SCO: Wir halten uns die Option für weitere Klagen offen

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c't sprach mit Chris Sontag, Vice President Intellectual Property SCO, und Darl McBride, Chef von SCO, über die Ursprünge des angeblich geklauten Codes in Linux, den weiteren Verlauf des Rechtsstreit und die Situation der Firma SCO.

In dem Streit, ob möglicherweise Code-Bestandteile aus der Unix-Entwicklung in Linux eingeflossen und damit Rechte von SCO verletzt worden sind, ist wieder Bewegung gekommen. Auf dem SCOForum in Las Vegas präsentierte die SCO Group erstmals in der Öffentlichkeit Code- und Kommentar-Teile, die die Vorwürfe der Firma gegen IBM und die Linux-Gemeinde beweisen sollen. Fotos des Codes, die auf heise online veröffentlicht wurden, führten zu ersten Analysen von Open-Source-Entwicklern. Weitergehende Untersuchungen brachten auch die Annahme, der griechische Text im von SCO als Beispiel für geklauten Code in Linux angeführten Beweis weise möglicherweise auf einen Transfer hin. Dies meint etwa Greg Lehey. Bruce Perens kommt allerdings zum Schluss, das keiner der von SCO präsentierten Beweise vor Gericht ausreichen würde, die vermeintlichen Rechte der SCO Group zu belegen. SCO wiederum reklamiert für sich, dass der Code durch eine Lizenz mit SGI geschützt ist.

c't sprach mit Chris Sontag, Vice President Intellectual Property SCO, und Darl McBride, Chef von SCO, über die Ursprünge des angeblich geklauten Codes, den weiteren Verlauf des Rechtsstreit und die Situation der Firma SCO.

c't: Mr. Sontag, die von Ihnen auf dem Forum gezeigten Code-Sequenzen sind von Experten analysiert worden. Ergebnis: Sie wurden von Silicon Graphics in Linux eingebracht, nicht IBM.

Vergrößern Chris Sontag, Vice President Intellectual Property bei SCO

Chris Sontag: Das ist richtig, dieses Beispiel stammt nicht von IBM, sondern von einem anderen unserer Lizenznehmer. Ich kann momentan nicht kommentieren, um wen es sich handelt.

c't: Die Kopie soll außerdem wesentlich weiter zurückreichen als ihre Rechte an Unix. Zudem sollen sie schon von AT&T unter BSD-Lizenz verbreitet worden sein, also frei verfügbar gewesen sein und können von dort in Linux eingegangen sein.

Sontag: Das ist ganz falsch. Wir besitzen sämtlichen Dateien dieses Codes mit dem kompletten Stammbaum in allen Versionen bis zurück zum Ursprung 1969. Wir haben sämtliche Bänder und alle Versionen des Codes durchforstet. Der fragliche Code stammt aus genau der Version von Unix System V, die wir per unterschriebenem Vertrag an SGI lizenziert und geliefert haben. Diese Version stand dem Lizenznehmer zur Verfügung und sie war niemals in BSD oder anderen Releases. Und die buchstabengetreue Kopie des Codes aus dieser Datei findet sich in Linux. Auf solche flagranten Verstöße wollen wir aufmerksam machen.

c't: Aber Sie können mit diesen Beweisen im Rechtsstreit mit IBM nichts anfangen?

Sontag: Richtig.

c't: Warum führen Sie dann ausgerechnet diesen Code öffentlich als Beweis vor? Sie führen doch Klage gegen IBM.

Sontag: Wir haben mehrere Arten der Urheberrechts- und Vertragsverletzungen gefunden. Das buchstäbliche Abkopieren des Codes war die offensichtlichste Art und wir wollten dieses auch nachweisen. Daher haben wir es im öffentlichen Vortrag gezeigt und demonstrieren das Beispiel auch unter Nicht-Weitergabe-Klausel. In IBMs Fall haben wir solche Fälle von wortgetreuem Kopieren noch nicht gefunden, haben allerdings auch noch nicht alles untersucht. Bei IBM geht es vor allem um eine andere Art von Vertragsverletzung, nämlich durch die Übertragung von abgeleiteten Ergebnissen in sehr großem Umfang. Der Lizenzvertrag sieht vor, dass alle Veränderungen des Programms und abgeleitete Fassungen innerhalb des ursprünglich lizenzierten Werkes zu verbleiben haben.

c't: Ihre Auslegung des Urheberrechts -- sowohl was direkte Kopien als auch die abgeleiteten Werke betrifft -- wird von Egen Moglen, Jura-Professor der Columbia University, als unsinnig und vor Gericht unzulässig bezeichnet.

Sontag: Moglen ist nicht gerade als Experte für Intellectual-Property-Recht (IP) bekannt. Ich habe mit IP-Fachleuten gesprochen - und die halten Moglens Interpretation für unsinnig.

c't: Ihr Anwalt, David Boies, ist aber auch kein IP-Spezialist.

Sontag: Stimmt, aber sein Spezialgebiet ist Vertragsrecht und das wird die entscheidende Waffe sein.

c't: Sie haben ihn wirklich nicht wegen seiner publikumswirksamen Rolle im Microsoft-Prozess gewählt?

Sontag: Sagen wir, der Aspekt wird uns zumindest nicht schaden.

c't: Werden Sie jetzt auch noch diesen anderen Lizenznehmer verklagen?

Sontag: Dazu kann ich jetzt nichts sagen, aber die Option halten wir uns grundsätzlich offen.

Zu der von Chris Sontag noch nicht bestätigten Urheberschaft von SGI für die von SCO gezeigten Code-Beispiele äußerte sich dann auch Darl McBride. Der SCO-Chef scheute sich im Interview mit c't weniger, Ross und Reiter zu nennen.

c't: Die von Ihnen gezeigten Code-Beispiele sollen von Silicon Graphics in Linux eingebracht worden sein, nicht IBM.

Vergrößern SCO-CEO Darl McBride

Darl McBride: Richtig, es waren Beispiele für buchstabengetreues Kopieren aus Unix in Linux, die bei SGI vorgekommen sind.

c't: Muss jetzt SGI auch mit einer Milliardenklage rechnen?

McBride: Möglich. Auf der sicheren Seite sind sie jedenfalls nicht. Aber wir konzentrieren uns derzeit voll auf den IBM-Fall, das nimmt schon genug Energie und Ressourcen bei uns in Anspruch.

c't: Wie will Ihre Firma eigentlich das Geld verdienen, um solch einen Prozess gegen IBM durch zu kämpfen?

McBride: Unser Cash-flow reicht dafür gut aus. Wir sind seit zwei Quartalen profitabel, haben unser Barvermögen verdreifacht auf 13 Millionen Dollar. Pro Quartal kostet uns das Verfahren rund eine Million an Rechtskosten.

c't: Kann es sein, dass ihr Hauptaktionär Canopy Group, dies finanzieren wird?

McBride: Nein, die Canopy Group hat damit nur insoweit zu tun, dass sie als großer Aktionär einen Sitz im Board of Directors hat. Finanziert wird aus dem Cash-flow des Unternehmens.

c't: IBM könnte mit ihrer Finanzmacht das Verfahren unendlich hinauszögern. Wie lange wollen Sie das durchhalten?

McBride: Je länger IBM verzögert und nicht zu einer Lösung kommt, desto mehr schaden sie sich selbst. IBM und ihre Kunden wären die Leidtragenden, wenn dies noch lange dauern sollte. Denn keiner von IBMs Kunden kann momentan eine strategische Entscheidung treffen.

c't: Andere haben ihre Entscheidung für Linux längst getroffen, inbesondere auch öffentliche Verwaltungen. In Europa und auch China ist die Unterstützung für Linux sehr groß. Fürchten Sie keine negativen Konsequenzen von dieser Seite?

McBride: Das wäre denkbar, aber von unserem Recht kann uns das nicht abbringen. Wir haben übrigens für das internationale Geschäft gerade Gregory Blepp von Suse angeheuert. Er kommt von der Linux-Seite und soll uns im internationalen Ausbau helfen.

c't: Sie gebärden sich recht martialisch auf diesem Forum. Open Source haben Sie den Kampf angesagt, da es destruktiv für die Software-Branche wird. Muss die gesamte Bewegung sterben, damit ein paar Software-Unternehmen gut leben können?

McBride: Das war eigentlich mehr auf die GPL gemünzt, nicht Open Source als Ganzes. Es gibt sehr viel wertvolle Arbeit in Open Source. Nur die extreme Auslegung, dass keinem mehr etwas selbst gehört, was er entwickelt hat, die kann so nicht bestehen bleiben. Damit werden geschaffene Werte zerstört. An der GPL muss sich etwas ändern oder sie wird auf Dauer nicht überleben. Ich habe mit vielen Vertretern der Open-Source-Seite darüber schon diskutiert.

c't: Und was haben die Ihnen gesagt?

McBride: Das Spektrum der Ansichten ist dabei sehr breit. Sagen wir mal so: Mit einigen konnte ich ganz vernünftig darüber diskutieren, dass eine Software-Firma Geld verdienen muss. Aber nicht mit allen konnte ich einen gemeinsamen Nenner finden.

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