Schattenwelten: WoW Private Server

Schattenwelten: WoW Private Server

@ctmagazin | c't zockt

Nimmt World of Warcraft Classic den illegalen "Private"-Servern die Existenzgrundlage?

Der Wunsch nach der klassischen, oft als "Vanilla" bezeichneten WoW-Erfahrung aus der Zeit vor den diversen Spielerweiterungen ist schon sehr alt. So entstand neben dem offiziellen Blizzard-Ökosystem schon relativ früh eine Art Schattenwelt aus vielen zumeist kostenlos nutzbaren "privaten" Servern – man könnte sie auch "Piraten-Server" nennen.

Nur an der Serverliste im ansonsten normalen WoW-Client erkennt man, dass man sich auf einem Private Server befindet.

Private WoW-Server sind nicht etwa Raubkopien des Server-Codes von Blizzard. Vielmehr haben sich hier ambitionierte Programmierer die Arbeit gemacht, den Datenverkehr zwischen WoW-Client und originalem Blizzard-Server Paket für Paket zu analysieren und zu jeder Aktion des Clients die Antworten des Servers – und umgekehrt – zu untersuchen.

In akribischer Kleinarbeit bauten sie so eigenen Server-Code, der sich möglichst genau so verhält wie die offiziellen Server – genau genommen also eine WoW-Server-Emulation durch Reverse Engineering. Die boten sie dann in der Regel kostenfrei im Netz an. Die Spieler, die auf einem Private Server herumtoben wollen, nutzen dafür einen Original-WoW-Client von Blizzard, dessen wesentliche Modifikation nur die Datei mit der Serveradressen-Liste ist.

Da die Entwickler der Server-Emulation volle Kontrolle über dessen Verhalten haben, bieten manche Private Server nicht nur ein Vanilla-WoW eines bestimmten Patch-Standes an, sondern auch modifizierte Spielmechanismen. Dazu gehören zum Beispiel eine durch Erfahrungspunkte-Multiplikatoren angepasste Levelgeschwindigkeit oder geänderte Wiederbelebungs- (Spawn-) Raten von Gegnern. Manche Private Server basieren auch auf den Inhalten einer bestimmten WoW-Erweiterung, wie zum Beispiel "The Burning Crusade".

So beeindruckend originalgetreu die nachgebauten Server auch sind, frei von Fehlern sind sie nicht. Da taucht schon mal ein Questgeber nicht auf oder ein für die Erfüllung einer Aufgabe wichtiger Gegenstand fehlt. Die meisten Spieler ließen sich zugunsten der Nostalgie-Erfahrung von vereinzelten Bugs aber nicht beirren – zumal das Spielen kostenlos war und ist.

Grundsätzlich jedenfalls, denn manche Betreiber von Private Servern wollten sich ihren Aufwand dann doch versilbern lassen. Über ihre Webseiten bieten sie zum Beispiel Spielgegenstände, Charaktermodifikationen oder Ingame-Gold gegen echtes Geld an. Im Gegensatz zu den berüchtigen "China-Farmern", die sich durch organisiertes Akkord-Zocken Ingame-Gold erspielen und gegen Echtgeld verkaufen, kann der Server-Betreiber die Spielwährung in beliebiger Menge einfach per Knopfdruck generieren und einem Spielercharakter in die Tasche stecken.

Manch ein Betreiber eines Private-Server will sich etwas dazuverdienen. Über die eigene Webseite lässt sich zum Beispiel Ingame-Gold gegen echtes Geld kaufen.

Blizzard ließ die Parallelwelt der Private Server eine ganze Zeit lang weitgehend unbehelligt, mit wenigen Ausnahmen. Eine davon war der Fall Alyson Reeves im Jahr 2010. Als Betreiberin mehrerer Privat-Server unter dem Projektnamen "Scapegaming" hatte sie mithilfe eines Mikro-Payment-Systems über 3 Millionen US-Dollar verdient, indem sie gegen PayPal-Zahlungen Levelsprünge und In-Game-Gegenstände verkaufte. Blizzard klagte und das Gericht verurteilte Reeves zu einer Strafe in Höhe von über 88 Millionen US-Dollar. Den größten Teil des Betrags machte der Schadenersatzanspruch von Blizzard aus.

Spätestens durch dieses Urteil dürfte Serverbetreibern und Spielergemeinde klargeworden sein, dass ihre teils naiven Vorstellungen von der Legalität der Private Server falsch sind. Dass (angeblich) kein Server-Code von Blizzard, sondern nur selbst geschriebener verwendet wurde und deshalb kein Urheberrechtsverstoß vorläge, ist schlicht falsch.

Neben Copyright-Verletzungen (auf denen der Richter sein Urteil gegen Alyson Reeves gestützt hatte) kommen noch eine Reihe weiterer Verstöße hinzu, etwa gegen den Markenschutz. Auch Spieler, die Private Server nutzen, sollten sich nicht zu sicher fühlen. Mindestens ein Verstoß gegen Blizzards AGBs kann ihnen mit Sicherheit vorgeworfen werden, je nach Herkunft des Clients unter Umständen auch eine Urheberrechtsverletzung. Uns ist allerdings bislang kein Fall bekannt, in dem ein Nutzer eines privaten WoW-Servers vor den Kadi gezogen worden wäre.

Dass es mit den Private Servern auch nach 2010 munter weiterging, hat auch damit zu tun, dass ihre Betreiber und die Hoster der Server sich zunehmend im russischen oder fernöstlichen Raum ansiedelten. Das erschwert den Zugriff durch die US-Justiz deutlich.

Im April 2016 platzte Blizzard dann doch nochmal der Kragen und sie ließen ihre Anwälte mit einer Abmahnung auf die Betreiber von "Nostalrius" los, einem der beliebtesten Private Server mit angeblich über 150 000 aktiven Spielern. Die fürchteten den drohenden Rechtsstreit und schalteten den Server ab, was für viel Aufsehen und Aufregung im Netz sorgte. Nicht nur die betroffenen Spieler, die ihre Charaktere und monatelang erarbeiteten Spielerfolge verloren hatten, sondern WoW-Fans weltweit stiegen auf die Barrikaden.

Die ehemaligen Nostalrius-Betreiber richteten eine Petition direkt an Blizzard mit dem Ziel, das Unternehmen umzustimmen und die Erlaubnis zur Weiterführung des Servers zu erhalten. Diese Petition unterschrieben in kurzer Zeit über 200 000 Spieler, bevor sie an Blizzards WoW-Chef Mike Morraine übergeben wurde. Blizzard blieb jedoch hart und reagierte auch auf Forderungen nach einem offiziellen Classic-Server ausweichend bis ablehnend.

Dennoch ist es nicht unwahrscheinlich, dass damit die Räder ins Rollen kamen und firmenintern zumindest über ein Classic-Angebot nachgedacht wurde. Es sollte jedoch noch über zwei Jahre dauern, bis auf der Blizzcon 2018 die offizielle Ankündigung der Classic-Server durch Blizzard-Chef J. Allen Brack erfolgte.

WoW Classic (11 Bilder)

Schon beim klassischen Login-Bildschirm kommen bei vielen WoW-Veteranen die Erinnerungen hoch.

Seit dem 27. August 2019 sind sie nun online – und zumindest jetzt zu Anfang noch so überlaufen, dass Blizzard schon am zweiten Tag neue Server ("Realms") zuschalten musste. Mit dem Andrang dürften auch die WoW-Macher kaum gerechnet haben. Was aber wird nun aus den Privat-Servern, von denen parallel zum offiziellen Angebot noch viele laufen? Verlieren die jetzt alle Spieler an Blizzard und schließen die Pforten?

Das lässt sich nicht so genau vorhersagen. Wir haben uns auf einem der beliebteren Server umgehört. Auf dem läuft das klassische WoW im Patch-Stand 1.12 -- also genau in derselben Version, der auch die offiziellen WoW-Classic-Server zugrundegelegt ist. Als wir uns am frühen Abend einloggten, waren nur rund 400 Spieler online; gerade mal ein Viertel dessen, was vor einigen Monaten noch üblich war. Wir befragten im Chat ein paar Spieler, warum sie noch hier wären.

Die meisten gaben eine generelle Abneigung gegen Blizzard bzw. Activision als Unternehmen an; manche machten den Kostenfaktor geltend. Aber alle äußerten die Vermutung, dass der Großteil tatsächlich zum offiziellen Angebot abgewandert sei -- nicht ohne die Ergänzung "die kommen schon wieder zurück". Eine Begründung hierfür erhielten wir aber nicht.

Es scheint, als wäre eine Behauptung in der Petition der Nostalrius-Betreiber von 2016 durchaus richtig gewesen: Viele Spieler, die sich auf das Risiko eingelassen hatten, auf einem Private Server zu spielen, taten dies offenbar nicht, um sich die Abogebühr zu sparen. Vielmehr ging es ihnen wirklich in erster Linie um das klassische Spielerlebnis. Dafür akzeptierten sie Bugs, rechtliche Risiken und die die Gefahr, monatelang erarbeitete Spielerfolge zu verlieren. Schließlich -- Nostalrius hatte es gezeigt -- kann so ein Server ganz schnell geschlossen werden. Abgesichtert durch den Segen und Support von Blizzard und angesichts der viel größeren Spielergemeinde (darum geht's letztlich bei einem MMORPG) könnten die meisten von ihnen den privaten Servern wirklich endgültig den Rücken gekehrt haben.

Zumindest die, die World of Warcraft von damals auch so intensiv wie damals spielen wollen und dafür gerne rund 12 Euro pro Monat ausgeben -- wenn sie nicht ohnehnin noch einen bezahlten aktiven Account für das aktuelle WoW hatten. Wer hingegen nur um der alten Zeiten Willen ein- oder zweimal pro Monat für ein Stündchen mit seinem Tauren oder Nachtelfen durch die Wälder von Azeroth streifen möchte, tut das vielleicht auch weiterhin in der Schattenwelt der Private Servers. (swi)

c't zockt WoW Classic, Livestream vom 29.08.2019