Super statt Normal

Zukunftsweisendes von Kai Krause

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Schon anderthalb Stunden nach dem Start erreichte die CeBIT ´97 einen ihrer Höhepunkte: Einer der letzten Visionäre der Computerbranche betritt die Bühne - Kai Krause. Mitgebracht hat er neue Grafiksoftware mit bislang unbekannter Leistung. Aber er will nicht nur Werkzeuge für Designer erfinden ...

`Eine Papptüte bei Karstadt ins Regal bringen´ lautet das neue Ziel des Grafik-Gurus. Bereits mit der Bildverzerrungssoftware Goo (siehe c't 9/96, S. 55) hatte Kai Krause - kreativer Kopf der Softwarefirma MetaTools - diese bedeutende Wandlung vollzogen: weniger den Zusatzprogrammen für professionelle Grafiker widmet er sich nun, sondern vielmehr der Software, die jedermann bedienen und jedermann kaufen kann: einheitliche 99 DM soll der Preis der diversen angekündigten MetaTools-Produkte betragen.

Die Digitalfotografen, ob privat oder professionell, unterstützt Metashow, ein Programm, das bei anderen Herstellern unter der Bezeichnung `Bilddatenbank´ laufen würde - und entsprechend langweilig gestaltet wäre. Hier dagegen lassen sich Bilder durch die Gegend ziehen und zu Haufen stapeln. Ordner sind nur etwas für Pedanten ...

Unglaubliches passiert in der Diaschau von Metashow: Bilder und Filme (!) im Format von 400 × 400 Pixeln rotiert Kais nicht allzu üppig bemessener Power Mac dreidimensional auf dem Bildschirm, ohne daß zusätzliche Rechenzeit für das Berechnen einer Filmdatei anfällt - wie bislang in 3D- und Videosoftware üblich. Nicht nur an dieser Stelle fühlt sich Kai Krause verpflichtet, unbedarften Zuhörern zu erklären: `Normalerweise geht das nicht.´


'Und wir sind noch nicht fertig. Es geht noch ein bißchen weiter mit der Aquisiererei'

Als einer der Überblendeffekte in Metashow fungiert ein Modul namens Turbulence. Mit seiner Hilfe flattern Bilder wie Flaggen, oder sie wogen im Raum, als ob sie auf Wasserwellen projiziert wären. Den - verborgenen - mathematischen Hintergrund bildet eine zweidimensionale Strömungssimulation auf 40 000 Zellen. Kaum zu glauben, aber wie nicht anders zu erwarten, läuft sie in Echtzeit.

Offensichtlich benutzt Soap in Vollendung zwei Tricks: Teilweise scheint es auf grobe und damit weniger speicherplatzintensive Versionen des Bildes zurückzugreifen. Und wie schon in Goo werden alle Aktionen nicht sofort im Bild ausgeführt, sondern - zunächst - abstrakt gespeichert, zum Beispiel als Pfade. Ähnliche Techniken finden sich jetzt schon in Software wie Macromedia xRes und Wright Design (siehe c't 10/96, S. 190 und c't 12/96, S. 150). Auch LivePicture zählt zu dieser Reihe. Den Vertrieb dieses Programms hat MetaTools vor einiger Zeit wieder abgegeben - vielleicht kein Zufall.

Auch in der Gestaltung beschreitet Kai Krause mit Soap - einmal mehr - neue Wege. Pinsel, Radiergummi und andere Werkzeuge sind lebensnah dargestellt, nicht als symbolische Mauszeiger. Natürlich werfen sie auch weiche Schatten auf das darunterliegende Bild. Originalton Krause: `Wenn man das zwei Tage benutzt und geht dann zurück aufs normale System, fängt man an zu kotzen.´

Die Lichtorgel des nächsten Jahrhunderts entsteht derzeit im Auftrag von Rockmusiker Peter Gabriel: Das Klangspektrum der Musik erscheint in Form pulsierender 3D-Objekte auf dem Bildschirm. Mal fliegen Kügelchen unter dem Einfluß der Musik, mal tanzen Balken durch den Raum, mal wachsen Bäume (genauer: L-Systeme) im Takt. Diese 3D-Berechnungen geschehen in Echtzeit - einschließlich der Klanganalyse. KPT unplugged

Die Erfolgsstory von Kai Krause begann mit seinen Plug-in-Zusatzmodulen für Bildbearbeitungssoftware, seinen Power Tools (KPT). Als nächster Schritt ist nun eine Metaworld anvisiert: Alle MetaTools-Programme sind untereinander vernetzt; sie erscheinen als verschiedene `Räume´. Nicht nur die Neuerscheinungen wie Metashow und Soap passen in dieses Modell, auch die alten Programme - so Kai Krause - wie KPT und Bryce könnten in Metaworld-kompatiblen Versionen erscheinen.

Funktionen des Betriebssystems wie virtueller Speicher und Objektmanagement werden vielleicht demnächst durch MetaTools-Software ersetzt. Auch Erfindungen wie lose Stapel statt Ordner könnten sich in einer Art Betriebssystem verdichten. Und sogar über die Gestaltung ganz anderer Software wie Textverarbeitung und Tabellenkalkulation denkt Kai Krause inzwischen nach: `Viele von den Features heutzutage sind keine Features, sondern Burdens.´

Daß sich MetaTools im Markt verbreitern will, unterstreicht die Absichtserklärung zur Fusion mit Fractal Design zur Genüge. `Und wir sind noch nicht fertig. Es geht noch ein bißchen weiter mit der Aquisiererei´, bemerkt Krause am Rande. Mit den jüngsten Aufkäufen von anderen Firmen könnte MetaTools demnächst auch zum Hardwarehersteller avancieren: Die Forscher der übernommenen Firma Real Time Geometry arbeiten nicht nur an optimierten Verfahren, 3D-Objekte zu übertragen und darzustellen (`Delaunay-Triangulierung´), sondern entwickeln auch einen 3D-Scanner im Handkameraformat. Solche Geräte, die nicht nur ein zweidimensionales Foto schießen, sondern gleichzeitig auch ein 3D-Modell bestimmen, sind bisher kaum tragbar, benötigen mehrsekündige Abtastzeiten und kosten fünfstellige DM-Beträge - oder mehr. Der MetaTools-Scanner soll für 600 bis 700 US-$ auf den Markt kommen und eine Abtastzeit von weniger als einer Sekunde erlauben. Auch das geht alles normalerweise nicht ... (jl)

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