Stille Stromfesser

Handy-Ladegeräte unter der Fuchtel der EU

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Die Europäische Union sagt der Energieverschwendung durch Handy-Netzteile den Kampf an. Mehr als 300 mW dürfen sie in Zukunft nicht mehr verbrauchen. Erfüllen aktuelle Modelle bereits die Anforderungen?


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Laut Nokia sorgt die Faulheit der Anwender für zwei Drittel der gesamten Energiekosten eines Handylebens, lediglich ein Drittel der Energie kommt beim Handy-Akku an. Handy-Netzteile sollen in Zukunft im Standby maximal 0,3 Watt aufnehmen und damit nicht nur den Geldbeutel des Anwenders schonen, sondern auch unnötigen CO2-Ausstoß vermeiden. Anhand einiger Muster überprüften wir, ob aktuelle Netzteile bereits die Anforderungen der kommenden Richtlinie erfüllen.

Die Kennzeichnung mit Sternen lässt Anwender auf den ersten Blick erkennen, wieviel Energie ihr Handy-Netzteil im Standby verbraucht.
Die Kennzeichnung mit Sternen lässt Anwender auf den ersten Blick erkennen, wieviel Energie ihr Handy-Netzteil im Standby verbraucht.

Führende Handy-Hersteller haben vor einigen Monaten eine Kennzeichnung angekündigt, anhand derer Anwender schnell erkennen können, wie sparsam das Netzteil mit der kostbaren Energie umgeht. Die beste Klasse bekommt fünf Sterne, sie soll im Standby weniger als 30 Milliwatt verbrauchen. Dabei sind LG Electronik, Motorola, Nokia, Samsung und Sony Ericsson, alle stellen Informationen zu den verfügbaren Ladegeräten auf ihren Webseiten bereit. Bisher fällt nur ein Nokia-Netzteil (AC-8E) in die Fünf-Sterne-Klasse, alle andern Netzteile kommen auf maximal vier Sterne. Zum Erreichen der EU-Norm reichen bereits drei Sternchen aus.

Netzteile mit fünf Sternchen ziehen im Jahr maximal 263 Wh aus dem Stromnetz, bei einem Preis von rund 20 Cent pro kWh entstehen damit Kosten von knapp sechs Cent. Schlechter stehen Netzteile mit nur einem Stern da, sie belasten die Geldbörse des Anwenders mit knapp 90 Cent. Für den Einzelnen hat ein energiesparendes Netzteil also kaum eine Auswirkung, doch auch hier gilt: Die Masse machts. Mehr als eine Milliarde Handys konnten die Hersteller im vergangenen Jahr weltweit verkaufen, eine Senkung des Energieverbrauchs um nur 50 mW hätte also eine Einsparung von 500.000 kWh zur Folge und damit vermiedene CO2-Emissionen von mindestens 300.000 kg.


Schaltregler und Trafos
Netzteile mit klassischen Trafos sind praktisch ausgestorben. Moderne Schaltnetzteile sind zwar technisch aufwendiger, aber inzwischen günstiger in der Herstellung. In unserem Fundus fand sich mit einem Ladegerät für ein Plantronics-Headset lediglich ein Modell mit Trafo; selbst fünf Jahre alte Handy-Netzteile von Siemens oder Motorola sind mit Schaltregler aufgebaut. Erkennen lässt sich ein klassisches Trafo-Netzteil unter anderem an der würfelförmigen Bauform, zudem werden sie selbst im Leerlauf handwarm. Ein Vorteil von Schaltnetzteilen besteht darin, dass sie üblicherweise im Spannungsbereich von 100 bis 240 Volt betrieben werden können, klassische Trafos haben ein festes Verhältnis zwischen Ein- und Ausgangsspannung. Schaltnetzteile bieten Vorteile für Hersteller und Anwender: Der Hersteller muss nur eine Elektronik für unterschiedliche Länder entwickeln und diese in Gehäuse mit passenden Steckern einbauen, der Verbraucher kann sein Ladegerät mittels Stecker-Adapter weltweit einsetzen. Durch das geringere Gewicht sind Schaltnetzteile zudem günstiger zu verschicken.

Die EU will nun gesetzlich regeln, was zumindest in einigen Bereichen auch ohne gesetzliche Vorschriften schon lange ein Trend war. Für die Handyhersteller, die an der Verordnung mitgearbeitet haben, dürfte die Einhaltung keine großen Umstellungen bedeuten. Einsprüche bezüglich der Grenzwerte gab es von dieser Seite keine, wie uns Dr. Floris Akkerman von der Bundesanstalt für Materialforschung und -prüfung (BAM) versicherte. Die BAM ist in der deutschen Umsetzung der Richtline, dem Energiebetriebene-Produkte-Gesetz, als beauftragte Stelle benannt. Eine Kontrolle findet laut Akkerman nur in besonderen Fällen statt, verantwortlich für die Einhaltung der Richtlinie sind die Hersteller. Sollte die BAM Überschreitungen der Grenzwerte feststellen, so verliert das Netzteil seine CE-Zulassung, es darf nicht mehr in den Verkehr gebracht werden. Zusätzlich zum Standby-Verbrauch regelt die EU-Verordnung die Energieeffizienz der Netzteile. Beispielsweise muss ein typisches 4-W-Handy-Netzteil eine Effizienz von 0,62 aufweisen, es darf bei Volllast also nicht mehr als 6,4 Watt aus dem Stromnetz entnehmen.


EU-Verordnung 1275/2008
Die EU-Verordnung Nr. 1275/2008 soll die Energieverschwendung durch Geräte im Standby- oder im Aus-Zustand reduzieren (siehe c't 3/2008, S. 25). Sie setzt damit die Richtlinie 2005/32/EG des Europäischen Parlaments – die so genannte Ökodesign-Richtlinie – um. Die EU verspricht sich von der Verordnung insgesamt Ersparnisse von jährlich 35 Milliarden kWh bis 2020. Zu verschiedenen Produktgruppen existieren Durchführungsverordnungen, Handy-Netzteile fallen unter das so genannte Lot 7. Die zugehörige Verordnung ist bereits von EU-Rat und EU-Kommission abgesegnet, die Verabschiedung im EU-Parlament soll Anfang dieses Jahres erfolgen.

Viele Anwender wechseln ihr Mobiltelefon regelmäßig – sei es nun weil der Netzbetreiber ein neues Gerät zum Mobilfunkvertrag hinzugibt, neue Funktionen locken oder Ersatz für ein defektes Gerät her muss. Die Netzteile landen mitsamt den alten Handys in der Schublade, obwohl diese unter Umständen auch das neue Exemplar laden könnten. Doch hat bislang nur ein einziger Hersteller ein Handy angekündigt, das ohne Netzteil ausgeliefert wird: In Großbritannien bietet Nokia eine spezielle Version des N79 an, das N79 eco. Billiger gibt Nokia das Smartphone dennoch nicht ab, stattdessen fließt eine Spende von vier Pfund pro Gerät an den WWF. Interessenten sollten bereits ein Nokia-Netzteil mit 2-mm-Ladestecker besitzen.

Lässt sich das Handy über den USB-Anschluss laden, benötigt man auf Reisen nur noch ein Ladegerät wie das abgebildete, das mit ausfahrbaren Adaptern in fast jede Steckdose auf der Welt passt.
Lässt sich das Handy über den USB-Anschluss laden, benötigt man auf Reisen nur noch ein Ladegerät wie das abgebildete, das mit ausfahrbaren Adaptern in fast jede Steckdose auf der Welt passt. Vergrößern
Bild: Lutz Labs

Eine Wiederverwendung des alten Netzteils könnte die Ressourcen für die Produktion des neuen sparen – wenn denn der Stecker passen würde. Auch die EU fordert die Vereinheitlichung der Ladeanschlüsse. Eine Möglichkeit hatte das USB Implementers Forum mit dem Micro-USB-Anschluss bereits Anfang 2007 vorgestellt. Dieser vereint Datenaustausch und Ladefunktion. Bei der Umsetzung lassen sich die Hersteller allerdings Zeit. Lediglich Motorola und Nokia setzen bislang Micro-USB ein, jedoch nicht konsequent: Das Nokia E63 hat zwar eine Micro-USB-Buchse, laden lässt das Smartphone sich jedoch nur über das Nokia-Netzteil mit dem üblichen 2-mm-Stecker. Da sind einige Konkurrenten besser aufgestellt: Sie liefern zu ihren Telefonen USB-Kabel mit, die über das PC-Netzteil den Akku des Handys laden. Nun wäre es unsinnig, dafür extra den Rechner einzuschalten. Einige Notebooks lassen sich jedoch so konfigurieren, dass sie auch im ausgeschalteten Zustand USB-Geräte versorgen können.

Die Leistungsaufnahme einiger Netzteile haben wir mit unserem kalibrierten Leistungsmessgerät LMG95 gemessen. Messungen mit haushaltsüblichen Messgeräten haben bei diesen niedrigen Leistungen keinen Sinn – Abweichungen von mehreren hundert Prozent sind keine Seltenheit (siehe [1]).

Im Vergleich zu einem alten Trafonetzteil wirkt das moderne Schaltnetzteil geradezu winzig.
Im Vergleich zu einem alten Trafonetzteil wirkt das moderne Schaltnetzteil geradezu winzig. Vergrößern
Bild: Lutz Labs

Aktuelle Handy-Netzteile haben eine Leistungsaufnahme von rund 100 bis 150 Milliwatt, wesentlich besser ist nur das Nokia AC-8E: Es hält den versprochenen Standby-Verbrauch von maximal 30 mW knapp ein und ist damit das sparsamste. Selbst rund fünf Jahre alte Schaltnetzteile sind mit einer Leistungsaufnahme von rund 500 mW schon echte Stromsparer im Vergleich zu alten Trafonetzteilen. Beide dürfen mit Neugeräten aufgrund der Nichteinhaltung der Standby-Richtlinie nicht mehr ausgeliefert werden. Von der Verordnung ausgenommen ist der Verbrauch der Netzteile mit angeschlossenem und voll geladenem Handy – dieser ist bei den meisten getesteten Modellen rund doppelt so hoch wie im Leerlauf.

Die Handy-Hersteller senken seit Jahren kontinuierlich die Standby-Verluste ihrer Ladegeräte, ganz ohne Druck aus der Politik. Die großen Brocken dürften aber sowieso die Standby-Kosten anderer Peripherie wie Drucker oder Monitor sein. Umweltbewusste Nutzer ziehen daher ungenutzte Netzteile aus der Steckdose oder nutzen eine schaltbare Steckdosenleiste, was zudem die Brandgefahr durch unnötig laufende Elektrogeräte vermindert.

Das Verhalten der Anwender hat einen großen Einfluss auf den häuslichen Energieverbrauch: Der Ersatz von herkömmlichen Glühbirnen durch Energiesparlampen spart ebenso Energie wie das Abschalten von unnützen Lampen. Ein konkretes Beispiel: Handelsübliche Wasserkocher benötigen etwa 100 Wattstunden (entsprechend etwa 2 Cent), um einen Liter Wasser zum Kochen zu bringen. Kocht man nun nur eine Tasse Tee und lässt den Rest Wasser wieder abkühlen, verschenkt man die gleiche Menge Energie, die das energiesparende Nokia-Netzteil in drei Monaten benötigt. (ll)

[1] Ernst Ahlers, Pulsmesser, Preisgünstige Leistungsmessgeräte, c't 24/08, S. 226

Leistungsaufnahme ausgewählter Netzteile
Bezeichnung Baujahr zugehöriges Telefon Leistungsaufnahme
PA2-3101EU 2003 Siemens S45i 0,41
14-0021-00 2004 Motorola A008 0,64
FMP5202A 2005 MOTOROLA Razr V3 0,14
ACP-12E 2005 Nokia N70 0,12
Swiss Travel Products World Power-Adapter 2005 USB-Reiseladegerät 0,12
35D-5-180E 2006 Plantronics Headset M3000 (*1) 0,87
ATADS30EBE 2006 Samsung SSGH-M110 0,14
MP22B 2007 Benq Siemens S82 0,09
sta-u12er 2007 LG Prada II 0,11
DAS-0051-05C 2008 Sonim XP3 Enduro 0,1
AC-8E 2008 Nokia 3110 Evolve 0,03
*1 Ladegerät mit klassischem Trafo

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