Rückruf-Abzocke

Ankommende Anrufe kosten 0190-Gebühren

Wissen | Recht

Die Telefongesellschaft Prompt hat einen neuen Weg gefunden, um für Mehrwertdienste abzukassieren: Anrufe beim Telefonkunden erscheinen als 0190-Gespräch auf dessen Telefonrechnung.

Aufmacher

Die Frage der Telefonistin: ‘Wollen Sie die Kosten für den Anruf übernehmen?’ kannten Deutsche bisher nur aus amerikanischen Filmen. Dort ist das so genannte ‘Reverse Charging’ verbreitet, eine praktische Möglichkeit für Telefonate von Münzfernsprechern, wenn der Gesprächspartner gerade kein Kleingeld zur Verfügung hat. In Deutschland gibt es diese Möglichkeit nun auch. Doch der Servicegedanke steht dabei im Hintergrund, in erster Linie geht es den Anbietern offenbar darum, Kasse zu machen.

Die Telefongesellschaft Prompt hat den Rückruf als neue Einnahmequelle erschlossen. Für einen Anruf beim Kunden kassiert der Anbieter 0190-Gebühren. Der Ablauf ist einfach: Der Kunde ruft eine kostenfreie 0800-Rufnummer an und gibt dort die Nummer des Anschlusses an, auf dem er einen Rückruf wünscht. Anschließend erfolgt ein Anruf von Prompt - zu 0190-Konditionen. Den Posten findet der Angerufene anschließend auf der Telefonrechnung mit dem Stichwort TeleInternet Services.

Offensichtlich rechnet Prompt bereits damit, dass die Kunden für die Abrechnung kommender Anrufe kein Verständnis aufbringen: Auf der Webseite findet sich eine Information darüber, wie der fragliche Rechnungsposten zu Stande gekommen ist. Nach diesen Angaben kann der Rückruf entweder über den Anruf bei einer kostenfreien Rufnummer oder über das Internet angefordert werden. In beiden Fällen wird die Identität des Anrufers nicht überprüft.

Eines der ersten entsprechenden Angebote, ‘Recall Direct’ der Firma EST24, ging im Juli in Betrieb. Nach Angaben der Firma handelte es sich nur um einen Testlauf, allerdings tauchten die entsprechenden Posten bereits auf Telefonrechnungen von Kunden auf. Bei EST24 konnte man während des Tests von jedem beliebigen deutschen Anschluss aus anrufen, sogar vom Handy. Der Anrufer erhielt eine Ansage mit dem Hinweis, dass der Rückruf kostenpflichtig sein werde und der Aufforderung, die gewünschte Telefonnummer im Festnetz einzutippen. An dieser Stelle nannte der Anbieter einen Minutenpreis von 1,99 Euro.

Im Rückruf selbst wurde der Angerufene nur gefragt, ob er das Angebot kenne. Bestätigte er durch Drücken einer Taste, dann erfolgte die Berechnung des Dienstes. Offenbar will EST24 den Dienst in Kürze in Betrieb nehmen. Unter www.est24.de/Express%20Dating.htm findet sich ein entsprechendes Angebot. Offenbar ist die Anforderung per Handy jetzt nicht mehr möglich.

Der Zweck des Rückrufdienstes ist klar: Die Hemmschwelle für den Anruf soll gesenkt werden, da dieser ja zunächst nichts kostet. Ferner umgeht der Anbieter mit dem Rückruf sämtliche Rufnummernsperren, selbst eine Komplettsperre für abgehende Anrufe. Potenzielle Opfer sind die Eigentümer von Telefonanschlüssen an leicht zugänglichen Orten, beispielsweise in Vereinsheimen. Dort ist es üblich, sämtliche gehenden Verbindungen zu sperren, um teure Telefonate zu verhindern. Es gehört zwar etwas kriminelle Energie dazu, einen kostenpflichtigen Rückruf auf einen fremdem Anschluss anzufordern, aber die wird sich zweifellos finden. Die Zeche zahlt letztlich der Anschlussinhaber.

Rechnung
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Auf den ersten Blick ist nicht zu erkennen, dass dieser Rechnungsposten durch einen Rückruf entstanden ist.

In Firmen und Behörden ist die Lage noch prekärer. Weder Telefonanlage noch Endgeräte zeichnen üblicherweise kommende Anrufe auf. Das verhindern technische Gegebenheiten und in einigen Fällen auch datenschutzrechtliche Richtlinien. Bislang genügte es, bestimmte Rufnummernblöcke für abgehende Anrufe zu sperren. Nun können aber erhebliche Kosten für kommende Anrufe entstehen, für die es keinerlei Sperrmöglichkeit gibt.

Für den Verbraucher bietet die Abrechnung per Rückruf keinen Vorteil gegenüber den bisherigen Mehrwertnummern. Nur für Abzocker eröffnen sich ungeahnte Möglichkeiten: Würde ein Anbieter in betrügerischer Absicht Verbindungen zu beliebigen Nummern herstellen und anschließend behaupten, dass eine Anforderung des Rückrufs erfolgt sei, würde er die Angerufenen in erhebliche Schwierigkeiten bringen. Nach den datenschutzrechtlichen Vorschriften dürfen die Daten kostenfreier Anrufe nicht gespeichert werden, da sie nicht für die Abrechnung erforderlich sind. Der Kunde kann also nicht nachweisen, dass er keinen Anruf bestellt hat. Wenn der Anbieter keine Aktion des Angerufenen voraussetzt - beispielsweise durch Drücken einer Taste am Telefon - und dann der Anrufbeantworter ‘drangeht’, können hohe Kosten entstehen, ohne dass das Opfer zunächst eine Möglichkeit hat, sich dagegen zu wehren.

Aber auch für den Betreiber ist der neue Dienst nicht ganz problemlos: Der Call-by-Call-Anbieter Prompt kann nur bei Telekom-Anschlüssen eine Rechnung stellen. Telefongesellschaften wie Arcor oder M’’net haben keine Inkasso-Vereinbarung mit Prompt. Es dürfte schwierig bis unmöglich werden, die entsprechenden Forderungen bei anderen Netzbetreibern geltend zu machen. Die Telefonnummern der Kunden geben keinen Aufschluss darüber, bei welcher Telefongesellschaft sie geschaltet sind, denn der An-schlussinhaber kann seine Nummer zu anderen Telefongesellschaften mitnehmen. Nach Auskunft der Prompt-Mutter Extracom ist aber ein Rückruf zu Telefonzellen technisch ausge-schlossen.

Die Probleme mit dem Rückruf sieht man bei Extracom gelassen. Man stelle lediglich die Technik zur Verfügung und sei für Inhalte und Abwicklung nicht verantwortlich. Nach Auskunft von Extracom sollen auch Sperren vorgesehen sein, die verhindern, dass bestimmte, zuvor festgelegte Rechnungsbeträge für einen Telefonanschluss überschritten werden. Eine Sperre für bestimmte Rufnummern auf Wunsch des Kunden ist offensichtlich nicht vorgesehen. Diese könnte nur Prompt installieren, für die Telekom handelt es sich bei dem 0190-Rückruf um einen ganz normalen kommenden Anruf.

Bei den Verbraucherzentralen ist man bereits sensibilisiert, doch Beschwerden sind dort noch nicht angekommen; vermutlich, weil der Dienst einfach noch zu neu ist. Eine rechtliche Handhabe gegen solche Dienste gibt es derzeit nicht, so die erste Bewertung. Wer an seinem Anschluss teure Anrufe entgegen nimmt, könnte von einem Gericht durchaus zur Zahlung verurteilt werden, analog zur Entwicklung im 0190-Sektor.

Auch die Freiwillige Selbstkontrolle Telefonmehrwertdienste (FST) ist auf die Praktiken aufmerksam geworden. Dort liegt bereits die erste Beschwerde über einen Rückrufdienst vor. ‘In unserem Verhaltenskodex sind Regelungen zu Rückrufdiensten noch nicht enthalten. Das wird Thema auf unserer nächsten Vorstandssitzung sein’, so der Vorsitzende der FST, Hans-Joachim Kruse. Prompt und Extracom sind allerdings nicht Mitglieder der FST und somit nicht verpflichtet, dem FST-Kodex Folge zu leisten. Die FST will für ihren Kodex die kartellrechtliche Anerkennung erreichen. Das würde es Gerichten erleichtern, die Vorschriften der Selbstkontrolle als für die Branche verbindlich zu bewerten. Gesetzeskraft hätten sie aber auch mit der kartellrechtlichen Anerkennung nicht.

Bei der Regulierungsbehörde prüft man den Fall in rechtlicher Hinsicht - bislang noch ohne Ergebnis. Der Gesetzgeber hat wohl nicht mit dem Erfindungsreichtum der Mehrwertbranche gerechnet, die Telekommunikations-Kundenschutzverordnung (TKV) gibt für einen solchen Fall keine Regeln vor. Es ist ganz offensichtlich: Die kürzlich erst novellierte Telekommunikations-Kundenschutzverordnung (TKV) bedarf dringend einer weiteren Überarbeitung, um das Versprechen, dass sie den Kunden schützt, einzulösen.

Um die jüngsten Auswüchse der Branche zu verhindern, müsste man zwei zusätzliche Punkte aufnehmen:

  • Mehrwertdienste (Dienste mit Auszahlung an den Anbieter) dürfen nur mit den dafür vorgesehenen Vorwahlen betrieben werden;
  • das Erbringen eines Mehrwertdienstes per Weitervermittlung (beispielsweise von einem Auskunftsdienst) oder per Rückruf ist unzulässig.

Dann hätte die Regulierungsbehörde ein Werkzeug an der Hand, mit dem der Wildwuchs in der Branche beschnitten werden könnte und der Kunde könnte seinen Anschluss für Mehrwertdienste zuverlässig sperren lassen. Momentan ist man vor 0190-Abzockern nur dann wirklich sicher, wenn man ganz auf einen Telefonanschluss verzichtet. (uma)

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Wenn Sie gegen Ihre Telefonrechnung Widerspruch einlegen wollen, sollten Sie einige Punkte beachten.

Bezahlen Sie unstrittige Beträge. Ein Beispiel: Rechnet der Anbieter den doppelten Preis ab, dann bezahlen Sie die Hälfte des Rechnungsbetrages. Falls der Rechnungsbetrag abgebucht wird, stornieren Sie die Abbuchung und überweisen Sie den korrekten Betrag. Weisen Sie die Telekom darauf hin, dass der Abbuchungsauftrag nicht erlöschen soll, falls Sie wünschen, dass die Telekom auch künftige Rechnungen von Ihrem Konto abbucht.

Informieren Sie die Telekom, welchen Rechnungsposten Sie gekürzt haben. Sonst wird jeder Rechnungsposten anteilig gekürzt.

Widersprechen Sie der Rechnung des jeweiligen Anbieters. Setzen Sie ein Schreiben auf, in dem Sie möglichst kurz und präzise erklären, warum Sie die Rechnung nicht oder nur zum Teil bezahlt haben. Geben Sie dabei Ihre Telefonnummer oder die Rechnungsnummer an, damit der Anbieter Ihren Widerspruch korrekt zuordnen kann.

Erhalten Sie ein Schreiben, das mit dem ‘gerichtlichen Mahnverfahren’ droht oder schreibt Ihnen eine Anwaltskanzlei, sollten Sie unbedingt rechtlichen Rat bei einer Verbraucherschutzorganisation oder einem Anwalt einholen.

Falls Sie die Leistungen von Drittanbietern nicht bezahlen, darf die Telekom Ihren Telefonanschluss nicht sperren. Nur wenn Sie bei der Telekom selbst Außenstände haben, ist diese zu einer Sperre berechtigt. Call-by-Call-Anbieter gehen in jüngster Zeit aber dazu über, einzelne Sparvorwahlen zu sperren, wenn ihre Rechnung nicht bezahlt wurde. Da die Anbieter gemeinsam Inkasso machen, können von einer solchen Sperre gleich mehrere Sparvorwahlen betroffen sein.

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