Stückwerk

Lange Dokumente in Word - ein nicht ganz fiktiver Erlebnisbericht

Praxis & Tipps | Praxis

Montag, 14. September. Noch vier Wochen bis zur Abgabe der Geographie-Seminararbeit. Das Thema geklärt. Die Stoffsammlung parat. Nun muß das Material nur noch in Form. Nichts leichter als das, wozu hat man denn einen Computer?

Lange Dokumente in Word - Artikelübersicht
Vorlagen, AutoTexte und Markierungen S. 218
Grafiken, Tabellen und andere Objekte S. 224
Das Gesamtdokument und seine Tücken S. 230

Dienstag, 15. September. Beratung beim Softwarehändler. 'Microsoft Word ist der Standard. Alles drin für ihre Arbeit. Formeln, Grafiken und Tabellen binden Sie per Mausklick ein. Inhaltsverzeichnisse, Stichwortregister und Kapitelnumerierungen - vollautomatisch.' Obendrein gibt's die Studentenversion noch mal ein gutes Stück billiger. Da nehm ich doch gleich das komplette Office-Paket.

Mittwoch, 16. September. Testhalber große Landkarten als Bilder in ein Word-Dokument eingebaut. Sieht ja schön aus. Nur dauert das Blättern auf dem Bildschirm eine halbe Ewigkeit. Vielleicht sollte ich doch meinen 486DX2 ausmustern?

Donnerstag, 17. September. Omi hat zwar nicht ganz verstanden, wozu ich die 2000 Mark brauche, aber egal, der 300-MHz-Rechner blättert im Sekundentakt. Mußte aber Jürgen, den Administrator an der Uni, herbitten, damit er mir den Rechner so einstellt, daß der Bildschirm nicht flimmert. Er sieht das Office-Paket in meinem Regal. 'Soso, damit willst Du Deine Arbeit in einem Monat fertig haben ...' Was soll denn das nun wieder heißen?

Freitag, 18. September. Ich wußte doch, am Rechner macht das Arbeiten Spaß. Alle Landkarten sind bereits in meinem Word-Dokument versammelt. Habe sie exakt auf die Seiten eingepaßt. Blick auf den Kalender: Drei Wochen noch. Da kann ich ja am Wochenende beruhigt faulenzen.

Montag, 21. September. Was ist das? Statt zweier Bilder erscheinen rote Kreuze. Habe wohl was übersehen. Vielleicht steht's im Handbuch; das werde ich doch mal lesen müssen. Na ja, nehm ich es mir als Gute-Nacht-Lektüre mit.

Mittwoch, 23. September. Das Handbuch war wohl Fehlanzeige. Mir ist selbst eine Idee gekommen: Ich lösche die durchge-X-ten Bilder und lade sie neu. Mal sehen, was nun noch passiert. Horst vom Geographenstammtisch weiß zu berichten, daß Word bei seiner Diplomarbeit immer die Größen der Bilder verstellt hat.

Donnerstag, 24. September. Jetzt sind die Tabellen dran. Wie gut, daß ich das ganze Paket gekauft habe, dann kann ich mit Excel arbeiten. Das zeichnet mir die Temperaturkurven vollautomatisch. In der Hilfe habe ich zufällig gelesen, wie ich diese Kurven in Word als Illustration verwenden kann.

Mittwoch, 30. September. Hilfe! Word will meine Arbeit nicht mehr speichern. Dabei habe ich doch eine 4-GByte-Festplatte. Was ist hier los?

Sonntag, 3. Oktober. Vier Uhr nachts. Endlich. Die Temperaturkurven (alle noch mal neu) sind drin, und das Dokument ist gespeichert. 14 Tage noch. Und kein Wort vom Text geschrieben. Morgen frag' ich mal Jürgen.

Montag, 4. Oktober. 'Na, das große Werk schon im Kasten?' Die blöde Bemerkung war zu erwarten. Jürgen würde das natürlich ganz anders angehen. 'Warum viel Geld ausgeben und sich ärgern?' Er zeigt mir seine Diplomarbeit. Wow, sieht professionell aus. Und das mit kostenloser Software? Ich hätte nicht fragen sollen. Von seinem zweistündigen Vortrag über diverse Software mit X im Namen habe ich nicht viel verstanden. Die wesentlichen Bausteine hießen wohl Linux und TeX (Jürgen legt besonderen Wert auf die Aussprache 'Tech' und die komische Schreibweise). Unter DOS soll TeX auch laufen. Ich sehe Jürgens Text, in den unerfindliche Zeichenfolgen gemischt sind. Er tippt ein paar Befehle; der Bildschirm füllt sich mit Meldungen. Plötzlich erscheint die erste Seite seiner Arbeit so, wie er sie mir vorher auf Papier in die Hände gedrückt hat. Ja, jetzt weiß ich, wie es weitergeht. Ich nehme die Maus und klicke auf die Seite am Bildschirm. Aber wo ist der Cursor zum Tippen? Jürgen erstickt fast vor Lachen.

Sonntag, 11. Oktober. Die ersten dreißig Seiten sind in Word getippt. Morgen ergänze ich die Fußnoten. Jetzt schalte ich erst mal die letzte Tagesschau an. Der Abgabetermin ist sowieso nicht mehr zu halten.

Montag, 12. Oktober. Was ist denn nun los? Zwei Fußnoten stehen nicht auf der Seite, zu der sie gehören. Wie gut, daß ich den Text sowieso umformulieren muß, glücklicherweise rutschen die Fußnoten doch noch auf die richtigen Seiten.

Mittwoch, 14. Oktober. Professor Schmidt fragt an, wo denn die Arbeit bleibt. Ich stammele was von technischen Problemen. Er empfiehlt mir seine Smith-Corona, Baujahr 48. Wäre noch nie 'abgestürzt oder wie das heißt'.

Dienstag, 20. Oktober. Das Schlußwort ist fertig, alle Fußnoten drin. Nun geht's ans Literaturverzeichnis.

Mittwoch, 22. Oktober. Ausgerechnet das zweite Buch habe ich in der Liste vergessen. Mußte im Literaturverzeichnis und im Text alles neu numerieren. Geht das nicht einfacher?

Sonntag, 26. Oktober. Geschafft. 50 Seiten sind's geworden. Mein Tintenstrahldrucker ächzt die halbe Nacht.

Montag, 27. Oktober. Der Prof. (er verbirgt seine Freude über die frohe Botschaft) blättert grob durch. 'Ach, das hat Ihnen wohl noch keiner gezeigt.' Er wühlt auf seinem Schreibtisch und fördert ein paar zusammengeheftete Seiten zutage: 'Richtlinien der Fakultät Geographie zur Abfassung wissenschaftlicher Arbeiten.'

Dienstag, 28. Oktober. Den heutigen Tag habe ich damit verbracht, jede Überschrift von 'Avant Garde' auf 'Times fett' zu stellen und die Namen der Kapitel in die Kopfzeilen zu kopieren. Ich bin mir sicher, daß das einfacher geht. Irgendwas muß in den dickleibigen Tips-und-Tricks-Büchern ja drinstehen.

Mittwoch, 29. Oktober. Nochmal 50 Seiten aus dem Tintenstrahler. Jetzt sieht das Opus richtig gut aus. Ich bin den Text extra noch mal am Bildschirm durchgegangen, um Wörter per Hand zu trennen, damit die Zeilen dichter gefüllt sind. Morgen drucke ich das Opus auf dem schicken Laserdrucker der Fakultät. Wie gut, daß die PC-versorgten Kollegen in der Uni auch Word benutzen.

Donnerstag, 30. Oktober. 1200 dpi sind schon was Feines. Die Blätter aus dem Laserdrucker liegen handwarm vor mir. 52 Stück. Komisch ist das schon, aber wenn der Text länger wird - um so besser. Ärgerlich nur, daß in manchen Zeilen trotz meiner sorgfältigen Trennungen wieder breite Löcher klaffen ...

Soweit die Schilderungen unseres fiktiven Studenten. Damit diese nur ein Gedankenspiel bleiben, haben wir in den folgenden drei Artikeln Maßnahmen zum schnellen und sicheren Arbeiten mit Word zusammengestellt. (jl)

[1] Jörn Loviscach, Norbert Luckhardt, Jürgen Rink, Crash-Text, Textsoftware im Härtetest, c't 9/97, S. 206

[2] Stephanie Hinrichs, Günther Beulshausen, Gutenberg digital, Textsatz mit TeX: preisgünstig und sicher, c't 15/97, S. 274

Anzeige