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Internetabhängigkeit: Massenphänomen oder Erfindung der Medien?

Wissen | Hintergrund

Das Internet trieft angeblich vor Schmutz und Schund, und jetzt wird man auch noch abhängig davon - Wissenschaftler und Medien haben die Internetsucht entdeckt. Alles nur Panikmache? Oder müssen wir unsere Onlinestunden bald beim Dealer kaufen?

Aufmacher

Schon vor zwei Jahren hat eine Mutter, die zu viel Zeit mit dem Surfen im Internet verbrachte, im US-Staat Florida das Sorgerecht für ihre beiden Kinder im Alter von sieben und acht Jahren verloren. Nach Zeugenaussagen hatte sie nach der Trennung von ihrem Mann den Computer ins Schlafzimmer gestellt, die Tür oftmals abgeschlossen und stundenlang gesurft. Die Kinder sind dabei nach Ansicht des Richters vernachlässigt worden. Er übergab das Sorgerecht an den Vater.

Andere soll das Internet zum Selbstmord getrieben haben, nachdem ihnen wegen unbezahlter Telefonrechnungen das Netz abgeklemmt wurde. Solche alarmierenden Meldungen über Menschen, deren Internetkonsum außer Kontrolle geraten ist, sind weder neu noch selten. Aber wie gefährlich ist das Internet als Droge wirklich?

Internetsucht wird seit einigen Jahren unter verschiedenen Bezeichnungen als psychologisches Problem diskutiert: Net Addiction, Online Addiction, Internet Addiction Disorder (IAD), Pathological Internet Use (PIU), Cyberdisorder. Dabei hat der New Yorker Psychiater Ivan Goldberg - selbst seit 20 Jahren online - diesen Begriff vor ein paar Jahren mehr als Scherz fallen lassen. Doch dieser Gag entwickelte sich zum Selbstläufer. Seit die New York Times 1995 Internetsucht zum Thema eines Artikels machte, mehren sich die Diskussionen und wissenschaftlichen Untersuchungen zu diesem Thema.

Die Existenz der Internetsucht ist in Fachkreisen allerdings mehr als umstritten. Während die einen versuchen, diese Form von süchtigem Verhalten näher zu spezifizieren, finden andere eine ausgedehnte Thematisierung extremer Netzaktivitäten übertrieben und überflüssig. Zu letzterer Gruppe zählt beispielsweise der amerikanische Psychologe John Grohol, selbst sehr im Internet engagiert [#lit1 [1]]. Er glaubt vorerst nicht an die Existenz einer solchen neuen Störung und hält es für vollkommen unseriös, ohne fundierte psychologische Forschungsarbeit allein auf der Basis von ein paar Erfahrungsberichten und Umfragedaten eine neue Krankheit zu postulieren.

Kritische Stimmen wie John Grohol bestreiten jedoch nicht, dass einige Menschen sich mit exzessivem Surfen Schaden zufügen. Sie betonen jedoch, dass Extremnutzung zum einen nur einen sehr kleinen Teil der Netzgemeinde betrifft und zum anderen nicht vom Internet selbst verursacht wird, sondern auf psychische und soziale Konflikte zurückgeht, die die Betroffenen bereits mitbringen. Ein paar Beispiele: Wenn eine Frau ihre Familie vollkommen vernachlässigt und ganz in ihren Cyberaffären aufgeht, ist es vielleicht nur eine Scheinerklärung, sie kurzerhand als internetsüchtig zu diagnostizieren. In Wirklichkeit sucht sie vielleicht erotische Abwechslung, will sich den familiären Konflikten entziehen oder depressive Verstimmungen bekämpfen. Wenn ein Student sich an dutzenden von Diskussionsforen im Netz beteiligt, den ganzen Tag damit verbringt, WWW-Seiten abzusurfen und News-Beiträge zu schreiben, sodass darüber sein Studium scheitert, hilft es ebenfalls nicht, ihn als internetsüchtig zu klassifizieren. Vielleicht sucht er im Netz Anerkennung, die ihm im Studium fehlt, vielleicht hindert ihn die Prüfungsangst am Studienabschluss, vielleicht kann er sich mit seinem Studienfach nicht mehr identifizieren.

Die Psychologin Kimberley Young von der Universität Pittsburgh hingegen hält die Internetsucht für ein weit verbreitetes und ernst zu nehmendes Problem. Sie hat sich in ihrer Forschung auf dieses Thema spezialisiert [#lit2 [2]] und unterscheidet fünf verschiedene Formen der Abhängigkeit. Somit leidet jemand, der der Cyberpornographie oder den nicht jugendfreien Chat-Räumen verfallen ist, unter Cybersexual Addiction. Dominieren Cyberromanzen das Leben des Surfers so sehr, dass seine realen Beziehungen darunter leiden, so würde Kimberley diesem wohl die Diagnose Cyber-Relationship Addiction verpassen. Ist er jedoch vom Shopping oder den Auktionen im Internet gefesselt, gehört er in die Klasse Net Compulsions. Information Overload lautet die Diagnose für die, die im Infomeer des Netzes zu ertrinken drohen. Schließlich betrifft die Computer Addiction im engeren Sinne (vorwiegend männliche) Teenager, die obsessiv Games spielen oder programmieren.

Kimberley lässt einen mit der Frage, an welcher Form von Onlinesucht man leidet, nicht allein: Per Selbstdiagnose kann man in ihrem im WWW vertretenen ‘Center for On-Line-Addiction’ [#lit3 [3]] überprüfen, zu welcher Gruppe man gegebenenfalls zählt. Dort finden sich auch viele weitere Informationen zum Thema.

Andere Fachleute haben sich ebenso bemüht, Suchtkriterien in diesem Zusammenhang festzulegen. Auch wenn es noch keine verbindliche Symptomatik der Internetsucht gibt, finden sich im Netz schon einige mehr oder weniger willkürliche Vorschläge. So soll von einer Internetsucht gesprochen werden,

  • wenn jemand im Schnitt weniger als fünf Stunden schläft, damit er mehr Zeit online sein kann,
  • wenn jemand für das Internet andere wichtige (soziale) Aktivitäten völlig vernachlässigt,
  • wenn sich schon jemand Wichtiges (Arbeitgeber, Partner oder enge Freunde) über die häufige Netznutzung beschwert,
  • wenn jemand ständig an das Internet denken muss, auch wenn er offline ist, oder
  • wenn jemand vergeblich versucht, seine Aktivitäten im Netz zu reduzieren.

Bemühungen, durch solche unwissenschaftlichen Kriterien auf Internetsucht schließen zu wollen, sind mehr als unseriös. Im psychologischen Sinne existiert die Diagnose ‘Sucht’ in diesem Sinne übrigens gar nicht. Es gibt allgemeine, international verbindliche Klassifikationssysteme, um psychische Krankheiten zu diagnostizieren. In diesen wird bei der Definition des Suchtbegriffs zwischen Abhängigkeit und Missbrauch unterschieden. Diese beiden Phänomene sind allerdings immer auf eine Substanz bezogen. Es gibt folglich die Substanzabhängigkeit und den Substanzmissbrauch, etwa von Alkohol, Drogen oder Medikamenten. Legt man diese Definition zu Grunde, kann es keine Internetsucht geben, genauso wenig wie es eine Telefon- oder Lesesucht gibt. Allerdings findet sich in dem von der American Psychiatric Association herausgegebenen ‘Diagnostischen und statistischen Manual psychischer Störungen’ (DSM-IV) außerhalb des Suchtkapitels die sogenannte Gruppe der ‘Störungen der Impulskontrolle’. Hier findet sich eine Störung, die sich ‘pathologisches Spielen’ nennt. Die Kriterien dieses krankhaften Spielverhaltens lassen sich fast 1:1 auf das Internet übertragen. Daher hat die American Psychological Association analog zur Definition der krankhaften Spielsucht folgende zehn Kriterien für eine Beurteilung krankhafter Internetnutzung veröffentlicht [#lit4 [4]]. Positive Antworten für mindestens vier der Kriterien sollen auf Internetsucht schließen lassen:

  1. Das Internet beschäftigt mich; ich denke daran, auch wenn ich offline bin.
  2. Ich brauche immer mehr Zeit im Internet, um zufrieden zu sein.
  3. Ich bin unfähig, meinen Internet-Gebrauch zu kontrollieren.
  4. Ich werde unruhig und reizbar, wenn ich versuche, meinen Internetkonsum einzuschränken oder darauf zu verzichten.
  5. Das Internet ist für mich ein Weg, um vor Problemen zu fliehen oder schlechtes Befinden (Hilflosigkeits- oder Schuldgefühl, Angst, Depression) zu bessern.
  6. Ich lüge meiner Familie oder Freunden gegenüber, um das Ausmaß meiner Beschäftigung mit dem Internet zu verbergen.
  7. Ich habe schon Arbeit, Ausbildungs- oder Karrieremöglichkeiten oder zwischenmenschliche Beziehungen wegen des Internet in Gefahr gebracht.
  8. Ich gehe ins Netz, auch wenn ich exzessive Gebühren zahlen musste.
  9. Ich bekomme im Offline-Zustand Entzugserscheinungen.
  10. Ich bleibe immer wieder länger online, als ich mir vorgenommen habe. Offen bleibt, auf wie viele User diese Kriterien zutreffen, das heißt, wie stark das Problem der Internetsucht tatsächlich in der Netzgemeinde vertreten ist. Hierzu gibt es eine Reihe wissenschaftlicher Studien, wobei der aktuelle Forschungsstand noch sehr bescheiden ist. Neue Untersuchungen sind jedoch in Planung oder befinden sich gerade in der Erhebungsphase, wie beispielsweise die Onlinestudie zu möglichen Erscheinungsformen einer Internetsucht, durchgeführt von Berliner Psychologen der Humboldt-Universität [#lit5 [5]].

Manche der bereits abgeschlossenen Studien legen die oben genannte Checkliste zu Grunde. Die vorliegenden Ergebnisse sind leider alles andere als einheitlich. Auf der einen Seite gibt es alarmierende Zahlen: Kimberley Young schätzt, dass es allein in den USA etwa 200 000 Gefährdete gibt, ohne den Begriff ‘gefährdet’ zu präzisieren.

Der Wiener Psychiater Hans Zimmerl ermittelte im vergangenen Jahr in einer Online-Umfrage zur Internetsucht [#lit6 [6]] etwas weniger dramatische Zahlen: Von den 473 Untersuchungsteilnehmern wiesen 12,7 % ein suchtartiges Verhalten auf, was er ‘pathologischen Internetgebrauch (PIG)’ nennt. 20 % aller Befragten (30,8 % der PIGs) gaben zudem an, einen ‘rauschähnlichen Zustand’ bei intensivem Chatten zu erleben. Dabei zeigte sich insgesamt eine hohe Bereitschaft der Probanden zur Selbstreflexion: 40,9 % der PIGs stuften sich selbst als ‘süchtig’ ein.

Risikofaktoren konnten die Autoren auf der Grundlage der Daten nur begrenzt darstellen: So ist mangelndes Selbstwertgefühl als einer davon anzunehmen (29 % insgesamt geben an, dass es ihnen wichtig ist, im Chat ‘angesehen’ zu sein), ungefestigte Ich-Strukturen können angenommen werden, da 8,5 % angeben, ihre reale und ihre virtuelle Identität durcheinander zu bringen, sowie zwanghafte Züge, wenn 41,6 % angeben, auch dann oft ans Chatten zu denken, wenn sie offline sind. Vermeidungs- und Verdrängungsmechanismen scheinen ebenso eine Rolle zu spielen, wenn 32,8% angeben, dass Chatten ihnen dabei helfe, ‘unangenehme Dinge des Alltags aus dem Gedächtnis zu verdrängen’.

Kritisch an dieser Studie sind vor allem die nicht näher beschriebenen und eher schwammigen Begriffe (‘ungefestigte Ich-Strukturen’). Rauterberg legte hingegen in seiner Onlinestudie [#lit7 [7]] mit 454 auswertbaren Fragebögen das Augenmerk auf die Selbstauskünfte der User: Laut Selbsteinschätzung der von ihm befragten Internetnutzerinnen und -nutzer gaben 11 % an, internetsüchtig zu sein. Diese ‘Süchtigen’ beschrieben sich im Vergleich zu den anderen Untersuchungsteilnehmern unter anderem als Personen, die neue Kontakte zu anderen Menschen mehr über das Internet herstellen, zudem öfters versuchen, den extremen Internetkonsum einzuschränken, insbesondere um diesen vor Freunden oder Familie zu verbergen und so auch häufiger falsche Angaben über ihre tatsächlichen Onlinestunden gemacht haben. Rauterberg kommt so zu dem Ergebnis, dass das Internet Menschen tatsächlich süchtig machen kann, wobei er das Suchtpotenzial ähnlich hoch einschätzt wie bei Alkohol.

Doch es gibt auch beruhigende Meldungen aus der Wissenschaft: So hat die Psychologin und Internetexpertin Nicola Döring von der Uni Heidelberg untersucht, inwieweit deutsche Internetuser tatsächlich einsamer sind oder weniger normale soziale Kontakte haben als Nicht-Surfer [#lit8 [8]]. Zumindest nach den Aussagen der Nutzer selber besteht kein Unterschied im Vergleich zu einer Kontrollgruppe bezüglich Einsamkeitsgefühlen, Anzahl von Freunden und Bekannten und der Häufigkeit einer festen Partnerschaft. Es zeigte sich sogar ein positiver Zusammenhang zwischen der Anzahl realer und virtueller Bekanntschaften, woraus Döring schlussfolgert, dass geselliges Verhalten sich offensichtlich innerhalb und außerhalb des Netzes niederschlägt. Insgesamt wurde in dieser Studie kein Beleg dafür gefunden, dass das Internet ein Tummelplatz vereinsamter Menschen ist oder gar die User in die soziale Isolation treibt.

Was aber nun tun, wenn man selbst den Eindruck hat, seinen Internetgebrauch nicht mehr kontrollieren zu können? Zunächst sei zur Beruhigung gesagt, dass gerade beim Einstieg in die Onlinewelt Newbies häufig die Symptome einer Onlinesucht zeigen: Da wird euphorisch jede Nacht durchs WWW gesurft, entferntesten Bekannten eine E-Mail geschrieben und jede neu aufgeschnappte Webadresse sofort aufgesucht. Doch in den allermeisten Fällen erlischt diese Faszination schon nach ein paar Wochen, und das Internet wird zunehmend sinnvoller genutzt. Auf diese typische Phase des intensiven Explorierens folgt also meist ein selektives Nutzungsverhalten, das heißt, man beschränkt sich auf bestimmte Mailinglisten und Newsgroups, weiß, welche Informationen man im Netz findet, wann man besser in die Bibliothek geht oder einen Kollegen fragt und verbringt allgemein wieder etwas weniger Zeit im Internet.

Wer jedoch unter dem Surfen leidet oder das Gefühl hat, zu sehr vom Netz abhängig zu sein, kann sich helfen lassen - und zwar online. Das klingt zunächst einmal genau so, als wolle man Alkoholiker in einer Brauerei therapieren. Ein beliebter Slogan im psychotherapeutischen Sektor lautet jedoch ‘Man muss die Menschen dort abholen, wo sie sind’. Getreu diesem Motto gibt es sowohl von psychologischen Fachleuten als auch von virtuellen Selbsthilfegruppen zahlreiche seriöse Informations- und Beratungsangebote für Netzsüchtige im Internet. Wer professionelle Hilfe wünscht, kann sich zunächst an allgemeine psychologische Beratungsangebote im Netz wenden [#lit9 [9]]. Diese werden meist per Chat oder E-Mail angeboten und sind sogar kostenlos, wenn sie von karitativen Einrichtungen stammen. Aber auch niedergelassene Psychotherapeuten offerieren Hilfe gegen Vorauszahlung.

Mittlerweile gibt es Angebote von Fachleuten, die sich auf das Problem Internetsucht spezialisiert haben. So bietet Oliver Seemann von der Uniklinik in München eine Ambulanz für Internetabhängige [#lit10 [10]] im Web an. Betroffene nehmen hier per E-Mail mit dem Psychiater Kontakt auf, wobei jedoch darauf hingewiesen wird, dass diese Maßnahme keine ärztliche oder psychologische Therapie und Beratung ersetzt. Wer diese wünscht, muss sich persönlich in der Klinik einfinden. Ebenso ist derzeit die Einrichtung einer speziellen Gruppentherapie für Interessenten aus München und Umgebung geplant.

Kimberley Young bietet in ihrem Center for On-Line Addiction [#lit3 [3]] ebenso eine Virtual Clinic an. Mit den einladenden Worten When you need a safe place to turn ... ermutigt sie alle, die persönliche Probleme im Zusammenhang mit dem Cyberspace haben, sich vertrauensvoll an sie zu wenden - entweder per E-Mail, Chat oder Telefon. Das Ganze ist jedoch nur für Surfer interessant, die die englische Sprache gut beherrschen und zudem gut bei Kasse sind: Eine E-Mail-Antwort kostet 15 US-$. Wer sparen möchte und von vornherein weiß, dass er mehr Hilfe für seine wie auch immer geartete Sucht benötigt, zahlt für drei elektronische Briefe 35 $.

Dafür verspricht Young, dass der Klient seine Sucht überwindet, ohne - wie von vielen befürchtet - das Internet ganz aufgeben zu müssen. Denn ihr Therapieansatz setzt nicht auf totalen Entzug: ‘Heilen kann man Internetsüchtige mit ähnlichen Methoden wie Patienten mit Essstörungen. Statt totaler Abstinenz werden Techniken zur Mäßigung geübt; das Internet hat ja durchaus seinen Nutzen. Der Betroffene muss mit strikten Zeitplänen lernen, die Anzahl der Onlinestunden zu verringern. Einfachstes Mittel: einen Wecker neben den Computer stellen, der einem sagt, dass es nun Zeit ist aufzuhören.’

Natürlich gibt es Kritiker dieser therapeutischen Maßnahmen. Die einen verstehen die Internetsucht lediglich als ein Symptom einer tieferliegenden Lebensproblematik, welche es zu lösen gilt. Wäre diese bewältigt, ändere sich das Suchtverhalten in der Regel von selbst. Mit anderen Worten: Die psychologische Hilfe sollte bei den Ursachen für den unkontrollierten Internetgebrauch ansetzen, nicht bei den Symptomen. Andere warnen überhaupt davor, dem Internet Suchtcharakter zuzusprechen, und verleugnen negative Wirkungen dieses Mediums konsequent. Nicholas Negroponte ist so einer, der notorische Netzeuphoriker und Chef des Media Lab am renommierten Massachusetts Institute of Technology (MIT) in Boston: ‘Internetsurfen und Drogengenuss unterscheiden sich sehr, weil das Internet immer besser wird’. Er ist der Überzeugung, dass sich einfach die Kommunikationsmethoden der Menschheit verändern und in Wirklichkeit die Kritiker des Internet krank seien: ‘Die beste Heilung für die Kritiker ist es, in die digitale Welt einzusteigen’.

Die frisch gegründete erste deutsche Selbsthilfegruppe für Onlinesüchtige namens HSO [#lit11 [11]] (‘Hilfe zur Selbsthilfe für Onlinesüchtige’) - online und offline erreichbar - ist hingegen von der Existenz der Internetsucht überzeugt und betont die Notwendigkeit von Hilfsangeboten: ‘Bei oberflächlicher Betrachtung scheint es diese Sucht überhaupt nicht zu geben. Unsere Erfahrungen mit Menschen, die sprichwörtlich ihr ‘letztes Hemd’ durch das Internet verloren haben, belehren uns aber eines Besseren. Da uns täglich über hundert Telefonanrufe von verzweifelten Internetnutzern erreichen - Tendenz steil steigend - wird wohl keiner an der vorhandenen Onlinesucht zweifeln.’

Der HSO wurde durch Gabriele Farke ins Leben gerufen, die sich selbst als ehemalige Onlinesüchtige beschreibt und in ihren Büchern Sehnsucht Internet und HexenKuss.de ihre Erlebnisse mit allen Konsequenzen niedergeschrieben hat. Der Verein versteht sich ausdrücklich als ‘Offline-Gemeinschaft’; sein erstes Ziel ist also die Teilnahme der Mitglieder am öffentlichen Leben und die Wiedereingliederung in ein normales soziales Umfeld. Gruppengespräche in Anlehnung an die Regeln einer Selbsthilfegruppe stehen im Vordergrund. Nicht Entzug vom Internet, sondern das Erlernen eines bewussten Umgangs ist das leitende Motto dieser Gruppe. Der in Langenfeld ansässige Verein will bundesweit Ortsvereine einrichten.

Das vorhandene Webangebot soll lediglich als erste Anlaufstelle dienen: Betroffene können Infos lesen und ihre Probleme formulieren, ohne sich von Schwellenangst vor einer psychologischen Praxis blockieren zu lassen. Das Diskussionsforum ist voll von Hilferufen:

Von Uwe am 18.06.1999, 18:38

Meine Telefonrechnungen
sind absoluter Rekord

Meine Ehe eine Farce.

Mein Garten ein wilder
Haufen.

Meine Kinder Nervenbündel.

Mein Haus noch nicht richtig
fertig.

Mein Leben ohne NET grau
leer und stumpf

..............Ich gebe es zu,
dass es Sucht ist, aber ich bin
wie leer ohne dies ...

Ich kann nicht mehr und will
es doch nicht missen aus
gutem Grunde DENN ICH
BIN GLÜCKLICH HIER
!!!!!!!!!

Mein reales Leben ist eine
Müllhalde

Was tun !!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!
?????????????????????

Einfach aufhören ????????
so einfach ist das nicht.’

Inwiefern der HSO Menschen mit solchen Problemen wirklich helfen kann, lässt sich zum heutigen Zeitpunkt noch nicht sagen. Der Verein strebt aber die wissenschaftliche Evaluation seines Hilfsprogramms an. Wer sich einer bereits gut etablierten virtuellen Selbsthilfegruppe für Onlinesüchtige anschließen möchte, muss auf die englische Sprache ausweichen und kann Mitglied der Internet Addiction Support Group (IASG) werden [#lit12 [12]], die mit Mailinglisten arbeitet.

Wer unter seinem Onlineverhalten leidet oder seine Umgebung in Mitleidenschaft zieht, braucht natürlich Hilfe. Es gilt, die tieferliegende Lebensproblematik anzugehen.

Generell sollten wir vermeiden, kulturellen Vorurteilen über neue Medien aufzusitzen. Denn gerade das Netz bietet vielfältige Möglichkeiten, mit anderen Menschen in Kontakt zu treten, Freundschaften zu knüpfen, Cyberaffären oder das Gemeinschaftsgefühl in Gruppen zu genießen. Hinter der Interneteuphorie steckt in der Regel keine pathologische Techniksucht, sondern die ganz normale Lust auf all das, was uns Spaß macht und zufrieden stellt. Denn oft fesselt uns am Internet gerade die menschliche Begegnung. Würden wir etwa jemand als ‘kommunikationssüchtig’ diagnostizieren, der sich ständig mit Freunden trifft und unterhält? (ts)

[1] psychcentral.com

[2] Kimberley S. Young, Caught in the Net, Suchtgefahr Internet, Kösel Verlag, München 1999

[3] netaddiction.com

[4] www.apa.org/releases/internet.html

[5] www.internetsucht.de

[6] gin.uibk.ac.at/gin/freihtml/chatlang.htm

[7] www.ifap.bepr.ethz.ch/~rauter/publications/COMPINTE.pdf

[8] http://psychologie.fernuni-hagen.de/SOZPSYCH/GD/Artikel/doer1.htm

[9] Christiane Eichenberg, Die virtuelle Couch, Selbsthilfe, Beratung und Therapie im Internet, c't 5/99, S. 204

[10] www.med.uni-muenchen.de/psywifo/Interaddict.htm

[11] www.onlinesucht.de

[12] catless.ncl.ac.uk/Risks/17.12.html#subj6

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