Schlau-TV

Intelligente Fernseher sollen das Wohnzimmer erobern

Trends & News | Trend

Glaubt man den Herstellern, werden unsere Fernseher künftig nicht nur groß, flach und bunt, sondern auch noch schlau sein. Die „Glotze“ wird zur Kommunikations- und Unterhaltungszentrale, die ganz nebenbei auch noch Videostreams vom Notebook oder Tablet entgegennimmt.

Smart-TV? Da wird so manch einer an ein kleines, cleveres Taschenkino denken – eben eine Art Smartphone mit TV-Empfang. Doch die Hersteller von TV-Geräten wollen anlässlich der diesjährigen IFA den Beweis antreten, dass auch Geräte jenseits der 40 Zoll durchaus „smart“ sein können.

Dabei geht es der Branche vor allem darum, neue Anreize für den Kauf eines Fernsehers zu schaffen: Nachdem schon die TV-Geräte der Einsteigerklasse mit HD-Empfang und superflacher Bauweise auftrumpfen können, sieht manch ein Kunde wenig Grund, tiefer ins Portemonnaie zu greifen. Das soll sich mit den Smart-TVs ändern.

Wirft man einen Blick in die Prospekte der Hersteller, bleibt allerdings unklar, was sich hinter dem Smart-Konzept nun alles verbirgt. Bei LG, Philips und Samsung werden Smart-TVs aktiv als solche beworben: Fernsteuerbarkeit durch mobile Geräte, Streaming-Fähigkeiten und die Verknüpfung mit sozialen Netzwerken stehen hier im Vordergrund.

Toshiba möchte „alle Displays miteinander verbinden, auf denen Menschen Bilder oder Filme betrachten“. Das klingt clever – doch unter Smart-TV fasst der Hersteller lediglich die drei Bereiche Apps, USB-Recording und das Kundenportal Toshiba Places zusammen.

Mit einem bunten Logo-Reigen weisen die Hersteller auf ihre smarten Fernseher hin.

Sharp findet es smart, wenn der Fernseher Videos vom Android-Smartphone aus gleichem Hause entgegennehmen kann. Sony wiederum spricht bescheiden von Internet-TVs, bewirbt diese zumindest in den USA aber ebenfalls mit dem Attribut „smart“. Anscheinend kocht hier also jeder sein eigenes Süppchen, alle wollen aber am erwarteten Smart-Boom teilhaben.

Die Verbindung zum Internet ist an sich nichts Neues, ebenso wenig die Verknüpfung mit Medien aus dem Heimnetz oder das Bereitstellen programmbegleitender Funktionen. Neu hingegen ist das Versprechen, dass diese Funktionen innerhalb eines Gerätes sinnvoll miteinander verknüpft und vor allem auch bedienbar sind.

Doch was müsste ein Fernsehgerät heute leisten, um das Attribut Smart zu Recht zu tragen? Wenn man denn schon so ein schickes, hochauflösendes und vernetztes Display an der Wand hängen hat, müsste man doch auch so einiges damit anstellen können.

In erster Linie will die Kundschaft fernsehen. Aber nicht wie bisher, sondern zeitversetzt, überall und ohne großen Stress bei der Ersteinrichtung.

Generell muss ein schlauer Fernseher den Wust digitaler Programme in geordnete Bahnen lenken und gegebenenfalls mit noch vorhandenen analogen TV-Kanälen in einer Programmliste abbilden können. Bequemes Sortieren der Kanalliste und ein flottes Zapping-Erlebnis sind selbstverständlich und auch TV-Komfortfunktionen wie Timeshift fehlen nicht.

Tivo, der in den USA seit Jahren erfolgreiche persönliche Aufnahmeassistent, macht es vor: Der kluge Fernseher sollte eine elektronische Programmzeitschrift vorhalten und Sendungen – je nach Vorlieben des Nutzers – automatisch aufzeichnen können. Alle Folgen der Lieblingsserie landen dabei ebenso sicher auf der Platte wie die jeweils aktuellste Tagesschau – natürlich punktgenau aufgezeichnet.

Dabei sorgt eine Benutzerverwaltung dafür, dass jedes Familienmitglied über ein individuelles Profil dem persönlichen Geschmack entsprechend versorgt wird. Gerne nimmt man auch Aufnahmetipps eines automatischen Vorschlagsystems entgegen. Bereits nach ein paar Tagen wartet der Fernseher mit einem übersichtlich sortierten Angebot an Videokonserven auf und stellt diese per Netzwerk auch für andere Geräte im Haushalt zum Abrufen bereit.

Mehrere Tuner erlauben das parallele Aufzeichnen und Fernsehen, wobei der Fernseher seine Tuner durchaus für andere Geräte im Netz bereitstellen kann. Auch wenn der Fernsehabend auf dem Sofa beginnt, kann man das Ende des Tatorts zur Not auch auf dem iPad im Schlafzimmer verfolgen.

Der schlaue Fernseher ist jedoch nicht nur reine Abspielstation, er dient vielmehr als Kommunikationsschnittstelle zur Außenwelt. Dabei geht es zunächst um die klassische 1:1-Kommunikation von Mensch zu Mensch.

Das Abrufen und Sortieren von E-Mails ist kein Problem, doch auch die Nachrichten auf dem Anrufbeantworter könnten praktischerweise am TV signalisiert werden. Schnell den AB abhören und über die Fernbedienung mit eingebautem Mikro zurückrufen – warum nicht. Auch für die Bildtelefonie via Skype benötigt man eigentlich kein Notebook oder Tablet mehr – die Kamera im Smart-TV lädt stattdessen zur familiären Videokonferenz auf dem Sofa ein. SMS- oder Chat-Interessierte machen es sich mit einer Funktastatur vor dem Fernseher gemütlich. Live-TV-Ereignisse lassen sich so direkt vom Sofa aus kommentieren. Hat der Kumpel am anderen Ende der Republik ebenfalls ein Smart-TV, wird Fernsehen so auch über größere Distanzen zum Gemeinschaftserlebnis.

Die stetig wachsenden sozialen Netzwerke und Communities erweitern die Kommunikation um den Broadcasting-Aspekt: Hier schreiben Freunde für Freunde und wollen Texte, Bilder, Töne und Videos innerhalb ihrer virtuellen Peer-Group teilen. Via Facebook, Twitter und Google+ tauschen sich Millionen aus. Spezialisierte Musik-, Foto- und Video-Communities laden zur Veröffentlichung und Diskussion der hausgemachten Medienkunst ein.

Unverzichtbar ist auch hierfür eine Benutzerverwaltung. Schließlich hängt der Fernseher im Wohnzimmer, einem zumindest „halböffentlichen“ Raum. Egal, ob das Gerät sein Gegenüber per Gesichtserkennung oder Passwort identifiziert: Man sollte sich auf allen relevanten Plattformen tummeln können, ohne dass jeder automatisch Zugriff auf alle Nutzerkonten hat.

Als „Premium-Display“ im Haus ist der Fernseher zentrale Anlaufstelle, wenn es um das Beschaffen aktueller Informationen geht. Hierzu gehört ein konfigurierbarer Startscreen, wie man ihn bei zahlreichen Smartphones findet: Die Wetterdaten mit Fünftagesvorschau, Abfahrtszeiten der nächstgelegenen Bushaltestelle, Kontostand und Börsennotizen, aktuelle Schlagzeilen aus den Nachrichtenredaktionen und das momentane Verkehrsaufkommen für den Weg zur Arbeit. 40 Zoll bieten genug Platz, um das morgendliche Informationsbedürfnis mit einem Blick zu stillen. Der schlaue Fernseher hält sein Publikum abhängig von Tageszeit und dem jeweiligen Gegenüber gezielt auf dem Laufenden.

Hinzu kommen programmbegleitende Informationen, die das TV-Erlebnis aufwerten. Statt nach dem obligatorischen Satz der Moderatorin – „mehr dazu erfahren sie auf unserer Homepage unter…“ – zum Notebook zu greifen, bekommt man Hintergrundinfos gleich übers TV-Gerät ins Wohnzimmer. Ein Tastendruck genügt, um sich in das im TV-Beitrag naturgemäß nur oberflächlich berührte Thema zu vertiefen, mit weiteren Texten, Tönen und Videos oder gar einer freien Recherche im Web.

Da das Web ohne Texteingabemöglichkeit kaum zu bedienen ist, kann man sowohl mit Tastatur und Touchpad navigieren oder die virtuelle Tastatur seines Smartphones nutzen. Das Surferlebnis auf dem Smart-TV darf nicht hinter dem vom PC gewohnten Standard zurückfallen.

Wenn dann „im Fernsehen“ doch mal nichts kommt, muss sich das Smart-TV in einer anderen Disziplin beweisen: Souverän sollte es mit dem digitalisierten Medienfundus daheim umgehen können. Alle TV-Mitschnitte, Filme, die MP3-Samm-lung und auch die digitalen Urlaubsbilder sollten sich von Ordner- oder UPnP-AV-Freigaben im lokalen Netz abrufen lassen. Auch wenn mal die Verwandtschaft mit USB-Sticks anrückt, kommt das Schlau-TV nicht aus dem Tritt und spielt die Fotos von beliebig formatierten Speichermedien.

Wer smarte TV-Geräte bauen will, braucht das Rad nicht neu zu erfinden. Ein schlauer Fernseher muss sich in fünf Kernbereichen bewähren, die in anderen Gerätegattungen längst etabliert sind.

Kommt beim Durchforsten des heimischen Medienbestandes doch einmal Langeweile auf, kann man sich über den Fernseher am reichen Angebot von Online-Film- oder -Musikdiensten bedienen. Video-on-Demand-Portale ersparen den Weg zur Videothek, Musik-Abos à la Napster machen den CD-Kauf überflüssig.

Natürlich ist das Gerät auch mit der Cloud verbunden und bringt alle Medieninhalte, mit denen die Nutzer den stetig wachsenden Online-Speicher füllen, hübsch sortiert ins Wohnzimmer. Kurzweilige Spielchen – gerne auch etwas aufregender als Tetris – wären das Tüpfelchen auf dem i.

Geht es um das Zusammenspiel mit Notebook, Tablet oder Smartphone, hält sich der schlaue Fernseher vornehm zurück: Als passives Abspielgerät kann er Medienströme über die Netzwerkverbindung entgegennehmen – via UPnP AV, DisplayLink oder AirPlay. Ohne zusätzliche Bedienschritte bringt er Musik, Fotos und Videos auf den Schirm, die er im Push-Verfahren zugespielt bekommt.

Dieser Slave-Modus bringt viele neue Möglichkeiten. Smartphones oder Tablets als mobile Endgeräte sind naturgemäß mit kleinen Displays ausgestattet, auf dem „Big Screen“ im Wohnzimmer machen Spiele einfach mehr Spaß. Das mobile Gerät fungiert als miniaturisierte Spielkonsole mit Touch-Controller, der Fernseher sorgt für das gute Bild.

Kommt mal Besuch, kann dieser auf demselben Wege Urlaubsfotos zum Besten geben oder schnell mal ein witziges YouTube-Video einspielen. Das alles vom eigenen Mobilgerät aus, ohne sich in einer fremden Bedienoberfläche zurechtfinden zu müssen. In jedem Windows 7 steckt ein Windows Media Player, der via „Play to“ Medieninhalte im LAN verteilt – der smarte Fernseher fängt sie auf.

Die Anforderungen an den smarten Fernseher im Jahre 2011 scheinen hoch, doch im Grunde sind all die spannenden Funktionen bereits vorhanden und alles andere als Science Fiction.

Im Vergleichstest ab Seite 90 erfahren Sie, was die aktuell auf der IFA präsentierten TV-Modelle derzeit wirklich leisten. Ab Seite 98 werfen wir einen Blick auf verschiedene Nachrüstlösungen, die den Smart-Faktor auch ohne Fernseher-Neukauf ins Wohnzimmer holen.

Prinzipiell ließe sich unser Wunschkatalog sogar noch erweitern – schließlich war vor nicht allzu langer Zeit schon mal vom „Smart Home“ und der bequemen Sofasteuerung der gesamten Haustechnik die Rede. Auf die Schleudermeldung der Waschmaschine oder das Herunterfahren des Garagentores mit der TV-Fernbedienung werden die meisten Kunden jedoch dankend verzichten. (sha)

Schlau-TV

Artikel zum Thema "Schlau-TV" finden Sie in c't 19/2011:

  • Smart-TV Vergleichstest, Kommunikationszentralen - Seite 90
  • Smart-Funktionen nachrüsten, Intelligenz zum Nachrüsten - Seite 98

Kommentare

Anzeige