dürfte nun wohl anders werden. Intels Interesse, eine Softwareumgebung für Stream, Cuda und Cell zu pflegen, dürfte nicht sehr ausgeprägt sein, stattdessen wird wohl der kommende Grafik- und HPC-Prozessor Larrabee im Mittelpunkt stehen. Und nebenbei entzieht man mit der Herrschaft über RapidMind der Konkurrenz eine interessante Plattform.

Cilk Arts ist ebenfalls eine Uni-Ausgründung, und zwar vom MIT. Sie hat einen C++-Compiler für Linux, Windows und Mac OS entwickelt, der noch einfacher als per OpenMP die Parallelisierung von seriellem Code ermöglicht. Er kommt dabei mit drei Schlüsselwörtern aus (cilk_for, cilk_spawn, cilk_ sync).

Intel – ohnehin schon die bei weitem größte Compiler-Firma der Welt – baut also den Bereich Multicore-Programmierung für C++ weiter kräftig aus, neben OpenMP, Threading Building Blocks und Ct nun also auch mit Cilk und RapidMind. Da kann es Microsoft langsam angst und bange werden: Betriebssysteme hier, Compiler und Entwicklungsplattformen da – Intel positioniert sich zunehmend gegen die Redmonder. Und auch beim GUI bahnt sich was an: Heißt doch Intels neuer Busenfreund Nokia, der nun mit seinem ersten Netbook namens Booklet 3G (Seite 53), betrieben mit Intels Atom-Prozessor, diese Freundschaft untermauert. Und hat nicht Nokia im vorigen Jahr die norwegische Entwicklerschmiede Trolltech gekauft, deren plattformübergreifende, kostenlose Open-Source-Entwicklungsumgebung Qt weltweit immer mehr Anklang findet? Dagegen sind die nur unter Windows laufenden Microsoft Foundation Classes doch wirklich kalter Kaffee.

Für Nokias Kerngeschäft der Smartphones und Handys ist der Atom derzeit noch nicht zu gebrauchen, das soll sich aber mit dem Nachfolger Moorestown in der Menlow-Plattform bald ändern. Auf der Hot-Chips-Konferenz berichtete Intel-Architekt Rajesh Patel, dass man nicht auf den übernächsten Chip Medfield in 32-nm-Technik warten müsse, sondern dass sich der Ende dieses Jahres erwartete Moorestown (im speziellen 45-nm-Low-Power-Prozess) bereits bestens für dieses Segment eigne. Seine neuen Stromsparmethoden sollen dafür sorgen, dass er im Leerlauf nur noch ein Fünfzigstel des aktuellen Vorgängers verbraucht.

Smartphone-Platzhirsch ARM wird natürlich kontern, etwa in Gestalt der Cortex-A9-Kerne im neuen OMAP-44xx-Chip von Texas Instruments. TI wird ohnehin wieder etwas aktiver, die Texaner wollen unter anderem die komplette Ausrüstung der Qimonda-Fabrik in Richmond/Virginia kaufen, um damit ihr stillliegendes Werk in Richardson/Texas (RFAB) zu beleben. Dann hätte TI ein weiteres Werk für 300-mm-Wafer, in dem man etwa die neuen OMAP-Chips in 45 nm fertigen könnte. Kleinere Strukturen will TI aus Kostengründen nicht mehr selbst herstellen, sondern auf Auftragsschmieden wie Charted, UMC und TSMC oder möglicherweise auch GlobalFoundries ausweichen.

Dem Vernehmen nach will TI in Richardson aber keine Digital-, sondern Analogchips fertigen. Das wäre dann weltweit die erste 300-mm-Fabrik für Analogtechnik. Normalerweise lohnt sich hierfür eine so teure Fabrik nicht, aber wenn man die komplette Ausrüstung zum Schnäppchenpreis von gerade mal 172,5 Millionen Dollar bekommt, dann eben doch.

Richardson in Texas – da dämmert doch was. Alte Prozessorhasen werden sich vielleicht noch erinnern: Hier war einst das kleine Prozessorhaus Cyrix beheimatet. Deren Technik ist inzwischen weitgehend abgewickelt – aber nicht ganz, denn das chinesische Ministerium für Wissenschaft und Technik und die Universität Peking besitzen noch Lizenzen. Und wer weiß, vielleicht kommt ja noch was Cyrix-artiges aus chinesischer Produktion.

Der andere Prozessorzwerg jener Zeit namens Transmeta ist ebenfalls inzwischen abgewickelt – aber die Patente leben noch. Zwischendurch hatte die vor kurzem pleitegegangene Firma Novafora die Rechte daran, aber nur, um sie umgehend an Intellectual Ventures weiter zu veräußern. Diese Patentverwertungsgesellschaft wurde interessanterweise von dem ehemaligen Chief Technology Officer von Microsoft, dem promovierten Physiker Nathan Myhrvold zusammen mit einem Microsoft-Chef-Architekten und zwei Juristen gegründet. Und Microsoft steckt als Investor mit drin, genauso wie Intel, Nokia, Apple, Sony, Google, eBay und andere. Fast alle müssen auch Patentgebühren an Intellectual Ventures entrichten, Intel etwa allein für die Nutzung der Transmeta-Patente bis 2012 pro Jahr 20 Millionen Dollar. Vielleicht wird Intel davon auch bald mehr Gebrauch machen.

Transmeta-Gründer Dave Ditzel arbeitet hier seit einiger Zeit in geheimer Mission im Bereich Hybrid Parallel Computing, und auch der legendäre, inzwischen schon 76 Jahre alte russische Prozessorspezialist Boris Babayon, dient noch als Fellow bei Intel. Babayon und Ditzel, die sich noch gut aus ihrer gemeinsamen Zeit in Moskau kennen, gelten als Väter des „Code-Morphing“ und der „Binary Translation“, eine Technik, die die Prozessor-Hardware komplett vom Befehlssatz abstrahiert. In Transmetas Crusoe- und Efficeon-Prozessoren war das nur recht unvollkommen implementiert – Intel könnte das weit besser. Und so glauben viele Insider, dass dem Code-Morphing die Zukunft gehört und es vielleicht schon in Intels übernächster Prozessorgeneration zu neuem Leben erwacht.

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