So nie wieder

@ctmagazin | Editorial

So nie wieder

"Jede Kopie ein Original", mit diesem Sirenengesang hat mich Sony vor anderthalb Jahren verlockt. Da hatte ich die Wahl zwischen einem MP3-Player oder einem MiniDisc-Recorder - ich entschied mich für die Technologie von Sony, die MiniDisc (MD).

Die Argumente lesen sich immer noch gut: Preiswerte Medien mit 80 Minuten Spielzeit für maximal 4 Mark statt ein Vermögen für Flash-ROM-Karten mit 64 MByte. Selbst das eingebaute Kopierschutzverfahren klingt fair: Eine digitale Kopie von der CD ist erlaubt, die aufgenommene MiniDisc lässt sich dagegen nur noch analog duplizieren.

Im Vergleich zu MP3-Dateien mit 128 KBit/s klingen MiniDiscs richtig gut. Die offensichtliche kleine Schwindelei von wegen "Original" und "CD-Qualität" sah ich Sony nach. Während um mich herum die Welt napsterte, was das Zeug hielt, erlag ich dem Geltungsdrang und kaufte insgesamt drei Geräte: eins für unterwegs, eins für die HiFi-Anlage, eins für meine Frau.

Die MP3-Fans tauschten CDs aus, die auf einem Medium die gesammelten Werke von Janet und Michael Jackson enthielten. Ich stellte kleine, elitäre Selektionen zusammen, alle Lieder von George Harrison bei den Beatles, alle Yello-Stücke ohne Gesang. Digitale Kopien mit blütenreinem Gewissen.

Dann schlug die Musikindustrie zurück und begann, den Sumpf der Dateitauscher trockenzulegen. Erst wurde Napster geschlossen. Dann kamen kopiergeschützte CDs auf den Markt, die nur noch "echte" CD-Spieler wiedergeben konnten. Kümmerte mich nicht: Mein MiniDisc-Recorder bezieht seine Musikdaten vom "echten" CD-Player. Ich war der Fels in der Brandung.

Dann kam Key2Audio, der CD-Kopierschutz mit dem gewissen Extra: Diese CDs blockieren nicht nur CD-ROM-Laufwerke, sondern auch Aufnahmen per MiniDisc. Bei Key2Audio-CDs ist das Copy-Bit gesetzt, das MD-Recordern signalisiert, "das ist schon eine Kopie, das darfst du nicht aufnehmen".

Prinzipiell kein Problem: Es gibt kleine schwarze Kistchen, die filtern das Copy-Bit heraus. Aber dafür muss ich vom Pfad der Tugend abweichen - genau deshalb hatte ich mich doch gegen MP3 entschieden. Und wer hat sich das ausgedacht? Sony! Ausgerechnet der Erfinder und Verfechter der MiniDisc. Mit digitalen Kopien hatte der Konzern mich gelockt. Jetzt hat er mich am Haken - und ändert einfach mal so die Regeln.

Klar funktionieren analoge Kopien weiterhin, aber für analoge Kopien kauft sich niemand ein digitales Aufnahmegerät. Zumal es Kombigeräte mit MD und CD gibt, die keinen analogen Umweg kennen.

Was interessiert mich mein Geschwätz von gestern? Ich bin lernfähig. Mittlerweile sind die Preise von MP3-Playern radikal gefallen, und inzwischen weiß ich, dass man jede kopiergeschützte CD rippen kann. Reiche mir jemand die gesammelten Werke von Janet und Michael Jackson rüber, mein Brenner wartet.

Gerald Himmelein

P.S.: Drei Tüten Elektronikschrott günstig abzugeben.

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