Spätentwickler

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Schon auf der CeBIT hatte ZyXEL mit seinen neuen Kreationen Furore gemacht, doch zu kaufen gibt es die 'Elite'-Modelle erst jetzt. Der einstige Vorreiter in Sachen Hochgeschwindigkeits-DFÜ präsentiert praktisch ein Jahr nach der Standardisierung der V.34-Norm seine ersten Ergebnisse.

Das Konzept ist vielversprechend: Wer will, kann neben der analogen Welt auch Anschluß an das schnellere ISDN halten – selbst nachträglich. Bereits mit den Modellen der 1496er Reihe hatte ZyXEL viel Aufmerksamkeit geerntet. Doch das 'Elite' setzt noch eins drauf. Kaum eine Anwendung, für die es sich nicht zumindest auf dem Papier eignet: Fax, Voice und DFÜ sind bereits ein 'alter Hut', nun zählt sogar die TCP/IP-Vernetzung zu den Einsatzgebieten des Hansdampf-Modems (unterstützt die Protokolle SLIP und PPP) – allein die Liste der Features und zugehörigen Parameter könnte einen Artikel füllen. Kurz vor der Markteinführung konnten wir zwei Modelle in Augenschein nehmen. Das Elite 2864D ist ein V.34-Faxmodem mit Voice-Fähigkeiten. Rüstet man es per Einsteckmodul auf, bekommt man das 2864DI eine Kombination aus ISDN-Adapter und V.34-Fax-Voice-Modem. Beide Modelle haben externe Netzteile und insgesamt 21 LEDs zieren die Frontblenden. Da die LEDs meist mit Abkürzungen gekennzeichnet und manche davon auch mehrfach belegt sind, braucht man schon einen Führerschein und ein gutes Gedächtnis, um das grüne Leuchten jederzeit deuten zu können. Eigentlich sollte es ein Display haben. Ferner verfügen beide Modelle über einen bis zu 460,8 kBit/s schnellen seriellen Port und weisen auch einen Parallelport auf. Letzterer läßt sich unter DOS über den Fossil-Treiber mit Programmen wie FrontDoor nutzen, und für entsprechende Windows-Anwendungen bietet ZyXEL einen Treiber eigener Prägung.

Die parallele Schnittstelle hat Doppelfunktion: über die genannten Treiber dient sie DFÜ-Programmen als superschneller Port. Da das Elite autark Faxe empfangen kann, nutzt es diesen Anschluß auch zur Ausgabe von eingehenden Faxen auf einem angeschlossenen Drucker. Weil die Schnittstelle nicht wie beim SpiderMan durchgeführt ist ('Zwischenlager', c't7/95, S.168), muß man den PC dann seriell anschließen. Als autarkes Fax druckt es eingehende Dokumente wahlweise direkt aus oder legt sie im eigenen Arbeitsspeicher für spätere Abholung ab. Die Kommunikation mit unserem Redaktionsfax klappte fehlerfrei sowohl der Empfang eines mehrseitigen Dokuments als auch der Versand funktionierte. Mit entsprechenden Gegenstellen erreichte das Elite 2864D auch 14.4er Faxverbindungen.

Als 'Anrufbeantworter' spielt das Modem Mitteilungen über Aktivboxen oder über das Telefon ab und nutzt letzteres auch zur Aufzeichnung. Wer dabei mit der Qualität nicht zufrieden ist, kann an einer weiteren Buchse ein Mikrofon anschließen. Die mitgelieferte DOS-Software ZFax V3.24 vermag aber auch per Soundkarte erzeugte Dateien zu nutzen. ZFax fungiert aber nicht nur als Anrufbeantworter, sondern bietet auch Grundfunktionen für die Datenübertragung und kann natürlich faxen und einen Drucker steuern. Des weiteren kann es per Abruf entsprechend vorbereitete Faxe von einem entfernten Faxgerät 'abholen' und verwaltet eine Voice-Mailbox mit bis zu 1000 Nachrichten. Als letztes Beispiel aus der umfangreichen Feature-Liste sei der zeitversetzte Versand von Faxen und Nachrichten genannt. Trotz der diversen Anwendungsbereiche ist es einfach zu bedienen und funktional. Auf Wunsch arbeitet es als TSR im Hintergrund und braucht dabei nur 64 KByte RAM. Da stört es auch nicht, daß es angesichts der 95-Mania keine 'zeitgemäße' Windows-Variante gibt. Das schmalbrüstige Modul für die Datenübertragung ist da schon eher ein Grund, andere Software anzuschaffen. Entsprechend einem DOS-Programm, arbeitet man in einer spartanischen Umgebung – systembedingt muß ZFax zum Beispiel die Druckausgabe von Textverarbeitungen abfangen, damit es diese faxen kann (systemweite Faxdruckertreiber gibt es erst mit Windows-Programmen).

Daß ZFax die Seitenanzahl eines Faxdokuments erst auf Verlangen im Viewer-Modul anzeigt oder die Anzeige der durchschnittlichen Faxübertragungsgeschwindigkeit erst nach der dritte Seite einsetzt, läßt sich einem Programm, das der Hersteller bescheiden 'Utility' nennt, kaum ankreiden. Es stört allerdings, daß Fehlermeldungen zu kurz sichtbar bleiben. Ein gedrucktes Handbuch statt der englischsprachigen Textdatei hätte dem Programm gut zu Gesicht gestanden – bei der Größe von fast 400 KByte fällt es schwer, die Übersicht zu behalten. In ersten Tests zeigte das Modem keine überragende DFÜ-Leistung. Die Übertragung zur identischen Gegenstelle verlief stockend, wenngleich ohne Fehler. Die Durchsatzrate von Textdateien lag zwischen 5500 und 6500 Byte/s bei Connect-Raten von 21,6 kBit/s bis 28,8 kBit/s. Vorkomprimierte Dateien übertrug es mit bis zu 2700 Byte/s. Der bisherige Spitzenreiter schafft in diesen Disziplinen etwa 8250 und 3250 Byte/s (siehe c't 9/95, S. 94). Eine flottere Gangart legte das Elite an den Tag, wenn es als Gegenstelle ein US Robotics Courier V.34 zur Verfügung hatte. Die Textdatei schaffte es mit 7580 Byte/s, und die vorkomprimierte Datei ging mit 3086 Byte/s zur Gegenstelle. Auch erfolgte dabei die Übertragung gleichmäßig. Des weiteren fiel die großzügig bemessene Platine mit für Modems ungewöhnlich hoher Wärmeentwicklung auf – ob das im Dauerbetrieb Nachteile zur Folge hat, kann ein Kurztest natürlich nicht ergründen. Neben anderen Bauteilen und vier Sockeln, die bis zu 8 MByte RAM aufnehmen, beherbergt die Platine 2 Flash-ROMs.

Neue Firmware kann ZyXEL somit als Datei zur Verfügung stellen. Der Clou: Die Firmware läßt sich mit einer Terminalsoftware 'injizieren'. Das spezielle Modemkommando 'atupx' versetzt das Elite-Modem in den 'Upload-Zustand'. Daraufhin sendet man die Firmware-Datei per XModem-Upload ab, auch mit Plattformen wie Mac, Atari oder Amiga. Der undokumentierte atu-Befehl bringt das Modem in den Kernel-Modus, von dem aus der Upload ebenfalls möglich ist. Einmal in diesem Modus gelandet, fanden wir keinen Weg, ihn legal zu verlassen. Aus- und wieder Einschalten zog zwar keine Fehler nach sich, verwirrte jedoch mit einer 'endlos' durchlaufenden ASCII-Tabelle (erst ein ATZ brachte den Datenstrom zum Versiegen). Ferner blieb bei unserem Testmuster der interne Lautsprecher stumm. Das Einstiegsmodell 2864D läßt sich mittels eines Upgrade-Moduls zu einem ISDN-Controller umrüsten. Dieser arbeitet mit den Siemens-typischen Bausteinen ISAC und ARCOFI, enthält einen a/b-Adapter und die für den ISDN-Anschluß nötige RJ45-Buchse. Der Adapter läßt sich wahlweise mit dem nationalen ISDN-Protokoll 1TR6 oder der Euro-ISDN-Variante EDSS1 betreiben. Neben dem X.75-Protokoll steht auch das V.110-Übertragungsformat zur Auswahl. Außerdem bekommt man eine adaptierte Fossil-Version, die die Kanalbündelung (128 kBit/s) entsprechend dem cFos-Verfahren beherrscht, sowie ZFax in der Version 4.00E, welches Anpassungen an ISDN enthält.

Die V.34-Funktionalität bleibt zwar erhalten, doch läßt sie sich fortan nicht mehr an analogen Anschlüssen nutzen. Mit der Umrüstung hat man die analoge Telefon-Schnittstelle gegen eine ISDN-Schnittstelle getauscht. Der Weg zur Außenwelt führt beim Modemteil über den a/b-Adapter des ISDN-Moduls und endet deshalb ausschließlich im ISDN. Man sollte daher wenn möglich das analoge Modul behalten, damit man in Notfällen darauf ausweichen kann. Wer nur einen analogen Anschluß hat, wird auch den Modemteil, der dann '2864DI' genannten Erweiterung, nicht verwenden können. Bisher in der Modemwelt nicht gekannte Komplexität bietet das DTE-Interface des ISDN/ Modem-Zwitters. Nach dem Einschalten des Geräts steht es im sogenannten Simplex-Modus bereit und verarbeitet dabei AT-Befehle. Daher braucht herkömmliche DFÜ-Software einerseits keinen Fossil-Treiber, und andererseits kann man den Adapter auch mit anderen Plattformen einsetzen (zum Beispiel Mac- oder Linux-Rechner). Der paketorientierte Multiplex-Modus ist dagegen dem ZyXEL-CAPI und CAPI-Anwendungen vorbehalten. Unser Vorführmodell hatte noch kein CAPI im Lieferumfang. Das DTE-Interface unterteilt ZyXEL in vier logische Kanäle. Kanal 0 ist für die analoge Kommunikation vorgesehen (Fax, Modem, Sprache). Die Kanäle 1 und 2 sind digitalen Diensten des ISDN vorbehalten (je ein logischer Kanal pro ISDN-B-Kanal). Das AT-Kommando AT&On schaltet zwischen den Kanälen um. Jeder DTE-Kanal verfügt über eigene S-Register, so daß verschiedene Applikationen ihre speziellen Voreinstellungen haben können. Je nach Gegenstelle wählt man entweder Kanal 0 (analoge DFÜ) oder Kanal 1 (digitale DFÜ). Ein Terminal-Programm, das über Makrofunktionen verfügt, kann die verschiedenen Konfigurationen auch automatisiert einstellen.

Über den vierten Kanal wird die Kommunikation mit dem a/b-Adapter abgewickelt. Dieser erkennt DTMF-Töne (Geräte mit Pulswählverfahren laufen nicht) und produziert auch ein Standard-Klingelsignal, so daß er für den Anschluß eines analogen Telefons prädestiniert ist. So ausgerüstet soll man während Datenübertragungen, die nur einen ISDN-B-Kanal nutzen, über den zweiten Kanal zum Beispiel ein Gespräch führen können. Mit unserem Testmuster klappte dies jedoch nicht. Immerhin, ein analoges Telefon ist weit billiger als das ISDN-Pendant. Da ist es nur ein kleiner Makel, daß es erst dann funktioniert, wenn das Elite 2864DI eingeschaltet ist. Eingehende Anrufe kann man je nach Dienst auf eine ISDN-Rufnummer legen (im Euro-ISDN verfügt man zumindest über drei Rufnummern, sog. Multiple Subscriber Number), so daß 'alle' Kommunikationsarten eindeutig zugeordnet sind (ISDN-Daten, analoge Daten, Fax und Voice). Beim Download aus unserer Mailbox erreichte der ISDN-Adapter mit dem X.75-Protokoll (64kBit/s) und der passiven Karte AVM A1 als Gegenstelle etwa 7400 Byte/s – ein guter Wert. Verbindungen mit dem Mac-ISDN-Adapter Leonardo gelangten zwar bis zur X.75-Connect-Meldung, und auch die Übertragung von Tastatureingaben klappte, danach brach Leonardo nach kurzer Zeit die Verbindung ab, was wiederum das Elite erst sehr verzögert registrierte.

Auch die um ISDN bereicherte Variante des Elite-Modems zeigte während des Kurztests einige Mängel. Während mit dem V.34-Elite das Abspielen der mitgelieferten Ansagen ohne Fehler klappte, ließen sich dieselben Dateien mit ZFax 4.00E und dem Elite 2864DI nicht abspielen. Nicht selten weigerte sich Elite, das Wählkommando auszuführen, wobei mangels jeglicher Meldungen unklar blieb, ob es das Kommando 'überhörte' oder einfach die Wahlsperre einsetzte. Ferner gerät die Steuerung eines am a/b-Adapter angeschlossenen Telefons durcheinander, wenn man die Verbindung während des Modembetriebs unterbricht. Steckt man es anschließend wieder an, wählt das Telefon nicht mehr und man muß das Elite aus- und wieder einschalten.

Schon das 2864D fällt positiv mit einem großen Funktionsangebot auf und das Elite 2864DI setzt dem noch eins drauf. Diese Vielfalt macht die beiden Geräte zu Universalgenies, in denen Konfigurationsakrobaten ihre Herausforderung finden dürften. Um Mißverständnissen vorzubeugen: Die Elite-Modelle sind nicht etwa kompliziert, sondern 'nur' komplex – wer die gelungene englische Online-Hilfe versteht, wird mit dem Modem auch umgehen können. Gleichzeitig ist klar, daß ein Anfänger lange brauchen wird, bis er alle Fähigkeiten auszuschöpfen gelernt hat. Im aktuellen Stadium ähneln beide Modelle unvollendeten Symphonien die Grundidee ist erkennbar und vermag auch zu begeistern. Diverse Schnitzer dürften aber in der Praxis für Verstimmung sorgen – so sie vor dem Verkaufsstart nicht behoben sind. Dissonant präsentierte sich auch die Frühfassung der deutschsprachigen Dokumentation – unter anderem fehlen die ersten 15 Seiten des Faxkapitels und eine Liste der für autarken Faxempfang verwendbaren Drucker. Mit ausgereifter Firmware, höherer Durchsatzrate und komplettem Handbuch dürften die Elite-Modems der Konkurrenz das Leben schwer machen. (dz)

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