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Quelloffene Kür: Open-Source-ERP-Systeme im Vergleich

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Komplexe Geschäftsanwendungen auf Open-Source-Basis sind in Deutschland eine Ausnahmeerscheinung – dennoch gibt es sie. Sechs der bekannteren ERP-Systeme können als ernstzunehmende Kandidaten gelten.

Open-Source-ERP

Dieser Artikel erschien ursprünglich in iX 07/09, S. 66.

Quelloffene Software hat sich im Unternehmenseinsatz etabliert. Für zahlreiche Anwendungszwecke gibt es Produkte, die kommerziellen Systemen funktional ebenbürtig sind oder sie sogar in Details übertreffen. Nur auf dem Feld der unternehmensweiten Ressourcenplanung (ERP, Enterprise Resource Planning) sind frei verfügbare Systeme noch weitgehend unbekannt. Diese letzte proprietäre Bastion halten die einschlägigen Hersteller wie SAP & Co.

Doch es kommt Bewegung in die Szene. Die ersten diesbezüglichen Projekte starteten vor gut zehn Jahren. Einige davon sind schon recht weit gediehen, andere befinden sich noch in frühen Entwicklungsstadien.

Die Auswahl und Beurteilung der hier betrachteten Systeme erfolgte nach den im Folgenden beschriebenen Kriterien. Zunächst sollte die Software nicht völlig exotisch sein, sondern über einen gewissen Bekanntheitsgrad verfügen. Hinweise auf den produktiven Einsatz sowie das Vorhandensein einer aktiven Entwickler- oder Anwendergemeinschaft waren ebenfalls wichtig. Weiterhin mussten die Produkte in der Lage sein, Standardgeschäftsprozesse wie einen einfachen Vertriebsauftrag, eine auftragsbezogene Bestellung sowie einen Fertigungsauftrag zur Lagerbefüllung flexibel abzubilden.

Schnittstellen in Form von XML-RPC, SOAP oder komplette Webservices, mit denen sich das System in eine bestehende Infrastruktur einbetten lässt, bildeten eine zusätzliche Grundvoraussetzung (siehe Tabelle "OS-ERP-Systeme: Daten und Funktionen"). Man kann wählen. Zu guter Letzt sollte zumindest eine optionale webbasierte und übersichtliche Oberfläche im Angebot sein.

Diese Anforderungen erfüllten sechs Bewerber: Open ERP, Tryton, Apache OFBiz, Compiere, Openbravo und ADempiere.

Open-Source-ERP-Systeme: Daten und Funktionen, Teil 1

OS-ERP-Systeme: Daten und Funktionen – Open ERP, Tryton, Apache OFBiz
Projekt OpenERP / Tiny ERP Tryton Apache OFBiz
Website www.openerp.com www.tryton.org ofbiz.apache.org
Entstehungsjahr 2000 2008 2001
Lizenz GPL v.3 / OEPL 1.1 GPL v.3 Apache License 2.0
Programmiersprache Python Python Java
Server-OS Linux,Windows Linux, Windows Linux, Windows
Client-OS Linux, Windows, Browser Linux, Windows Linux, Windows, Browser
Datenbanken PostgreSQL PostgreSQL MySQL, PostgreSQL, Oracle, Sybase, MS SQL Server, DB2
Projektentwickler gesamt, davon Hauptentwickler / Projektleads nicht bekannt 14/2 140/17
Foreneinträge gesamt / davon deutsch 32.000/300 300, kein deutschsprachiges Forum 24.000, kein deutschsprachiges Forum
Auftragsabwicklung ja ja ja
Fertigung ja nein ja
Beschaffung ja ja ja
Materialwirtschaft ja ja ja
Web-GUI ja nein ja
Importformate .csv - .csv, .xml
Exportformate .csv .csv. erweiterter Umfang für Prof. Edition .csv, xml
Herstellersupport ja ja nein

Open-Source-ERP-Systeme: Daten und Funktionen, Teil 2

OS-ERP-Systeme: Daten und Funktionen – Compiere, Openbravo, ADempiere
Projekt Compiere Openbravo ADempiere
Website www.compiere.com www.openbravo.com www.adempiere.com
Entstehungsjahr 1999 2001 2006
Lizenz GPL v.2 / Prof. Edition teilweise proprietär eigene, basiert auf Mozilla Public Licence 1.1 GPL v.2
Programmiersprache Java Java Java
Server-OS Linux, Windows Linux, Windows Linux, Windows
Client-OS Linux, Windows, Browser (ab Professional-Version) Browser Linux, Windows, Browser
Datenbanken Oracle, in Community Edition auch Oracle XE Oracle, PostgreSQL (nur in Community und Basic Edition) Oracle, Oracle XE, PostgreSQL
Projektentwickler gesamt, davon Hauptentwickler / Projektleads 74/3 82/16 83/9
Foreneinträge gesamt / davon deutsch 31.000/1400 24.000/200 28.000/400
Auftragsabwicklung ja ja ja
Fertigung ja, erweitertes Angebot ab Prof. Edition ja ja
Beschaffung ja ja ja
Materialwirtschaft ja ja ja
Web-GUI nur für Prof. Edition ja ja
Importformate .csv, .xml .csv EDI, .csv
Exportformate .csv, .html, .xml, .txt, .pdf, .ps, .doc .csv DATEV, EDI, .csv, .html, .xml, .pdf
Herstellersupport ja ja nein
Logo Open ERP

Im Jahr 2000 begann die belgische Firma Tiny mit der Arbeit an dem in Python umgesetzten Open-ERP [1]-Projekt, vormals Tiny ERP. Man kann wählen zwischen einer webbasierten Ausführung und einer Client-Applikation, deren Benutzeroberfläche mit GTK+ erstellt wurde. Open ERP bringt sein Geschäftsmodell einfach auf den Punkt: Programmquellen und Dokumentationen sind frei verfügbar, zum Anpassen und Erweitern des Systems muss der Interessent entweder Zeit oder Geld investieren.

Die GTK-GUI bietet einen Sprachenmix aus Deutsch und Englisch; die Weboberfläche präsentiert sich aufgeräumt, allerdings nur in englisch. Leider erhält der Anwender bei der Dateneingabe keinen Hinweis, welche Felder er zwingend ausfüllen muss, dies erfährt er erst beim Speichern. Dafür gibt es eindeutig bessere Lösungen, sei es ein farblicher Akzent oder der schlichte, aber klare Hinweis in Form eines Sternchens ("*") am Feldbezeichner.

Bei der Belegerfassung ist der Benutzer gezwungen, die Positionsdaten in einem separaten Browserfenster einzugeben. Verzweigt er von hier zu den Artikelgrunddaten, sind schon drei Fenster geöffnet, was die Sache etwas unübersichtlich macht. Mit den verfügbaren ausgereiften Web-GUI-Frameworks ließe sich die Navigation deutlich eleganter gestalten.

Screenshot Open ERP
Open ERP: Weboberfläche nur in englisch. Für gelegentliche Konfusion sorgt die Umbenennung von Tiny ERP zu Open ERP.

Funktional ist Open ERP gut ausgestattet, selbst Fertigungsprozesse lassen sich abwickeln. Allerdings fehlt die Option, Belege nach Arten zu sortieren. Das nimmt dem Anwender die Möglichkeit, von vornherein einen konkreten Vorgang einem bestimmten Workflow zuzuordnen.

Unter Open ERP arbeitet die freie Datenbank PostgreSQL. Die Website des Projekts bietet zwar ein moderiertes Forum in deutscher Sprache, die Anzahl der Beiträge ist jedoch gering. Auf manche Fragen gibt es auch nach Monaten keine Antwort – ein klarer Beleg für die geringe Verbreitung des Systems hierzulande.

Negativ fällt auf, dass die Umbenennung von Tiny ERP zu Open ERP an vielen Stellen dazu geführt hat, dass Strukturen im Webauftritt nicht zueinander passen und Links ins Leere laufen. Potenzielle Anwender oder Implementierer im deutschsprachigen Raum sind daher gezwungen, frühzeitig die kostenpflichtigen Dienste des Herstellers in Anspruch zu nehmen. Das deutschsprachige Anwender-und Entwicklerforum TEDI startete zwar ambitioniert, verzeichnete die letzten Nachrichten jedoch im April 2008. Bekannt ist eine im Echtbetrieb laufende Installation [2] bei dem Treppenbauer Henke [3] aus dem niedersächsischen Lübbecke.

Logo Tryton

Bereits kurz nach dem Start löste das erste Tryton [4]-Release vom November 2008 rege Diskussionen aus. Das von der belgischen Firma B2CK [5] entwickelte System ist wie Open ERP in Python realisiert und erinnert auch stark an letzteres. Das ist kein Zufall, Tryton basiert auf Tiny ERP 4.2 und erblickte eher aus technischen als aus fachlichen Gründen das Licht der Welt.

Den Entwicklern geht es gegenwärtig darum, Strömungen einzuarbeiten, die beim Erstellen der Grundmodule von Tiny ERP noch nicht abzusehen waren. Gleichzeitig wollen sie den Bau und die Integration von Zusatzkomponenten (im Vergleich zu Tiny ERP) vereinfachen. Hier werkelt im Untergrund ebenfalls das lizenzkostenfreie PostgreSQL.

Tryton
Tryton: vielversprechend, aber derzeit noch im technischen Experimentierstadium.

Wegen der klaren Zielsetzung, zunächst die technische Basis des Systems teilweise neu zu schaffen, verfügt Tryton noch nicht über den gleichen Funktionsumfang wie Open ERP. Eine webbasierte GUI fehlt ebenso wie die Unterstützung von Fertigungsprozessen. Die Community ist aktiv, jedoch noch weitgehend technisch ausgerichtet.

Eine Installation von Tryton im deutschsprachigen Raum ist nicht bekannt. Allerdings weckt das junge Projekt hierzulande auffälliges Engagement: Von den fünf Unternehmen, die Tryton mitgestalten, kommen zwei aus Deutschland.

Logo Opentaps

Mit dem im Jahr 2001 gestarteten, in Java umgesetzten OFBiz [6] (Apache Open For Business Project) verfolgt Apache das ehrgeizige Ziel, ein Framework auf Grundlage eines universellen Daten- und Prozessmodells zur Verfügung zu stellen. Es soll als Entwicklungsgrundlage für beliebige Geschäftsanwendungen dienen. Die für den Artikel evaluierte ERP-Webanwendung Opentaps [7] basiert auf OFBiz.

Die Entwickler gingen von der Annahme aus, dass alle Unternehmen in Abteilungen gegliedert sind, die bestimmte Teilprozesse des Geschäftsalltags abwickeln. In einem Portal wählt der Benutzer die Abteilung aus, bei der er sich anmelden möchte. Ob dies in der Praxis durchzuhalten ist, darf angezweifelt werden. Die GUI-Komponenten sollten sich stärker an einem Raster orientieren, stellenweise wirkt die Benutzeroberfläche unruhig und bietet zu wenige optische Anker.

Erfreulich und hilfreich: Pflichtangaben hebt das System in den einzelnen Funktionsbereichen farblich hervor. Leider präsentiert es ein deutsch-englisches Sprachdurcheinander. Grundlegende Übersetzungen sind zwar vorhanden, aber nicht konsequent eingebaut. Beispielsweise zeigt sich das in der Auftragserfassung, wo die Begriffe "Auftrag" und "Order" nebeneinander vorkommen.

OFBiz bringt eine Fülle ausgereifter Funktionen mit, etwa die Möglichkeit, im Rahmen einer mehrstufigen Fertigung Teilschritte bei Ressourcenengpässen kurzfristig durch andere Unternehmen abwickeln zu lassen. Wenig elegant mutet zuweilen die Bedienung an: Einmal erfasste Aufträge sind mit vertretbarem Aufwand nicht zu ändern, die nachträgliche Umgruppierung von Positionen ist nicht möglich. Warum in diesem umfassenden Framework die Option fehlt, Aufträge und Bestellungen nach Belegarten zu sortieren, erschließt sich nicht.

Screenshot Apache OFBiz / opentaps
Apache OFBiz: Das Framework eignet sich ehere für den Bau von Webshops als für ERP-Anwendungen. Hier opentaps, eine ERP/CRM-Implementierung.

Man stellt schnell fest, dass OFBiz seine Anwendungsschwerpunkte eher bei Webshops oder der telefonischen Auftragsannahme im Callcenter sieht. Hier könnte die Ursache dafür liegen, dass einmal erfasste Aufträge kaum noch modifizierbar sind: Unternehmen, die mit häufig wechselnden Belegpositionen umgehen müssen, können mit dem System in dieser Form nur wenig anfangen, es wären erhebliche Eingriffe erforderlich.

Eine weitere Funktion, die klar für den Einsatz in Webshops spricht, ist die Anzeige von Alternativ- und Ergänzungsartikeln sowie kostenlosen Dreingaben nach der Überschreitung bestimmter Auftragswerte.

In Sachen Datenbanken zeigt sich OFBiz erfreulich aufgeschlossen und kooperiert mit MySQL, PostgreSQL, Oracle, Sybase, MS SQL Server und DB2. Unschön und nicht praxisgerecht ist jedoch, dass das Speichern der Daten erst sehr spät im Erfassungsprozess erfolgt – auch dies ein Beleg für die Annahme, dass die Auftragseingabe grundsätzlich in einem einzigen geschlossenen Arbeitsablauf erfolgen kann.

Die deutsche Entwicklergemeinschaft [8] verweist lediglich auf die englischsprachige Projektseite sowie auf deutschsprachige Dienstleister, die mindestens ein entsprechendes Projekt vorweisen können. Dass mit Jira [9] ein bekanntes Bugtracking-und Projektmanagementwerkzeug auf Grundlage von OFBiz realisiert wurde, unterstreicht den universellen Charakter des Frameworks.

Für opentaps bietet der Hersteller kostenpflichtigen Support und Dokumentation an. Bei den auf der Projektseite gelisteten Referenzen handelt es sich in erster Linie um Webshops (darunter ein deutschsprachiger). Eine lauffähige Referenzimplementierung von OFBiz als vollwertiges ERP-System in Deutschland ist nicht bekannt.

Logo Compiere

Im Jahr 1999 begann die Entwicklung des in Java geschriebenen Compiere [10] (italienisch: vollbringen). Bereits im folgenden Jahr gab es die ersten Installationen. Compiere orientiert sich an Geschäftsprozessen und bietet im Gegensatz zu den bisher betrachteten Produkten die Möglichkeit, durch Zuordnen einer Belegart Einfluss auf die Abwicklung eines Vorgangs zu nehmen.

Compiere wartet mit zahlreichen Funktionen auf, die Fertigungsabwicklung in der frei verfügbaren Community Edition ist allerdings nur rudimentär ausgeprägt. Heraus ragt das flexible Data Dictionary, mit dem sich die Anwendung schnell und in vielen Fällen ohne Programmieraufwand um zusätzliche Daten erweitern lässt. Das Anpassen und Erstellen von Fenstern gelingt ohne große Anstrengungen. Compiere folgt dem Grundsatz,dass es jederzeit möglich sein muss, Daten zu ändern.

2006 hat das hinter dem Projekt stehende US-Unternehmen Compiere Inc. sein Geschäftsmodell neu ausgerichtet. Seitdem gibt es die Software in vier Versionen [11]: die kostenlose Comunity Edition [12], die funktional identische kostenpflichtige Standard Edition [13] inklusive professionellem Support sowie eine Professional Edition [14], die auch per webbasierter Benutzeroberfläche bedienbar ist und sich gegen Bezahlung um eine anspruchsvolle Fertigungsabwicklung erweitern lässt. Die Cloud Edition [15] zum Schluss läuft als SaaS-Angebot in Amazons Elastic Compute Cloud (EC2) und erfordert keine Installation vor Ort.

Compiere
Compiere: Das in verschiedenen Varianten erhältliche System zeigt in der Professional-Version proprietäre Tendenzen.

Mit dem Variantenmodell sowie mit der Professional Edition, die die Firma unter einer proprietären Lizenz anbietet, tanzt Compiere im vorliegenden Vergleich ein wenig aus der Reihe.

Als Datenbank kommt Oracle zum Einsatz; DB2 und SQL Server sollen als Alternativen folgen. Mit Open-Source-Datenbanken will das Produkt gegenwärtig nichts zu tun haben – allerdings reicht für kleinere Installationen unter Umständen die lizenzkostenfreie und kommerziell einsetzbare Express Edition von Oracle aus.

Die Bedienoberfläche der Compiere-Client-Software präsentiert sich klassisch, gradlinig und aufgeräumt. Die Community Edition liegt bei Sourceforge, Foren [16] in unterschiedlichen Sprachen findet man dort ebenfalls. Allerdings verzeichnete das deutschsprachige Forum in den vergangenen zwölf Monaten nur wenige Beiträge.

Als Referenzinstallationen für Deutschland führt die Compiere-Website einen Reifengroßhändler [17] und einen IT-Dienstleister [18] auf.

Logo Openbravo

Ursprünglich sollte das ab dem Jahr 2001 entwickelte Openbravo [19] an der Universität von Navarra in Spanien zum Einsatz kommen. Sein Datenmodell basiert auf dem von Compiere, die Verwandtschaft der Systeme ist nicht zu übersehen. Openbravo war jedoch von vornherein als Webanwendung ausgelegt.

Mit seiner Funktionsvielfalt kann das Produkt punkten, die Fertigungsabwicklung ist jedoch (wie in Compieres Community Edition) einfach gehalten. Ein erweitertes Angebot existiert hier jedoch nicht. Neben der frei verfügbaren Community Edition [20] gibt es zwei funktionsgleiche kostenpflichtige Versionen mit unterschiedlich ausgeprägtem Support.

Openbravo
Openbravo: Von vornherein als Webapplikation gestartet, hat es dieser Versuch noch nicht zu einer nennenswerten deutschsprachigen Präsenz gebracht.

Grün und Dunkelgrau dominieren die aufgeräumt wirkende Benutzeroberfläche von Openbravo, was in Bezug auf Lesbarkeit und Kontrast problematisch sein kann. Unschönheiten zeigen sich in Details, zum Beispiel erschwert es die Navigation in Ergebnislisten, dass die Überschriftenzeile beim Bildlauf mitrollt und sich nicht fixieren lässt.

Als Datenbanken kann der Anwender PostgreSQL oder Oracle einsetzen; lediglich die kommerzielle Version mit dem höchsten Supportlevel arbeitet ausschließlich mit Oracle.

Eine deutschsprachige Community trifft sich bei Sourceforge, jedoch bietet sich hier ein ähnliches Bild wie bei Open ERP: Manche Fragen harren monatelang der Antwort, darunter grundlegende wie nach der Fehlersuche beim Versuch, DATEV-Standardkontenrahmen zu importieren. Eine produktive Installation in Deutschland ist nicht bekannt.

Logo ADempiere

ADempiere [21] (italienisch: erfüllen) ging im Herbst 2006 nach der Neuausrichtung von Compiere als Ableger [22] (Fork) aus diesem Projekt hervor. Die Mitglieder der äußerst aktiven Community haben sich das Ziel gesetzt, mit ADempiere für den Bereich der Geschäftsanwendungen das zu leisten, was Linus Torvalds mit Linux für Betriebssysteme geschafft hat.

ADempiere hat die Grundmodule wie das Data Dictionary von Compiere übernommen. Compieres Versprechen, dass der Anwender mit dem System nie in eine Sackgasse geraten darf, will man löblicherweise ebenfalls aufrechterhalten. Einer der Hauptkritikpunkte an Compiere war die schwindende Bedeutung der Gemeinschaft. Deshalb fühlten sich einige Entwickler dazu berufen, mit ADempiere das umzusetzen, was Compiere angekündigt hatte. Die Namensgebung ist nicht zufällig.

Funktionen bietet ADempiere in großer Zahl, seit 2008 steht sogar unter dem Projektnamen Libero [23] die erste Version einer komplexen Fertigungsabwicklung zur Verfügung. Zwei alternative webbasierte Oberflächen befinden sich in der Entwicklung. Eine davon basiert auf dem Java-Framework ZK [24] und bietet die komfortabelste Navigation aller hier vorgestellten Kandidaten. PostgreSQL und Oracle können als Datenbank dienen, ein Projekt zur Anbindung an IBMs DB2 läuft.

Die ADempiere-Community folgt dem Basar-Leitbild [25], geprägt vom US-Autor und Programmierer Eric S. Raymond: Wer eine neue Funktion geschrieben, eine Lösung für ein altes Problem gefunden oder eine Anregung für eine Erweiterung hat, bietet sie der Gemeinschaft an. Demokratisch entscheidet die via Abstimmung, ob der jeweilige Vorschlag in den Hauptzweig des Projekts eingehen soll. Einerseits erledigen sich so manche Schwierigkeiten, zu denen in anderen Projekten noch gar kein Bewusstsein besteht, zumindest in Ansätzen. Andererseits gibt es für manche Themen mehr als ein Angebot, etwa bei den Web-GUIs.

Adempiere
Adempiere: Basiert auf Compiere und beseitigt dessen Schwächen. Soll das Linux für den ERP-Markt werden.

Selbst Fragen zu Compiere beantwortet die ADempiere-Community in ihren Foren [26]. Seit Anfang 2008 gibt es mit ADempiere Deutschland e.V. [27] eine Organisation, die das Projekt vor allem im Hinblick auf Lokalisierung weiterentwickeln möchte.

Ein Frontplattenhersteller, die Schaeffer AG [28] aus Berlin, betreibt eine Installation auf Grundlage von ADempiere. Das Unternehmen ist Gründungsmitglied des Vereins und spielt eine tragende Rolle in der Community. Interessierte können sich das System bei Schaeffer im Echtbetrieb ansehen. 2007 fand erstmals eine europäische Entwicklerkonferenz rund um ADempierre statt. Eine Neuauflage [29] gab es Ende Juni in Berlin.

Die größte Herausforderung für die betrachteten Open-Source-ERP-Produkte liegt darin, die Erfordernisse von Unternehmen in unterschiedlichen Ländern zu erfüllen. "Lokalisierung" und "Übersetzung", oft im gleichen Atemzug genannt, sind schlicht nicht dasselbe. Eine gute, fachlich richtige Übersetzung stellt nur einen Teilaspekt der Lokalisierung dar. Bei letzterer geht es insbesondere um die Konformität einer Anwendung zu landesspezifischen Anforderungen, Vorschriften und Gesetzen.

Für Open-Source-Projekte in diesem Bereich ist deshalb das Vorhandensein einer aktiven, fachlich starken und vor allem möglichst offen agierenden und gleichzeitig geschlossen auftretenden Community im jeweiligen Einsatzland von zentraler Bedeutung. Gerade in Deutschland ist die Aufgabe der Lokalisierung zu komplex, als dass heimische Implementierer sie im Alleingang bewältigen könnten. ADempiere befindet sich hier auf einem guten Weg, und Tryton scheint zu folgen.

OFBiz und ADempiere können mit einer starken Entwicklergemeinschaft auftrumpfen. Hinter Open ERP, Tryton, Compiere und Openbravo stecken Unternehmen mit deutlich dargestellten kommerziellen Interessen. Das muss kein Nachteil sein, denn man hat bei Problemen einen direkten Ansprechpartner. Dass sich allerdings die größtenteils moderierten Foren durch viele offene Fragen und wenige gute Antworten auszeichnen, hinterlässt einen faden Beigeschmack. Es drängt sich der Verdacht auf, dass die fraglichen Firmen durch schlichte Unterlassung versuchen, ihren kostenpflichtigen Support zu verkaufen.

Selbstverständlich birgt der Einsatz von Open-Source-Software im geschäftlichen Umfeld Risiken und wirft berechtigte Fragen auf: Wer leistet Support, wenn es keinen Hersteller gibt? Wie stabil und sicher sind die Angebote? Wie leicht lässt sich ein System an individuelle Bedürfnisse anpassen?

Doch muss man ähnliche Fragen auch bei der proprietären Konkurrenz stellen: Was geschieht, wenn ein Hersteller vom Markt verschwindet oder ein Produkt nicht mehr pflegt? Wie sicher ist eine Software, die sich nicht auf Herz und Nieren prüfen lässt? Wo sind die Grenzen der Anpassungsfähigkeit, wenn beispielsweise eine neue Niederlassung in China die Eingabe von Texten in Mandarin erfordert?

Ebensowenig wie die kommerziellen Anbieter schafft es die Open-Source-Szene, eine universelle ERP-Lösung auf die Beine zu stellen, die sich mit möglichst wenig Anpassungsaufwand in Unternehmen jeder Größenordnung installieren lässt. Ein Anspruch, den die betrachteten Systeme jedoch auch nicht erheben.

Es lässt sich immerhin festhalten, dass es inzwischen ausgereifte und stabile ERP-Frameworks gibt, die deutlich mehr als nur einen flüchtigen Blick verdienen. Und Dienstleister, die eine ERP-Lösung in ihr Portfolio integrieren wollen, dürften den Gedanken reizvoll finden, dass es möglich ist, ein funktional gut ausgestattetes Framework als Projektgrundlage heranzuziehen.

Wer eine schlanke, stabile, flexible und agile Lösung sucht, kann im Open-Source-Universum durchaus das Richtige finden. (jd)

Über den Autor: Holger Thorsten Dittmann arbeitet als Softwareentwickler und Kundenberater im Bereich Geschäftsanwendungen auf Basis quelloffener Software bei der ObjectCode GmbH [30] in Lünen.


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[1] http://openerp.com/
[2] http://www.prozeus.de/prozeus/praxis/henke/index.htm
[3] http://www.henke-treppen.de/
[4] http://www.tryton.org/
[5] http://www.b2ck.com/index.html
[6] http://ofbiz.apache.org/
[7] http://www.opentaps.org/
[8] http://www.ofbiz.de/
[9] http://www.atlassian.com/software/jira/
[10] http://www.compiere.com/
[11] http://www.compiere.com/products/compare-editions/index.php
[12] http://sourceforge.net/projects/compiere/Community
[13] http://www.compiere.com/products/compare-editions/standard-edition.php
[14] http://www.compiere.com/products/compare-editions/professional-edition.php
[15] http://www.compiere.com/products/cloud-edition/index.php
[16] http://sourceforge.net/projects/compiere/support
[17] http://www.compiere.com/industries/distribution.php
[18] http://www.compiere.com/industries/professional-services.php
[19] http://www.openbravo.com/
[20] http://sourceforge.net/projects/openbravo/
[21] http://www.adempiere.org/
[22] https://www.heise.de/meldung/Open-Source-CRM-Compiere-vor-der-Spaltung-160750.html
[23] http://www.adempiere.com/index.php/Libero
[24] http://www.zkoss.org/
[25] http://www.catb.org/~esr/writings/cathedral-bazaar/
[26] http://sourceforge.net/forum/?group_id=176962
[27] http://www.adempiere.de/
[28] http://www.schaeffer-ag.de/
[29] http://www.adempiere.com/index.php/2nd_European_ADempiere_Conference
[30] http://www.objectcode.de/