Spaßfunker auf dem Vormarsch

Spaßfunker auf dem Vormarsch

Test & Kaufberatung | Kaufberatung

Bluetooth zum Beispiel ist einst als Nahbereichsfunktechnik nur angetreten, um das Kabelgewirr zwischen PC und Peripherie zu beseitigen — das ist inzwischen gelungen, wenn auch mit Verspätung.


Es sind hauptsächlich Synergie-Effekte verschiedener Anwendungen, die in nächster Zukunft die mobile Kommunikation prägen und im Bluetooth-Bereich bald Fernbedienungen, Video-Geräte oder auch Mini-Netze bescheren werden — Bluetooth entwickelt sich zu einem allgemeinen Kabelersatz für die Unterhaltungselektronik und Kommunikationstechnik.

Mit besonderer Spannung wartet man derzeit aber auf erste Audio-Geräte mit Bluetooth. Fujitsu hat mit AirJuke einen der ersten MP3-Player in Arbeit, der die Musik als MP3-Stream zu Stereo-Kopfhörern oder -lautsprechern übertragen kann. Die Vorteile liegen auf der Hand: Rauschen wie bei analogen Funk-Lautsprechern fällt dank digitaler Übertragung nicht an, und die Fehlerkorrektur beseitigt viele Funkstörungen. Sender und Empfänger sind wegen der Bluetooth-spezifischen Kopplung exklusiv miteinander verbunden, sodass die Empfänger einen fremden Sender ignorieren. Das Signal eines analogen Audio-Senders aus der Nachbarwohnung kann hingegen durchaus in die eigenen Funk-Boxen gelangen, auch wenn Sender und Empfänger aus verschiedenen Kartons stammen.

Bisher haben die Hersteller zwar nur Kopfhörer und Boxen für Zimmerumgebungen gezeigt, bald soll es aber auch Sets für den mobilen Einsatz geben. Die drahtlosen, akkubetriebenen Boxen sollen nach Gutdünken des stets aufbruchbereiten Juvenilen die Rennwanze vom Fußraum aus oder den Strand von der Luftmatratze aus beschallen. Und damit er unterwegs Verabredungen nicht gesetzeswidrig mit dem Handy am Ohr treffen muss, benutzt er zusätzlich eine Bluetooth-Freisprecheinrichtung; wahlweise als schmucken Ohr-Clip, der an Sciencefiction-Stars wie Seven of Nine denken lässt, oder fest im Auto eingebaut, aber dennoch nicht wie bisherige Car-Kits nur zu einem Handy-Modell, sondern zu jedem Bluetooth-Handy passend.

Audi, BMW und Saab haben bereits Car-Kits im Programm, mit denen sie ihre Autos auf Wunsch vom Werk aus bestücken, und DaimlerChrysler will ab Sommer dieses Jahres mit seinen Limousinen der E-Klasse nachziehen. Ford oder auch VW gehören zwar der über 2000 Firmen starken Bluetooth Special Interest Group an, aber ebenso wie Opel und Porsche bieten sie in ihren Fahrzeugen noch kein Bluetooth. In diese Lücke stoßen Hersteller von Nachrüst-Kits, zum Beispiel Lintech oder Funkwerk Dabendorf.

Stollmann und Oasis streben weit mehr als nur Sprachübertragung via Bluetooth an. Die beiden Unternehmen wollen ein Bluetooth-Gateway bauen, über den sich Mobiltelefone, Headsets, PDAs und andere Geräte an das MOST-Netzwerk des Fahrzeugs anbinden lassen. MOST, Media Oriented Systems Transport, ist ein speziell für Kraftfahrzeuge entwickeltes Multimedia-Netzwerk in Glasfasertechnik, das zurzeit 22,5 MBit/s befördert, künftig bis zu 150 MBit/s. Es dient auch zur Gerätesteuerung, soll aber vornehmlich Sprache, Bilder und Videos übertragen. Einige Auto-Hersteller, etwa Audi und BMW, setzen MOST bereits ein.

Von Tenovis kommt demnächst ein erstes Schnurlos-Telefon auf den Markt, das das Bluetooth Cordless Telephony Profile (CTP) nutzt. Überraschenderweise gibt es zwar etliche Handys mit Bluetooth — zum Beispiel von Sony Ericsson, Motorola, Nokia, Siemens oder auch Philips —, aber keines davon beherrscht CTP. Dabei wären solche Doppelfunker, die sich zu Hause zum Beispiel an einer ISDN-Basisstation und unterwegs im GSM anmelden, sehr wünschenswert, schon weil man nur ein Adressbuch pflegen müsste.

Doch die Handy-Hersteller zeigen vor den Wünschen der Mobilnetzbetreiber bisher zu viel Respekt — Vodafone und Co wollen, dass ihre Kunden ihre Mobilnetze auslasten und nicht womöglich das Festnetz der Konkurrenz. Einige wenige Handy-Hersteller haben zwar mit CTP experimentiert, bisher ist aber noch offen, ob die viel versprechenden Prototypen zur Serienreife entwickelt werden.

Deshalb dient Bluetooth in Handys, insbesondere in Smartphones, hauptsächlich zur Datensynchronisation mit dem PC und zur Dateiübertragung von Handy zu Handy. Aber schon bei Kamera-Handys zeigt sich, wie schnell die Kunden mit Bluetooth auf "Abwege" geraten, die den Netzbetreibern ein Dorn im Auge sind: Mit Nokias Verkaufshit, dem Modell 7650, das laut Hersteller weltweit bereits über eine Million Mal verkauft wurde, aber auch mit Sony Ericssons Shooting-Star, dem P800, tauschen die Nutzer die mit den eingebauten Kameras geknipsten Bildchen über Bluetooth statt über den eigentlich geplanten Multimedia Messaging Service — wegen der überhöhten Gebühren.

Den Handy-Herstellern wirds egal sein, wenn nur der Absatz ihrer aufwendigen Smartphones stimmt - und da sind Nokias Verkaufsschlager und das sehr positiv aufgenommene Sony Ericsson P800 Sinnbilder für den Erfolg des Symbian-Betriebssystems. Es bietet anscheinend alles, was der Handy-Hersteller begehrt: Vielseitig, mächtig, aber variabel, hat es mit 12 Handy-Herstellern weit mehr Fürsprecher als Linux und Microsofts Handy-Betriebssystem Smartphone 2002 zusammen. Zudem gibt es für Symbian mit Nokias Series 60 und Series 40 sowie UIQ zwei finnische und eine schwedische Interpretation mit sehr unterschiedlicher, aber überzeugender Benutzerführung.

Und während weitere Symbian-Phones von Siemens, Samsung oder auch Fujitsu folgen werden, scheint Microsoft der europäisch-asiatischen Mobilfunk-Armada zurzeit nur ein Smartphone-2002-Gerät entgegensetzen zu können: ein SPV genanntes Handy, das schon kurz nach dem Verkaufsstart Ende 2002 etliche Klagen wegen fehlerhafter Funktionen kassierte. Ein zweites, vorläufig SPVx genanntes, nur optisch umgestaltetes Modell soll es ab April geben. Das SPV-Handy will der deutsche Netzbetreiber T-Mobil ab Sommer hierzulande anbieten.

Das sind überraschend wenige Trumpfkarten in der Hand des weltgrößten Software-Produzenten, der nach dem PC- und PDA-Markt auch den Mobilfunkmarkt dominieren will. Beide, SPV und SPVx können sich zwar dank Farbdisplay, schnellem GPRS-Modem, Internet-Browser, E-Mail-Client, MP3-Player und Organizer-Funktionen mit aktuellen Symbian-Smartphones von Nokia, Sony Ericsson oder auch Siemens messen, und sie können mit Windows-ähnlichen Progrämmchen Word- oder Excel-Dateien darstellen, doch sie eignen sich nur für GSM-Netze.

Dabei ist der Mobilfunk-Zug längst in Richtung UMTS abgefahren. Davon zeugen schnuckelige Dual-Mode-Handys für GSM und UMTS, die die Hersteller schon stolz auf Messen präsentieren: Ab Sommer dieses Jahres sollen die Mobilnetze der dritten Generation auch in Deutschland den öffentlichen Betrieb aufnehmen, und wer dann in Ballungszentren zu Stoßzeiten die überlasteten GSM-Netze meiden will, dürfte sich gern eines der Universal-Handys von Nokia, Motorola, Samsung, Siemens oder auch Sony Ericsson zum Telefonieren zulegen und damit auch seine Mail unterwegs lesen oder gelegentlich mal die eingebaute Kamera und die MMS-Funktion nutzen. Und manche der UMTS-Raketen sind trotz deutlich mehr Funktionen schon so weit miniaturisiert, dass sie äußerlich als einfache GSM-Handys durchgehen.

Von Microsoft hört man zwar kein Engagement im UMTS-Bereich, aber der Redmonder Software-Gigant hat ja auch den PDA-Markt mit seinen Windows-CE-Betriebssystemen nicht auf Anhieb erobert, sondern Zug um Zug. Entschieden ist der Kampf um die Smartphone-Vorherrschaft jedenfalls noch lange nicht, zumal sich der Markt noch entwickelt.

Doch Microsoft gibt nicht schon nach den ersten Schlappen klein bei: Unlängst erst nahm die britische Firma Sendo nach Querelen mit Microsoft ihr vielversprechendes Smartphone-2002-Gerät Z100 vom Markt, kehrte Microsoft den Rücken und kaufte eine Symbian-Lizenz. Die Redmonder waren zunächst geschockt, zumal das erste Smartphone-2002-Gerät, das SPV-Handy bisher nur wenige Kunden lockt. Doch sie fanden schnell Trost in einer Kooperation mit dem Chip-Giganten Intel.

Und Intel hat sich wohl nicht lange bitten lassen, schließlich beginnt für den Chip-Hersteller die Mobilfunkära erst mit dem im Februar vorgestellten Handy-Chipsatz PXA800F so richtig. Die beiden Konzerne bauen nun gemeinsam eine neue Handy-Plattform mit Intels PXA262-Prozessor und Smartphone 2002. Handy-Hersteller sollen damit dank vielerlei Hardware- und Software-Zutaten "besonders einfach leistungsfähige Smartphones" bauen können — malen nach Zahlen für Handy-Entwickler. Aber da ist das amerikanische Duo nicht allein. Die Münchener Chip-Schmiede Infineon und der koreanische Elektronik-Riese Samsung etwa haben auch eine eigene Smartphone-Entwicklungsplattform angekündigt, aber natürlich für Symbian.


Vergrößern

Prototyp Samsungs SGH-Z100: Sieht aus wie ein Handy, ist ein Handy - aber nicht nur mit GSM-, sondern auch mit UMTS-Funk.

Wohl deshalb birgt der Mobilfunkmarkt noch einiges an Brisanz — man darf gespannt sein, welche Innovationen die europäischen und asiatischen Hersteller im Kampf um die Vorherrschaft in die Waagschale werfen werden. Mit Motorola geht jedenfalls schon einer der Symbian-Teilhaber eigenartige Wege; zwar nicht in Richtung Smartphone 2002, aber statt Symbian-Handys bringen die Amerikaner zur Überraschung der Beobachter Linux-Mobiltelefone. Die verbliebenen zwölf Symbian-Getreuen schweigen. Die spannendste Frage der nahen Zukunft dürfte sein, ob Nokia, Samsung, Siemens und Co wie bisher dominieren oder Mobilfunkbetreiber im Verein mit Firmen wie Microsoft künftig auch die Handy-Entwicklung definieren.

Die Käufer werden das Getümmel interessiert beobachten. Sie wollen zunächst ein verlässliches Telefon, gern auch mit Internet-Browser, E-Mailer und Organizer; auch das Handy als MP3-Player oder Spielekonsole werden sie nicht verschmähen. Anders als in der PC-Welt, in der neben guten Vertriebskanälen die Software-Kompatibilität über die Verbreitung des Windows-Betriebssystems entschied, muss ein Telefon aber nicht Windows-kompatibel sein. Gewinnen werden am Ende wohl die verlässlichen und praktischen Smartphones, die verständliche Benutzerführungen mitbringen - so trennte sich schon bei "einfacheren" Handys die Spreu vom Weizen. Mittelfristig dürften daher Symbian und Smartphone 2002 koexistieren.

Die Mobilnetzbetreiber suchen intensiv die Killer-Applikation für UMTS. Ihr Traum, bald schon mit mobilen Datendiensten soviel Umsatz zu machen, wie mit Sprachverbindungen, scheint angesichts schnuckeliger Geräte und schneller Mobilnetze zum Greifen nahe. Doch zuvor müssten Vodafone und Co von ihren weit überhöhten Gebührenmodellen lassen, sonst verstauben die mobilen Datendienste, ob Internet-Angebote, E-Mail-Konten, Ticket-Services, downloadbare MP3-Songs, Verkehrs-Infos, Nachrichten oder Multi-Gamer-Spiele. (em)

Anzeige