Scheibe statt Rolle

Kinoexperiment mit Blu-ray und 35-mm-Film

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Das Filmpodium Zürich hat das Wohnzimmer-Medium Blu-ray Disc gegen ehrwürdigen 35-mm-Film auf der Leinwand antreten lassen - mit überraschendem Ergebnis.

Aufmacher

Früher war die Kinowelt ganz leicht zu verstehen: Da gab es das Produkt Film in seiner reinen und perfekten Form, und zwar auf Rolle fürs Kino. Alles andere war Recycling fürs Wohnzimmer, mit ganz offensichtlich minderwertiger Bildqualität: Erst 16-mm-Film, dann Videokassette und Laserdisk, später DVD, und jeder Laie konnte den Qualitätsunterschied zum Lichtspielhaus erkennen. Dann kam die Blu-ray Disc – und hier scheint auf einmal alles anders zu sein.

Das Filmpodium Zürich hat Anfang November ein für Zelluloid-Verfechter ketzerisches Experiment auf die Beine gestellt: Vor 150 Zuschauern wurden die ersten Minuten von sechs Filmen aus sieben Jahrzehnten gezeigt – c't war dabei. Im Vorführraum standen ein 35-mm-Filmprojektor (modifizierter Kinoton FP38 mit 4000-Watt-Lampe) sowie ein Digitalkino-Beamer (Christie CP2000-M mit 2000-Watt-Lampe und einer Auflösung von 2048 x 1080). Auf der Leinwand waren abwechselnd die Bilder des mechanischen und des digitalen Projektors zu sehen. Der Beamer wurde dabei sowohl mit Digitalkino-Dateien vom professionellen Kinoserver bespielt als auch von einer ganz normalen Blu-ray Disc, die sich in einem ganz normalen Blu-ray-Spieler drehte.

Als zwischen einer Schweizer 35-mm-Verleihkopie des Ridley-Scott-Klassikers Blade Runner (Directors Cut von 1993) auf die Blu-ray umgeschaltet wurde, traute man seinen Augen kaum: Die Analogvariante war ausgeblichen, das Bild wirkte blass und kontrastarm, außerdem störten Kratzer. Die Blu-ray-Projektion war dagegen frei von allen mechanisch bedingten Bildfehlern, dazu gab es sattere Farben und wesentlich knackigere Kontraste. Überraschenderweise reichte die Blu-ray-Auflösung (1920 x 1080) aus, um auf die sechs Meter breite Leinwand ein gestochen scharfes Bild zu zaubern. Selbst in der ersten Reihe waren keine Pixelstrukturen wahrnehmbar.

„Echte“ Digitalkino-Dateien haben eine (leicht) höhere Auflösung als Blu-ray-Filme: Laut der Norm des amerikanischen DCI-Gremiums sind D-Cinema-Dateien mit einer Auflösung von 2K (2048 x 1080 Pixel) oder 4K (4096 x 2160) möglich. Die meisten Kinodatenpakete kommen in 2K-Auflösung vom Filmverleih, denn die Bearbeitung in 4K ist aufwendiger und teurer, außerdem gibt es erst wenige 4K-Kinos. 1920 horizontalen Pixeln bei Blu-ray stehen also 2048 Pixel beim Digitalkino gegenüber.

Unter der Haube stecken dagegen wesentlich größere Unterschiede: So sind im Digital Cinema Package (DCP) die Farben nicht nur vollständig abgetastet („4:4:4“), sondern auch mit vollen 12 Bit pro Kanal kodiert. Bei Blu-ray-Scheiben ist die Abtastrate stark reduziert („4:2:0“), außerdem werden pro Farbkanal weniger als 8 Bit verwendet: Von den bei 8 Bit möglichen 256 Abstufungen werden nur 224 genutzt, der Rest wird abgeschnitten. Außerdem liegen die Digitalkinobilder als einzelne, JPEG2000-komprimierte Frames auf dem Server, während auf Blu-ray Disc MPEG-4 AVC (H.264), VC-1 oder MPEG-2 verwendet wird. Dabei liegen statt Einzelbilder nur Keyframes und Bildveränderungen auf der Scheibe.

Doch wie stark die (Farb-)Unterschiede zwischen D-Cinema und Blu-ray tatsächlich hervortreten, konnten wir in Zürich nicht herausfinden. Die Organisatoren hatten nämlich lediglich einen Schwarzweiß-Film („Repulsion“ von Roman Polanski) sowohl als D-Cinema-Version als auch auf Blu-ray auftreiben können. Außerdem zickte der Beamer, sodass der Vergleich zwischen D-Cinema und Blu-ray nur für wenige Sekunden zu begutachten war. Auf den ersten Blick war kein signifikanter Unterschied festzustellen.

Bei der anschließenden Podiumsdiskussion ging es dann auch nicht um die generelle Bildqualität der beiden digitalen Kinomedien. Für Zündstoff sorgte vielmehr die Frage, wie viel Hand bei der digitalen Aufbereitung von Filmen angelegt werden soll – wie bunt, wie kontrastreich darf es sein? Ab wann wirken die Bilder steril? Vor allem: Ist es noch echtes Kino, wenn keine Filmrollen mehr rattern?

Die Frage nach digital oder analog stellt sich in der Realität allerdings meist gar nicht, denn über kurz oder lang werden Filme nur noch in digitaler Fassung in den Verleih kommen. Die Leidtragenden sind die Repertoire-Kinos: Für sie ist es schon heute sehr schwierig, an 35-mm-Kopien älterer Filme zu kommen – und D-Cinema-Versionen werden von alten Titeln aus Kostengründen meist gar nicht hergestellt. Für Andreas Furler vom Filmpodium Zürich stellt die Blu-ray Disc deshalb eine gangbare Alternative dar, wenn er einen Film nicht als „echte“ Kinofassung bekommen kann. Auch in anderen renommierten Repertoire-Kinos werden die blauen Scheiben bereits – als Notlösung – eingesetzt. Die Aufführungsrechte müssen dabei natürlich genauso erworben werden wie bei der Filmkopie.

Dabei würden die Kinomacher selbst zumindest bei analogen Produktionen lieber „echte“ Filmkopien zeigen. Denn 35-mm- und vor allem 70-mm-Film kann theoretisch eine bombastische Bildqualität auf die Leinwand bringen. Doch das erfordert einwandfreie Kopien auf gutem Filmmaterial. Während bei großen Festivals oft noch solche Edel-Kopien zu bewundern sind, ist die normale Verleihkopie meist billig produzierte Massenware, was sich deutlich in der Bildqualität niederschlägt – wie das Experiment in Zürich eindrucksvoll demonstriert hat.

All das ist zwar bitter für die Kinobetreiber, doch den Otto-Normal-Filmfreak freut’s: Er kann sich für wenig Geld ein optimales Heimkino zusammenbauen, Blu-ray Disc und Full-HD-Beamer sei Dank. Wollen die Kinos mehr bieten als Wohnzimmertechnik, führt für sie kein Weg an 4K vorbei – die Studios müssen ihre Filme dann allerdings auch in der höchsten Auflösung liefern. Was heute auf den meisten Kinoservern landet, unterscheidet sich nur unwesentlich von dem, was im Blu-ray-Regal des Elektrodiscounters steht. Einziges Alleinstellungsmerkmal der Kinos ist derzeit 3D – noch: Für nächstes Jahr sind die ersten 3D-Blu-rays angekündigt.

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