Sofort kaufen

@ctmagazin | Editorial

Auf dem Flohmarkt gibt es seit eh und je schräges Zeug zu bewundern: buntes Spielzeug, blasses Geschirr, silberne Nasenhaarscheren. Ganz früher vor allem auch abgetragene Kleidung des Kleinadels - inklusive sechsbeinigen Namensgebern der Veranstaltung.

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Auf dem Flohmarkt gibt es seit eh und je schräges Zeug zu bewundern: buntes Spielzeug und blasses Geschirr, silberne Nasenhaarscheren und vogelkrallenförmige Opiumpfeifen. Ganz früher bot man dort vor allem die abgetragene Kleidung des Kleinadels feil. Letztere wechselte samt sechsbeinigen Untermietern den Besitzer - daher der Name der Veranstaltung.

Heute findet sich außer dem Händlersortiment an Badezimmerarmaturen, Fernbedienungen und billigen Batterien kaum mehr als das, was andere gleich in die große Tonne befördern würden. Aus einem El Dorado für Liebhaber von Gegenständen, die Geschichte schnuppern durften, ist ein mobiler und vergleichweise gut organisierter Müllhaufen geworden, ohne den die Welt meines Erachtens besser dran wäre.

Flohmärkte sind mittlerweile eben nicht mehr das Forum zum Zweitangebot, sondern eines zur letzten Ruhestätte geworden. Neue Dinge gibts im Kaufhaus, gebrauchte Dinge - zumindest solche von Interesse - fast ausschließlich bei eBay, Amazon und Co.

Nur leider ist eBay kein Flohmarkt, sondern ein Auktionshaus. Während man auf dem Flohmarkt Preisangebote einholt und mit Schauspielerei und Pokerface den Preis runterhandelt, treibt man ihn bei der eBay-Auktion in die Höhe, auch mal bis über den Listenpreis hinaus. Was auf dem winterlichen Parkplatz zum Schnäppchen werden könnte, gerät im Web zuweilen zur Wucherware. Nicht selten verliert, wer am Ende das höchste Gebot abgegeben hat.

Auch andere Eigenheiten verteuern den vermeintlich billigen Einkauf im Web. Nicht selten passiert es, dass jemand im Rausch und aus der Erfahrung heraus, eh in letzter Sekunde überboten zu werden, simultan auf drei statt auf eine Nachttischlampe bietet - und dann prompt alle drei erwirbt ("Wer billig kauft, kauft dreimal").

Vetternwirtschaftliche Gebote zum Preis-Tuning machen manchen Kunden misstrauisch. Wie in der wirklichen Welt wird geklüngelt, was das Zeug hält. Jedes auf eBay eingegangene Geschäft sollte tatsächlich abgewickelt werden müssen, damit auch der letzte Kumpel eines kleingaunerischen Verkäufers auf dem von ihm zur missglückten Preistreiberei erworbenen Ladenhüter für immer sitzen bleibt.

Kurzum: Im Web gelten andere Regeln als auf dem Tapetentisch. Buntes Treiben, sich kritisch beäugen, feilschen, ablehnen, weggehen, wieder zurückkommen und dann doch kaufen - all das fällt weg. Nun ja, nicht vollständig: Auch dem Einkauf bei eBay mangelt es nicht an der Spannung aus Haben-wollen und Sich-rar-machen - aber eben nach Regeln einer Auktion, und die dienen dem Verkäufer sowie dem Haus, denn die Gebote sind eine Einbahnstraße bergauf.

So gehen dem Parkplatz die besten Stücke flöten, von der Romantik ganz zu schweigen ("Das ist ein Erbstück meiner Großmutter und ich habe sieben Kinder zu ernähren"). Nur noch Kleinanzeigenmärkte lassen Raum zum Feilschen. Ein Web-2.0-Flohmarkt fehlt.

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