Stefan Portecks privates Smart-Home: openHAB vereint einzelne Komponenten

Stefan Portecks privates Smart-Home: openHAB vereint einzelne Komponenten

Wissen | Reportage

Bild: Pixabay / stux

Eigentlich hatte ich gar kein Interesse an einem Smart Home. Schließlich habe ich dann doch fast alles automatisiert, was sich ­automatisieren lässt.

Das Thema Smart Home hat mich anfangs kaum interessiert. Es hörte auf den ziemlich langweiligen Namen Heimautomatisierung, erforderte eine Unterputzverkabelung und in der Szene diskutierte man über bidirektionale Protokolle – von E-Technikern für E-Techniker, aber sicher nichts für mich.

Das änderte sich mit meinem Einzug in eine Wohnung in einem Niedrigenergiehaus. Dessen Dämmung hält im Winter die Kälte und im Sommer die Wärme draußen. Letzteres aber nur, wenn man zur Südseite tagsüber die Außenrollos ­herunterfährt. Andernfalls heizt die Sonne die Wohnung auf wie einen Brutofen. ­Leider war mein Vermieter zu geizig oder zu unachtsam, Schalter mit Einrastfunktion einbauen zu lassen. Man musste ­deshalb für jedes Rauf- oder Runterfahren des Rollos rund 45 Sekunden einen Knopf gedrückt halten. Das ergibt bei vier Fenstern pro Tag sechs Minuten dummes Rumstehen – was mich schon nach wenigen Tagen massiv nervte.

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Klar, ich hätte bessere Schalter einbauen können, aber wenn schon ein Upgrade, dann auch ein richtiges. Nach einiger ­Recherche stieß ich auf die Z-Wave-Funkmodule von Fibaro speziell für die Rollo­steuerung. Somit brauchte ich irgendeine Smart-Home-Zentrale mit Z-­Wave-Unterstützung. Kommerzielle Produkte schienen mir zu teuer und zu unflexibel, weshalb mir eine Software-Lösung auf einem Raspberry Pi mit angeschlossenem Z-Wave-USB-Stick vorschwebte.

Weil ich Wert auf Datenschutz legte, also keinen Cloud-Zwang wollte, schielte ich in die Open-Source-Ecke und wurde dort mit openHAB fündig. Die Installation gelang problemlos, und sofort folgte die Ernüchterung: Um Hardware einzubinden und irgendwas zu automatisieren, muss man sich erst ausgiebig in openHAB und dessen Funktionsweise ­einlesen.

Die projekteigene Doku erschien mir dafür nicht sehr geeignet, weil sie für meinen Geschmack zu viel Wissen voraussetzte. Ich stand also wie der Ochs vorm Berg. Doch mit Hilfe der großen Community und einigen Blogs fand ich doch schnell einen Zugang zu openHAB. Der anfänglichen Frustration folgte schnell ein Aha-Moment auf den nächsten.

Wirklich begeistert hat mich dabei die ­Tatsache, dass openHAB gefühlt fast jede Hardware unterstützt und dass sich mit einer einfachen Skriptsprache relativ leicht ziemlich ausgefeilte Regeln zur Automatisierung stricken lassen.

Ursprünglich sollten die Rollos im Sommer nur morgens runter und am frühen Abend wieder hochfahren. Doch da openHAB Wetterdaten aus dem Netz zieht und ich für Küche und Wohnzimmer je einen kombinierten Bewegungs-, Helligkeits- und Temperatursensor (ebenfalls von Fibaro) gekauft hatte, wurde viel mehr daraus: Nun fahren die Rollos nicht zu festen Zeiten hoch und runter, sondern nur dann, wenn die Sonne hineinscheint. Außerdem gibt es nicht nur auf und zu. Stattdessen wird je nach Bewölkungsgrad sowie den Außen- und Innentemperaturen variabel verschattet und bei Bedarf alle 30 Minuten nachjustiert. Mit Abschluss dieses Projekts waren meine Smart-Home-Ambition zunächst beendet.

Die grafische Oberfläche von openHAB erreicht man über den Browser und eine Handy-App.

Der schicksalhafte Moment kam, als Google auf seiner Entwicklerkonferenz seinen ersten Smart Speaker vorstellte und den anwesenden Journalisten ein Exemplar zum Testen in die Hand drückte. Zwar gab es bereits Alexa – also die Echo-Lautsprecher –, aber außer Shopping und Lichtsteuerung hatte Alexa damals noch wenig zu bieten. Google Home dagegen wollte mir nichts verkaufen, sondern mich unterstützen – was ich deutlich spannender fand. Mit dem ersten Google Ho­me zog obendrein ein Starterkit von Philips Hue in meine Wohnung ein, offenbar hatte mich inzwischen doch das Smart-Home-Fieber erfasst.

So dauerte es trotz der nicht gerade niedrigen Preise nur wenige Wochen, bis in fast jedem Raum und jeder Lampenfassung Hue-Birnen steckten.

Aber mein „Grundproblem“ mit smarten Lampen blieb: Jedes Licht per Sprache zu steuern ist mir genauso zu blöd, wie dafür das Handy rauszukramen, zu entsperren und die passende App zu öffnen. Was mit den Rollos eigentlich schon begonnen hatte, sollte nun zum Mantra werden: Smart heißt für mich nicht, alles zu vernetzen und den Dingen Befehle zuzu­rufen, sondern es heißt für mich, dass die Dinge einfach genau das automatisch ­machen, was ich mir in dem Moment ­gerade von ihnen wünsche.

Es war also klar, dass die (guten und günstigen) Bewegungsmelder von Philips für mich keine Option sind, sondern dass ich in jedem Raum ein oder zwei weitere der Fibaro-Multi-Sensoren installierte, weil ich über openHAB viel mehr Kontrolle über die Lichtsteuerung bekomme.

Mittlerweile funktioniert meine Lichtsteuerung in 99 Prozent der Fälle wie gewünscht: Kein Licht bleibt aus, wenn man den Raum betritt, keins bleibt an, wenn man den Raum verlässt. Natürlich schalten sich die Lampen erst ein, wenn es wirklich nötig ist und auch solche Banalitäten wie die Frage, ob der Beamer eingeschaltet ist, bleiben nicht unberück­sichtigt. Zudem geht nachts zwischen eins und sieben nur ein stark gedimmtes Nachtlicht an – aber nur unter der Woche. An Wochenenden, im Urlaub und an Feiertagen gibt’s auch dann Festbeleuchtung. Dafür fragt openHAB täglich meinen ­Kalender ab.

Nach den positiven Erfahrungen mit Automatisierungsregeln und Z-Wave-­Geräten wollte ich die Bewegungssensoren auch für das Thema Sicherheit einspannen. Eine Sirene sollte Alarm schlagen, wenn Bewegungen erkannt werden, obwohl niemand daheim ist. Die Anwesenheit erkennt openHAB mit Hilfe der Fritzbox, die mitteilt, welche Smartphones im WLAN angemeldet sind. Doch der erste Fehlalarm ließ nicht lange auf sich warten: Dafür genügt schlimmstenfalls ein schneller Wechsel der Bewölkung oder eine herumschwirrende Motte. Abhilfe schaffte ein Türsensor: Die Alarmfunktion schaltet sich nun erst scharf, wenn in Abwesenheit die Haustür geöffnet wurde.

Dass sich eine solche Alarmfunktion simpel mit einem Funkstörer oder dem Spoofen der MAC-Adresse meines Handys umgehen lässt, ist mir klar. Wer es ­gezielt auf meine Wohnung abgesehen hat, der kommt auch rein. Aber für Banden, die wahllos mit einem Brecheisen auf Tour gehen, wird es reichen – und außerdem gefällt meinem inneren Nerd der Gedanke, dass ich mit rund 50 Euro und zehn Minuten Coden eine simple Alarmanlage gebaut habe.

Apropos Gefallen: Selbst im Jahr 4 in meinem Smart Home fallen mir immer noch spontan Kleinigkeiten ein, die man binnen weniger Minuten umsetzen kann: Etwa die Flurlampe rot Blinken zu lassen, wenn man die Haustür zum Gehen öffnet, aber ein Fenster offensteht oder die Kaffee­maschine noch eingeschaltet ist.

Gerne hätte ich mich mit demselben Elan auch der Heizungssteuerung gewidmet, doch das ist in einem Passivhaus eher ­kontraproduktiv und hätte weder für die Umwelt noch für meinen Geldbeutel einen Vorteil. Als nächstes Projekt steht stattdessen die Anschaffung eines Raumluftsensors an, der die richtige der drei möglichen Gebläsestufen meiner Lüftungs­anlage auswählt. Diese ist zwar nicht ­vernetzt, aber hier erfreut mich openHAB immer wieder: Lässt sich ein Gerät ­irgendwie über Relais, Steckdosen oder HTTP-­Requests steuern, bekommt man es mit etwas Nachdenken und Basteln auch in openHAB integriert. Und wenn Produkte als smart verkauft werden, gibt es ohnehin meist schon eine offizielle Unterstützung.

Auf diesem Wege lässt sich bei Geräten, die nicht mit Alexa oder dem Google Assistant kompatibel sind, auch immer eine Sprachsteuerung nachrüsten. Zudem lassen sich Geräte zur Zusammenarbeit bewegen, statt einzeln aneinander vorbeizuwerkeln. Und openHAB schont den Akku meines Handys: Jedes neue Gerät lässt sich über die openHAB-App steuern, sodass ich nicht mit jeder Neuanschaffung eine weitere Stand-Alone-App auf dem Smartphone installieren muss.

So habe ich beispielsweise mit dem Nuki-Türschloss und Nuki-Opener für die Gegensprechanlage einen schlüssellosen Zugang zu meiner Wohnung. Die Nuki-App benutze ich dafür aber selten: Mit der Automatisierungs-App Tasker habe ich mir indivi­duellere Regeln und ein für mich praktischeres Geofencing programmiert. Tasker schickt bei Bedarf HTTP-Requests an das REST-Api von openHAB und das erledigt den Rest.

Doch so schön der Ansatz auch ist, alles unter einem Dach zu vereinen und durch Verknüpfen das volle Potenzial der oft nur semi-smarten Geräten auszuschöpfen, die Sache hat auch eine Kehrseite: openHAB ist ein mächtiges, aber auch ziemlich frickeliges Projekt. Wer sich nicht einarbeitet und Informatikgrundwissen mitbringt, wird damit wohl nicht glücklich. Ich habe nach Jahren immer noch nicht komplett verstanden, welche Einstellungen wo gespeichert werden. Manches landet in Config-Dateien, anderes in einer JSON-Datenbank. Backups mache ich deshalb als vollständiges SD-Karten-Image. Was sehr zu empfehlen ist, denn – zumindest bei mir – hat bisher nach jedem Major-Update von openHAB irgend­­was nicht mehr funktioniert.

Trotzdem kommt ein Wechsel auf eine kommerzielle Lösung für mich nicht in Frage. Die sind zwar leichter einzurichten und zu bedienen, sie werden mir aber nicht dieselbe Flexibilität bieten. Und wer sich so lange eingearbeitet hat, wechselt nicht so mir nichts, dir nichts auf Alternativen wie ioBroker, Node-Red oder Home Assistant & Co. Was aber nicht heißt, dass ich dieses Projekt nicht ebenfalls weiterhin im Auge behalten werde. (spo)


Dieser Artikel stammt aus c't 8/2020.

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