Scharfe Bücher: Tolino Vision 3HD und Shine 2HD im Test

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Bisher punkten die Tolino-Reader gegenüber Amazon Kindle vor allem mit dem offeneren Format Epub. Tolino Shine 2HD und der Vision 3HD schließen nun mit schärferen Displays und besserer Beleuchtung bei der Hardware auf.

Die deutschen Verlage haben lange gebraucht, um sich erfolgreich mit einem Konkurrenz-Lesegerät zu Amazons Kindle aufzustellen. Die frühe Liasion mit Sony wurde vom japanische Hersteller vor einigen Jahren mit seinem Rückzug aus dem Reader-Geschäft beendet, der Oyo Reader von Thalia aus dem Jahr 2010 konnte technisch nicht mit Amazon mithalten. Der dritte Versuch jedoch ist geglückt: Die seit 2013 unter der Marke Tolino versammelten Buchhändler sind mit ihren gemeinsam mit der Telekom veröffentlichten Tolino-Lesegeräten inzwischen mindestens die starke Nummer 2 in Deutschland, laut der GFK-Marktforschung seit diesem Jahr sogar mit 45 Prozent Marktanteil Nummer 1.

Zur Frankfurter Buchmesse bringt die Allianz zwei neue Reader auf den Markt und frischt ihr Portfolio auf, das vor allem bei den Displays nicht ganz mit den aktuellen Amazon-Readern mithalten konnte. Der Tolino Vision 3HD und der Shine 2HD sollen beide Ende Oktober auf den Markt kommen und werden dann bei allen Partnern online oder in ihren Buchläden erhältlich sein. Damit bringt Tolino erstmals zwei neue Lesegeräte gleichzeitig in den Handel. Der Tolino Vision 3HD ist der eigentliche Nachfolger des im Vorjahr präsentierten Vision 2, der Shine 2HD erbt dagegen den Namen vom ersten Tolino-Reader Shine aus dem Jahr 2013 – und soll wohl vor allem Kunden locken, die nicht ganz so viel Geld für ein dediziertes Lesegerät ausgeben möchten. Eine Preisempfehlung gibt Tolino selbst nicht aus, die beiden sollen sich aber an den Vorgängermodellen Vision 2 (150 Euro) und Shine (100 Euro) orientieren: Beim Buchhändler Thalia etwa können Vision 3HD für 160 Euro und Shine 2HD für 120 Euro vorbestellt werden.

Tolino Shine 2HD und Tolino Vision 3HD (13 Bilder)

Tolino Vision 2HD (links) und Vision 3HD (rechts) mit eingeschalteter LED (Bild: c't)

Beide Reader sind sich in puncto Hardware ziemlich ähnlich, doch dem Spitzenmodell Vision 3HD hat Tolino ein paar Premium-Features wie ein schickeres und vor allem wassergeschütztes Gehäuse verpasst. Das Innenleben ist mit einer Plastikschicht von HZO laminiert: Wasser kann also ins Gehäuseinnere eindringen, ohne dass die Hardware beschädigt wird. Um das Wasser aus dem Gehäuse wieder zu entfernen, muss man die Tropfen aus dem Gerät über den Micro-USB-Anschluss schütteln. Den Badewannentest inklusive kurzem Untertauchen überstand der Tolino Vision ohne Probleme.

Das Gehäuse des Tolino Vision 3HD hat sich zum Vorgänger Vision 2 nicht geändert, man erkennt den Unterschied nur anhand der Modellbezeichnung auf der Rückseite; weiterhin hat der Reader eine plane Vorderseite, wie man es von einem Tablet kennt. Der Vision 3HD ist ähnlich groß und genauso handlich wie die Konkurrenten Kindle Paperwhite und Kobo Glo HD, und er hebt sich optisch vor allem durch seine abgerundeten Ecken ab. Geblättert wird über den Touchscreen per Tipper oder Wischgeste, extra Blättertasten wie beim Kindle Voyage gibt es nicht. Alternativ zum Touchscreen kann man auch zur nächsten Seite wechseln, indem man mit einem deutlichen Tipper, der aber nicht fest sein muss, auf die Rückseite des Tolinos tippt. Meist dauert es eine Weile, bis man eine angenehme Klopfstärke herausbekommen hat. So kann man den Reader auch prima einhändig bedienen, indem man ihn mit der Hand umgreift und dann mit dem Zeigefinger auf die Rückseite klopft. Wir empfanden die dafür nötige Handstellung bei längerem Lesen irgendwann als unangenehm -- das ist aber letztlich Geschmackssache.

Der Tolino Shine 2HD hat gegenüber seinem bereits zweieinhalb Jahre alten Namensvetter Shine dagegen ein komplettes Redesign verpasst bekommen: Er ist aus Plastik, hat die fast identischen Gehäusemaße des teureren Vision und ist nur unwesentlich dicker, weil hier das Display nicht unter einer planen Scheibe steckt, sondern im Plastikrahmen eingelassen ist. Der Ergonomie tut dies aber keinen Abbruch, zumal manch einer die fühlbare Kante zwischen Rahmen und Touchscreen sogar als angenehmer empfindet. Die mechanische Home-Taste des Shine hat einen schwachen Druckpunkt, lässt sich aber noch gut bedienen. Blättern durch Klopfen auf die Rückseite wie beim Vision geht nicht. Während der Shine 3HD ein kapazitives Touch-Display besitzt, funktioniert der Shine 2HD mit Infrarot und reagiert auch auf Berührungen durch Gegenstände wie Stifte.

Beide Reader haben einen 2 GByte großen Speicher, der sich nicht über MicroSD erweitern lässt sowie einen 1 GHz schnellen Freescale-Prozessor. Blättern klappte im Test bei beiden mit etwa 0,6 Sekunden pro Seite so flott, wie man es von einem E-Reader erwartet. Das von vielen als lästig empfundene Invertieren des Bildschirminhalts fällt beim Lesen weg, nur beim Navigieren im Menü, in PDFs im Schnellblättermodus und wenigen anderen Sonderfällen wird das Display beim Seitenwechsel für einen kurzen Moment schwarz. Und auch das "weiche" Invertieren des Vision 2 ist nicht erforderlich, bei der nur Teile der Bildpunkte aufblinken und so für einen leichten Grauschleier beim Seitenwechseln sorgt. Laufzeitmessungen im Labor konnten wir noch nicht abschließen – dazu halten beide zu lange durch. Nach den ersten Eindrücken ist aber von ähnlich langen Laufzeiten wie beim Vision 2 auszugehen – die sind im Vergleich zu einem Tablet oder Smartphone extrem lang und ermöglichen selbst bei intensivem Lesen mindestens eine Woche ohne Steckdose; der aktuelle Kindle Voyage und Kindle Paperwhite läuft aber noch länger.

Tolino schließt mit den Displays der neuen Modelle zu Kindle und Kobo auf: Der Vision 3HD und der Shine 2HD haben E-Ink-Panels der aktuellen Carta-Generation mit HD-Auflösung auf 6 Zoll Diagonale (300 dpi). Nicht nur Buchtexte sehen dadurch angenehm scharf aus, auch in den Menüs wirkt alles feiner – ein Riesenunterschied zu den Vorgängermodellen.

Den Kontrast hat Tolino ebenfalls erhöht, wobei sich hier die beiden Modelle minimal unterscheiden: Bei ausgeschalteter LED liegt der Vision 3HD mit 8,7:1 auf dem gleichen Niveau wie die Spitzenreiter Kindle Voyage und Kobo Aura H2O, der Shine 2HD hat einen leicht schwächeren Kontrast (6,9:1). Diesen im Labor gemessenen Unterschied bemerkten wir im Alltag aber nicht. Schaltet man die LED ein und regelt sie auf angenehme 50 cd/m², sind die Reader mit 17:1 (Shine 2HD) und 18:1 (Vision 3HD) fast gleichauf und haben für einen E-Book-Reader damit einen guten Wert, liegen aber ein ganzes Stück hinter dem Kindle Voyage (25,1:1) – bei ihm wirken beleuchtete Buchseiten weißer.

Die zuschaltbaren und sehr fein justierbaren LEDs leuchten jetzt heller und gleichmäßiger, der Vision 3HD kommt auf bis zu 122 cd/m² und der Shine 2HD auf maximal 78 cd/m². Um auf diese Maximalwerte zu kommen, muss man allerdings tricksen. Im normalen Modus leuchten beide nur bis etwa 60 cd/m², was in fast allen Lesesituationen absolut ausreicht. Erst wenn man im Menü bei den Einstellungen im Display-Bereich lange auf das große Sonnensymbol drückt, lassen sich die LEDs über den eigentlichen Höchstwert hinaus aufdrehen. Vermutlich will Tolino damit vermeiden, dass Nutzer sich über durch die hellen LEDs verursachten kürzere Laufzeiten beschweren.

Auf dem anderen Ende des Spektrums kann man die beiden Reader mit 0,8 cd/m² (Shine) und 2,2 cd/m² (Vision) nicht ganz so weit herunterregeln wie den Voyage oder den Paperwhite (beide <0,1 cd/m²). Das ist eigentlich nur in einer einzigen Situation von Belang: Wenn man nachts im stockdunklen Raum neben dem Partner noch lesen möchte – dann können die 2,2 cd/m² schon ein bisschen zu hell sein. Die für LED-Lampen typischen Schatten konnten wir auch bei den aktuellen Tolinos am unteren und oberen Rand in geringem Maße erkennen, sie stören beim Lesen aber nicht weiter. Bei angeschalteter LED hat der Vision 3HD einen neutraleren Weißton, der schöner und eher wie "echtes" Papier aussieht; der Shine wirkt dagegen etwas wärmer.

Tolino Shine 2HD und Vision 3 HD - Software (16 Bilder)

Gute Shop-Integration: Hier der Zugriff auf Thalia per WLAN
(Bild: c't)

War die Software beim ersten Tolino 2013 noch der größte Schwachpunkt, wirkt sie bei den aktuellen Geräten ausgereift: Man kann unter anderem sechs unterschiedliche Schrifttypen und sieben Schriftgrößen wählen, Zeilenlängen und Textausrichtung verändern, auch eine gute Silbentrennung gibt es. Die Vielfalt entspricht dabei fast dem Kindle, liegt aber deutlich unter den feiner einstellbaren Kobo-Readern. Wie es bei Lesegeräten Standard ist, kann man auch Notizen machen, Textstellen markieren und Wörter im Wörterbuch nachschlagen. Allerdings sind diese Funktionen nicht ganz so komfortabel wie bei Kindle oder Kobo implementiert: Oft dauert es beim Tolino einen Tipper mehr, um sich beispielsweise eine Worterklärung einblenden zu lassen.

Kompatibel sind die Tolinos mit TXT, PDF und dem dedizierten E-Book-Format Epub. Tolinos Werbeversprechen eines dank Epub offeneren Readers stimmte lange nur halb: Zwar ist der Tolino dadurch schon immer kompatibel mit verschiedenen Shops, und gekaufte E-Books können anders als beim Kindle ohne Probleme auch mit Readern von anderen Herstellern gelesen werden. Doch die meisten kostenpflichtigen E-Books waren bisher mit dem harten Kopierschutz Adobe DRM versehen, der die Nutzung ebenso einschränkt wie der Kopierschutz von Amazon: man benötigt beipielsweise ein Nutzerkonto und darf Texte nicht ausdrucken. Das ändert sich aber gerade, wenn auch nur langsam: Einige große Buchverlage in Deutschland wechseln ihre Strategie und setzen statt auf Adobe DRM nun auf Epub mit Wasserzeichen als Kopierschutzmaßnahme. Solche Bücher lassen sich auch sehr leicht ohne Nutzerkonto auf beliebigen Geräten lesen, an den Partner ausleihen und sogar über Tools wie Calibre für den Kindle konvertieren. Wer sich den neuen Umberto Eco bei Thalia oder Hugendubel kauft, kann damit also mehr machen als mit der Kindle-Ausgabe des Werks – denn im Kindle-Shop sind solche E-Books weiterhin mit Kopierschutz von Amazon versehen.

Per WLAN surft man auf dem Tolino oder kauft neue E-Books. Zusätzlich darf man Telekom-Hotspots kostenlos nutzen. Welcher E-Book-Shop auf dem Tolino direkt erreichbar ist, hängt davon ab, wo der Reader gekauft wurde: unter anderem Thalia, Hugendubel, Weltbild, Bertelsmann und ebook.de verkaufen die Lesegeräte mit eigener Shop-Anbindung. Auf unseren Testgeräten mit Verknüpfung zu ebook.de und Thalia waren die Shops gut integriert: Hat man einmal ein Konto eröffnet und seine Bankdaten hinterlegt, ist das Kaufen neuer E-Books recht einfach und es gibt Leseproben, Bewertungen und gute Beschreibungen. Das Angebot an deutschsprachiger Literatur ist üppig, bei englischen E-Books und Independent-Titeln hat Amazon aber immer noch die Nase vorn.

Der Umgang mit Adobe DRM ist im Vergleich zu den ersten E-Book-Readern ebenfalls einfacher geworden – auch wenn das Einrichten und Verwalten der E-Books damit immer noch deutlich unkomfortabler ist als beim Kindle. Der bessere Umgang mit Adobe DRM ist auch deshalb praktisch, weil sich darüber Bücher und Zeitschriften aus Leihbibliotheken wie onleihe.de nutzen lassen.

In der Tolino-Cloud können bis zu 25 GByte E-Books (mit und ohne Kopierschutz) gelagert und zwischen verschiedenen Geräten synchronisiert werden, Thalia und Co. bieten auch Lese-Apps für Android und iOS an. E-Books aus anderen Shops oder direkt von der Festplatte lassen sich darin besser als in Amazons Kindle-Cloud speichern. Dafür ist das Synchronisieren des aktuellen Lesefortschritt und von Markierungen nicht immer zuverlässig.

Für Besitzer älterer Tolino-Modelle lohnt sich der Umstieg vor allem dann, wenn sie viel lesen: Denn in den Kernkompetenzen Display, Bedienung, Beleuchtung und E-Book-Anzeige ziehen die Tolinos nun mit dem Kindle Paperwhite (ab 150 Euro, ohne Werbeeinblendungen) und Kobo Glo HD (145 Euro) gleich. Lesen macht auf so einem scharfen und bei Bedarf schön beleuchteten Display einfach mehr Spaß. Nur der deutlich teurere Kindle Voyage (ab 190 Euro) bietet bessere Hardware und ist mit den smarten Sensorblättertasten angenehmer zu bedienen.

Beim Shopping-Komfort und den Software-Schmankerln hat Kindle die Nase weiter vorn unter anderem mit besserer Wörterbuch-Integration, zuverlässigerer Synchronisierung und Spezial-Funktionen für die Nutzung in der Familie. Dafür bekommt man für den Tolino mehr und mehr aktuelle und ältere E-Books ohne harten Kopierschutz und ist damit offener unterwegs.

Den Vision 3HD braucht man nur, wenn man den Reader auch mal in die Badewanne oder zum Camping in Schottland mitnehmen möchte – oder die Klopfmethode zum Blättern schätzt. Denn der technisch fast identische Shine 2HD taugt ansonsten genauso gut zum Lesen.

Update 14.10.2015, 14:45 Uhr: Preise für Shine 2HD (120 Euro) und Vision 3HD (160 Euro) nachgetragen.

Hintergrund zu den c't-Messmethoden:

(acb)

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