Spaßzentrale

Erster Blick auf Sonys Playstation 3

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Die Playstation 3 ist mehr als ein Spielzeug. Sie ist ebenso eine Medienzentrale mit Blu-ray-Player und - dank Sonys neuer „Open Platform“-Strategie - ein voll funktionstüchtiger Linux-Rechner.

Wenn eine neue Spielkonsole das Licht der Welt erblickt, ist der Andrang immer groß. In den USA bot sich ein Schauspiel, das an die große Depression der dreißiger Jahre erinnerte. Bereits vier Tage vor dem offiziellen Start am 17. November schlugen die ersten Fans ihre Zelte vor den Wal-Marts, Best-Buys und Gamestops auf. Denn Sony sollte nur 400 000 Geräte zum Tag X bereitstellen - ein Tropfen auf den heißen Stein. Doch nicht nur Playstation-Fans wollten eiligst ihr neues Spielzeug ausprobieren, mindestens ebenso viele eBay-Glücksritter versprachen sich hohe Profite vom Weiterverkauf.

Doch die Camper lebten gefährlich. In Kentucky feuerte ein Mann aus einem Lastwagen mit einem Luftgewehr auf die Wartenden. Vor einem Wal-Mart raubten zwei maskierte Täter 15 bis 20 Camper aus und schossen einen Mann nieder.

Wer allein auf das Spieleangebot zum Verkaufsstart schaut, mag die Hysterie kaum verstehen. Sechs exklusive Titel kamen mit der Konsole in die Läden. Als Flaggschiff firmierte „Resistance: Fall of Man“, ein Ego-Shooter, der in den fünfziger Jahren in einer Parallelwelt spielt. Die Nationalsozialisten kamen in Deutschland nie an die Macht, dafür entwickelten die Russen Mutanten mittels Genmanipulation, die wie in H.G. Wells „Krieg der Welten“ über ganz Europa herfallen. Spielerisch liegt „Fall of Man“ irgendwo in der Nähe von „Call of Duty“ und „Half-Life 2“. Als Widerstandskämpfer muss der Spieler sich im Häuserkampf gegen mutierte Zombies und allerlei Krabbelgetier zur Wehr setzen. Zwar fehlt dem Spiel aufgrund verwaschener Texturen ein optischer Wow-Faktor, dafür bietet es taktisch kluge Gegner, ausgefallene Waffen und eine stimmungsvolle Hintergrundgeschichte, die auch zu zweit im Coop-Modus durchgespielt werden kann. Online treten bis zu 40 Spieler gegeneinander an - und zwar kostenlos: Anders als Microsoft bei seiner Xbox 360 kassiert Sony für Mehrspielerpartien oder Video-Chats keinerlei Gebühren.

Wesentlich schicker ist „Genji: Days of the Blade“. In dem etwa zehn Stunden dauernden Action-Adventure steuert der Spieler vier japanische Kämpfer nach bester Hack-and-Slay-Manier. Obwohl die Optik mit wabernden Lufteffekten und bunten Kostümen gefällt, ist sie nicht unbedingt besser als bei aktuellen Xbox-360-Spielen.

Namco liefert mit „Ridge Racer 7“ eine gegenüber dem Vorgänger für die Xbox 360 leicht verbesserte Version, bei der man nun im Windschatten zusätzlich Tempo tanken kann. „Mobile Suit Gundam: Crossfire“ ist aufgrund seiner matschigen Grafik und unausgewogenen Steuerung allerdings nicht einmal eingefleischten Mech-Fans zu empfehlen. In den USA brachte Sony zusätzlich noch das Basketballspiel „NBA 07“ und das Rollenspiel „Untold Legends: Dark Kingdom“ auf den Markt. Die übrigen acht Titel sind ebenfalls für andere Plattformen erhältlich (Call of Duty 3, Marvel: Ultimate Alliance, Tony Hawk’s Project 8, Madden NFL 07, Need for Speed Carbon, Tiger Woods PGA Tour 07, NBA 2K7 und NHL 2K7).

Noch vor Weihnachten will Sony das Schlammpistenrennen „Motorstorm“ veröffentlichen. Der Spieler sucht sich mit unterschiedlichen Vehikeln, vom Truck bis zum Motorrad, die besten Wege über die Pisten des Monument Valley. Dabei spritzen ordentlich Schlammpixel in die Höhe und die Gegner verursachen spektakuläre Unfälle. Motorstorm lässt sich auch mit den Bewegungssensoren des Controllers steuern und ähnelt dabei sehr den Rennspielen von Nintendos Wii. Allerdings fallen auch die Nachteile des neuen kabellosen Gamepads auf: Die Zeigefinger rutschen leicht von den unteren Schultertasten „R2“ und „L2“ ab, sodass sie sich schnell verkrampfen. Außerdem vermissten wir die Vibrationen des PS2-Controllers schmerzlich.

Von den getesteten Spielen unterstützt lediglich Ridge Racer 7 Auflösungen bis 1080p. Alle anderen laufen in 720p und lassen zumeist eine Kantenglättung vermissen.

Die Systemsteuerung der PS3 gleicht einer aufgebohrten Crossbar der Playstation Portable. Hierüber lässt sich das Netzwerk konfigurieren sowie die Bildschirm- und Audioausgabe festlegen. Über ein mitgeliefertes Cinch-Kabel oder HDMI 1.3 schließt man die PS3 an einen Bildschirm an. Der Multi-A/V-Ausgang ist kompatibel zu allen älteren Playstation-2-Kabeln. Die maximale Auflösung beträgt über HDMI und Komponente 1080p (Vollbilder mit 1920 x 1080 Bildpunkten). Kopiergeschützte Blu-ray-Filme lassen sich analog aber nur bis 1080i (Halbbilder) wiedergeben, 1080p ist allein dem kopiergeschützten digitalen HDMI vorbehalten. Über einen Adapter lassen sich auch HDCP-fähige Monitore per DVI anschließen, wobei unter Linux auch VESA-Modi bis 1920 x 1200 Bildpunkte möglich sind.

Der Ton kann als original Bitstream oder dekodierter PCM-Stream ausgegeben werden, wobei der interne Decoder der PS3 Dolby-Formate mit bis zu 7.1 Kanälen und DTS-HD mit bis zu 5.1 Kanälen in PCM wandelt. SACDs lassen sich nur über HDMI 1.3 abspielen. Der optische Digitalausgang gibt ansonsten bis zu 5.1 Kanäle aus, analoge Wiedergabe ist in Stereo möglich.

Die größere PS3-Version mit 60-GByte-Festplatte bringt einen Card-Reader mit (CF, SD, Memory Stick), über den sich Fotos in einer Diashow anzeigen lassen. Musik lässt sich von CD auf die Festplatte überspielen und in MP3, AAC oder ATRAC wandeln. Nicht DRM-geschützte Titel können über USB-Sticks frei kopiert werden. Bei Videofilmen unterstützt die PS3 die Formate MPEG-1, MPEG-2, MPEG-4 SP und MPEG-4 AVC (H.264) mit Auflösungen bis zu 1080p. AVI-Filmdateien (inklusive DivX & Co.) werden nicht abgespielt.

Neben gewöhnlichen Video-DVDs, deren Bilder leider nicht hochskaliert werden, spielt die Playstation 3 auch Blu-ray-Filme ab. Die Menüführung ähnelt der der PSP und ist mit dem Controller etwas umständlich. Demnächst will Sony eine Fernbedienung mit allen nötigen Steuerungsoptionen anbieten. Die Bildwiedergabe war bei einem ersten Test gut. MPEG-2-Material zeigte ein bereits von anderen Playern bekanntes leichtes Zuckeln durch die Bildumrechnung (3:2-Pulldown). Filme in VC-1 liefen flüssig.

Die Lüftergeräusche fielen erstaunlich niedrig aus. Bei ruhendem Desktop maßen wir lediglich 0,2 Sone, die im Spielbetrieb auf 0,7 Sone und beim Abspielen eines Films auf immer noch gut verträgliche 0,9 Sone anstiegen. Zum Vergleich: Microsofts Xbox 360 ist bereits im Ruhezustand mit 1,8 Sone doppelt so laut wie die PS3 bei Vollauslastung und lärmt beim Abspielen einer DVD mit 2,0 Sone, die aufgrund des sehr schnell drehenden DVD-Laufwerks im Spielbetrieb auf kaum erträgliche 3,8 Sone ansteigen. Da die PS3-Spiele auf einer Blu-ray Disc mit höherer Datendichte gespeichert sind als die DVD-Spiele der Xbox 360, müssen die Scheiben auch nicht so schnell rotieren. Allerdings sollte man bei der Playstation 3 darauf achten, dass die Lüftungsschlitze frei bleiben, denn rechts und an der Rückseite bläst der 160-mm-Lüfter sehr warme Luft aus dem Gehäuse. Die Leistungsaufnahme ist mit 165 Watt im Ruhezustand und 180 Watt im Spielbetrieb sehr hoch; im Standby lag sie unter einem Watt.

Wer sich eine Playstation 3 zum Spielen importiert, hat mit erstaunlich wenigen technischen Hürden zu kämpfen. Das Systemmenü ist auch in Deutsch vorhanden. PS3-Spiele sind regionalcodefrei und bringen zum Teil deutsche Tonspuren bereits mit. Das interne Netzteil verträgt universell Spannungen zwischen 110 und 230 Volt. Blu-ray-Filme sind allerdings genau so wie PS2- und PSOne-Spiele durch einen Regionalcode geschützt, sodass hiesige Medien wie auch PAL-Video-DVDs nicht auf den japanischen oder US-Geräten abgespielt werden.

Zur Abwärtskompatibilität hat Sony eigens einen Chip mit der Emotion Engine und dem Graphics Synthesizer der Playstation 2 ausgerüstet. Nach offiziellen Angaben laufen bereits 97,5 Prozent der 8000 erhältlichen Titel. Die übrigen 200 sollen mit späteren Firmware-Updates auch auf der Playstation 3 funktionieren. Die alten Spiele werden ausgegeben.

Über vier USB-Anschlüsse an der Front lassen sich Maus und Tastatur anschließen, sodass man die Playstation 3 in einen arbeitsfähigen Computer verwandeln kann. Bereits in der Crossbar ist ein einfacher Webbrowser integriert, der ähnliche Funktionen wie sein PSP-Pendant bietet. Zusätzlich hat Sony einen Online-Shop namens „Playstation Store“ eröffnet, über den PS3- und PSP-Spiele, Musik und Filme verkauft und kostenlose Demos und Trailer angeboten werden. Zum Start standen bereits Demos zu „Formula One“, „Resistance“, „Motorstorm“ und „NBA 07“ zum Download bereit. Kleinere Aracade-Spiele wie „Blast Factor“ oder „Cash Guns Chaos DLX“ kosten 8 bis 10 US-Dollar.

Das 60-GByte-Modell der Playstation 3 bringt auch eine WLAN-Unterstützung mit. Als Verschlüsselungsarten sind neben dem unsicheren WEP auch WPA-PSK (TKIP) und WPA-PSK (AES) möglich. Darüber lassen sich beispielsweise Filme und Musik von der Festplatte auf die PSP streamen (keine DVD- oder Blu-ray-Filme). Das kleinere Modell kann per USB mit einem WLAN-Adapter nachgerüstet werden. Die 2,5-Zoll-Festplatte von Seagate mit 5400 U-1 lässt sich leicht gegen andere Modelle mit SATA-Anschluss tauschen.

Entgegen dem allgemeinen Trend zu mehr Digital Rights Management hat Sony die Playstation 3 mit dem „Open Platform“-Konzept zumindest teilweise geöffnet. „Wir haben aus dem Rootkit-Debakel gelernt und wollen dem Anwender keine Hürden mehr in den Weg stellen“, gestand Sony reuevoll ein. So lassen sich auf der Playstation 3 weitere Betriebssysteme installieren. Sony selbst hat bereits einen Bootloader und Linux-Kernel-Patches für die PowerPC-Version von Fedora Core 5 veröffentlicht (siehe Soft-Link). Zur Installation benötigt man einen USB-Stick oder eine Speicherkarte, um den Bootloader auf die Playstation 3 zu übertragen. Auf der Festplatte formatiert die PS3 eine 10 GByte große Partition für das Linux. Die Installation dauert rund zwei Stunden.

Um zu verhindern, dass das Sicherheitssystem der Playstation 3 kompromittiert wird, hat Sony die Hardware virtualisiert. Die Treiber des PS3-Linux-Kernels greifen über einen Hypervisor auf die Virtual Devices zu. Beim Start lädt man entweder das Linux oder das normale Playstation-3-System für die Spiele, die vollkommen voneinander getrennt sind.

Über den USB-Port kann der Anwender externe Geräte (DVD-Brenner, Drucker) ansprechen, Daten vom Blu-ray-Laufwerk lesen und die Ethernet-, Bluetooth-, WLAN- und Audio-Schnittstellen nutzen. Sony verbietet jedoch den direkten Zugriff auf den Grafik-Prozessor und erlaubt lediglich, in den Framebuffer zu schreiben. Eine Hardware-Beschleunigung ist unter Linux weder in 2D, 3D noch für OpenGL möglich, was grafisch ansprechende Spiele verhindert. Andere Anwendungen wie OpenOffice, Internetbrowser oder E-Mail-Clients laufen aber ohne Weiteres, wenn auch aufgrund des kleinen Hauptspeichers mit 256 MByte mit langen Ladezeiten. Noch im November will Terra Soft das ebenfalls auf Fedora Core 5 basierende Yellow Dog Linux veröffentlichen, das ein Cell SDK 1.1 mitbringt.

Auch wenn die ersten Spiele „nur“ gut und nicht überragend sind, kann Sony mit dem Gesamtkonzept der Playstation 3 überzeugen. Für 500 beziehungsweise 600 Euro bekommt man neben der Spielkonsole einen günstigen und - besonders im Hinblick auf die Rechenleistung - leisen Blu-ray-Player nebst schicker Medienzentrale und Linux-Bastelwiese. Einzig die im Vergleich zu Media-Center-PCs etwa doppelt so hohe Stromaufnahme ist einem modernen Unterhaltungsgerät, mit dem man oft stundenlang surft oder Musik hört, unangemessen. (hag)

Soft-Link

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