SOS - Ist da noch jemand?

@ctmagazin | Editorial

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SOS - Ist da noch jemand?

Letzte Woche Freitag um 11.11 h mitteleuropäischer Zeit schrillten die Sirenen: Super-GAU. Unser schlimmster Alptraum wurde Wirklichkeit. Das angeblich sogar atombombensichere Internet brach zusammen, und die virtuelle Welt hörte mit einem Schlag auf, sich zu drehen. Web-Telefone, öffentliche Verkehrsmittel, Aktienbörsen, Universitäten, Kaffeemaschinen, Zigarettenautomaten - nichts funktioniert mehr. Im Zeitalter der globalen Vernetzung hängt ja buchstäblich jeder und alles am Netz. Und jetzt: globaler Totalausfall, weltweiter Information overflow.

Wie konnte das geschehen? Bereits in den 90er Jahren des letzten Jahrhunderts warnte eine radikale Splittergruppe der ehemaligen Protestpartei Bündnis 90/Die Grünen vor den katastrophalen Folgen der informationellen Selbstverschmutzung - ohne nennenswerten Erfolg. Schon damals begannen Massen von Werbe-EMails die Mailboxen zu verstopfen, und die Sendezeit der 20-Uhr-Tagesschau schwoll bald darauf wegen ständiger Werbeunterbrechungen auf eine Stunde an.

Die lockeren Sprüche der Marktstrategen klingeln mir heute noch in den Ohren. In einem freien Land könne jeder werben, wofür er wolle. Es gelte, das legitime Interesse des Anbieters an der Verbreitung seines Produktes zu wahren. Werbung gehöre zur Marktwirtschaft wie die Henne zum Ei, lautete das Credo der Volkswirtschaftler. Ohnehin waren normale Bürger bald nicht mehr in der Lage, zwischen Werbespots und echten Informationen zu unterscheiden. Einprägsame Reklamesprüche fraßen sich in die Hirne der Menschen und dominierten die tagtägliche Kaufentscheidung im Supermarkt und im Online-Shop. Jeder meiner Freunde konnte mindestens ein Dutzend aus dem Stegreif aufsagen. Wir verloren jeden Bezug zu Wahrheit und Wirklichkeit.

Dabei leistete das anarchisch-liberal organisierte Netz der Netze den fleißigen Geschäftemachern erstaunlich lange Widerstand. Die Netiquette, der Knigge des Internet, regelte im Cyberspace erfolgreich die Formen des Umgangs miteinander. Die Zehn Gebote der Computerethik genossen lange Zeit mindestens denselben Respekt wie Moses Gesetzestafeln in der gesamten christlichen Welt:

Du sollst nicht Deinen Computer benutzen, um anderen Schaden zuzufügen.

Du sollst nicht anderer Leute Arbeit am Computer behindern.

Du sollst nicht anderer Leute Ressourcen ohne deren Erlaubnis verwenden.

Du sollst über die sozialen Konsequenzen Deiner Programme nachdenken.

Du sollst den Computer so benutzen, daß Du Verantwortung und Respekt zeigst.

...

(Auszug aus: Zehn Gebote der Computerethik)

Dann aber machte das Zauberwort vom E-Commerce die Runde, und Internet-Aktien brachten die Börsen der Welt zum Kochen. Bald darauf überschwemmten Online-Shops das Web. Werbe-EMails, ohnehin viel billiger als Postwurfsendungen oder Fernsehspots, wurden auf Drängen einiger Lobbyisten in unbegrenzter Menge freigegeben.* Ächzend schaufelten Internet-Router Terabytes an Junk-Mail bis in die letzten Winkel der Welt, bis - ja bis letzte Woche Freitag um 11.11 h.

Jetzt sind wir völlig vom Rest der Welt abgeschnitten. Unbeeindruckt von Mailings, Nachrichtentickern und Newslettern habe ich heute zum ersten Mal seit Jahren wieder ein Buch aufgeschlagen und dabei eine erstaunliche Entdeckung gemacht: überhaupt keine Werbeseiten. Vielleicht hat der Zusammenbruch des Internet ja auch sein Gutes.

Als Flaschenpost aus der Leine gefischt von

Michael Kurzidim


*siehe Bericht auf S. 39

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