The Architecture of Participation: Teilnehmende Open Source bei MySQL

Wissen | Reportage

Kaj Arnö von MySQL über die von seinem Unternehmen praktizierte "Architecture of Participation" zur Einbindung externer Entwickler

Vorabdruck aus dem Open-Source-Jahrbuch 2008

Dieser Text steht unter der Lizenz Creative Commons, Namensnennung und keine Bearbeitung (BY-ND)

Bei der Mehrheit der Web-2.0-Unternehmen und Bewegungen wie Wikipedia liegt der Grund des Erfolgs in der Teilnahme der Benutzer. Google bietet der Welt eine Suchmaschine; die Welt stellt ihre Webseiten und ihre Suchwörter Google zur Verfügung. Wikipedia bietet der Welt die wahrscheinlich hochwertigste, umfangreichste und aktuellste Enzyklopädie; die Welt aktualisiert Wikipedia in aktiver Teilnahme und das nicht ganz ohne Eigennutzen. Jene fruchtbare Zusammenarbeit zwischen einem Unternehmen oder einer ideellen Bewegung und ihrem Umfeld bezeichnet der amerikanische Open-Source-Verleger und Industriebeobachter Tim O'Reilly als Architecture of Participation.

Mein skandinavischer Vorschlag zur deutschen Fassung dieses Begriffs ist teilnehmende Entwicklung. Aus Skandinavien und Finnland kennen wir verwandte Verhaltensweisen aus der Gesellschaft vor der Zeit des Internets. Die nordischen Länder huldigen seit langem dem allemansrätt, wörtlich Jedermannsrecht. Darunter versteht man das Recht aller Menschen, das Land anderer begrenzt zu nutzen für Zwecke wie Pilze oder Beeren sammeln, zelten oder einfach spazieren gehen. Es geht dabei nicht um ein Eigentumsrecht: Holz darf nicht gefällt, Sand oder Mineralien dürfen nicht erwirtschaftet werden und die Privatsphäre in der Nähe von Behausungen muss geschützt bleiben. Ohne die Analogie allzu weit auszudehnen, kann dies mit der kostenlosen Nutzung von MySQL unter der GNU General Public Licence (GPL) (allemansrätt) und der kommerziellen Nutzung von MySQL Enterprise (Verkauf von Holz, Sand oder Mineralien) verglichen werden. Während es beim allemansrätt um Benutzung und nicht so sehr um Teilnahme geht, bezieht sich der finnische Begriff talko auf selbstorganisierte Freiwilligenarbeit. Hierbei wird ohne den Austausch von Geld nützliche Arbeit geleistet: für Vereine, für die Gemeinde oder aber auch für einzelne Privatpersonen und Familien. All dies geschieht in der Annahme, dass die Gebenden eines Tages auch von anderen talkos profitieren. So können nicht nur Umzüge oder Frühjahrsputze leichter und angenehmer bewältigt werden, sondern auch heute noch gesamte Häuser oder Schiffe erbaut werden.

Die Welt des heutigen Internets ist aber nur bedingt mit sozialen Netzwerken in Skandinavien und Finnland vergleichbar, wo talko-betreibende Gruppen sich seit langem kennen, gemeinsame Werte teilen und reichlich gegenseitiges Vertrauen aufgebaut haben. Im Web 2.0 muss der Nutzen direkter sein. Beachtenswert ist aber, dass es bei der teilnehmenden Entwicklung nicht um eine Neuerfindung geht, sondern um eine Anpassung eines schon vorhandenen Verhaltensmusters an neue Strukturen.

Von Anfang an war MySQL Open Source, allerdings erst seit dem Jahr 2000 unter der GPL. Anfangs wurde MySQL hauptsächlich von einem einzigen Programmierer, Michael Monty Widenius, entwickelt. Das Gewicht lag aber eher auf allemansrätt, denn auf talko: Die Welt hat in den nordischen Wäldern von MySQL reichlich Pilze und Beeren gesammelt, vereinzelt wurde auch schon Holz (MySQL Enterprise) von den Firmengründern Monty, David und Allan gekauft. Somit konnte das Produkt weiterentwickelt und mehr Wald zum Pilze- und Beerensammeln gekauft werden. Anfangs besaß MySQL weder Bürogebäude noch ein Domizil: Monty arbeitete in Finnland und David in Schweden. Auch heute noch arbeiten 70 Prozent der Angestellten von zu Hause aus. Als es durch Lizenz- und Supporteinnahmen mehr Geld gab, haben Monty und David, ohne Rücksicht auf die geographische Lage, Leute von den Mailinglisten angestellt. Beispielsweise arbeitete Sinisa Milivojevic vorerst in Belgrad, kurz danach in Larnaca auf Zypern, Jeremy Cole in Ohio, Indrek Siitan in Tallinn, Sergei Golubchik in Osnabrück, Tom Basil in Baltimore und so weiter. Die tägliche Kommunikation lief über Internet Relay Chat (IRC) und E-Mail. Ein paarmal pro Jahr fand dann ein Treffen in Kalifornien, Helsinki, St. Petersburg oder Budapest statt. Auch heute noch arbeitet das Unternehmen mit über 300 Leuten in 30 Ländern sehr verteilt.

Teilnahme von außen gab es aber schon von Anfang an. Monty und David haben zunächst selbst auf Fragen in den verschiedenen MySQL-Mailinglisten geantwortet. Mit der Zeit konnten immer mehr Leute freiwillig, ohne dafür bezahlt zu werden, die Fragen Anderer sachgerecht beantworten: Hier sind gute Pilze., So bereiten Sie eine hervorragende Pilzsuppe zu.

Die wertvollste Art der Teilnahme galt der Qualitätsverbesserung der Software. Die Anwendergemeinde setzte die Datenbank schon früh unter Bedingungen ein, die bis dato von den Entwicklern nicht getestet worden waren oder nicht getestet werden konnten. Der Wissensaustausch darüber geschah anfangs mit Hilfe einer öffentlichen Mailingliste und seit dem Jahr 2002 über eine weltweit verfügbare Fehlerdatenbank1: Diese Pilze sind giftig. Durch diese Teilnahme unserer Community konnte das Produkt qualitativ wesentlich verbessert werden.

Auch sehr wertvoll war die Mithilfe bei der Portierung auf neue Betriebssysteme sowie beim Aufbau von APIs (application programming interfaces) zu anderen Programmiersprachen. Im ersten Fall ging es um Hinweise oder Ideen, die in den Programmcode einflossen, im zweiten Fall um die Entwicklung von Programmierschnittstellen, die nicht direkt zum Produkt MySQL-Server oder zu MySQL AB als Unternehmen gehören. So wurde MySQL beispielsweise auf Windows portiert und Schnittstellen zu PHP, Python, Ruby und vielen anderen Programmiersprachen aufgebaut: Da gibt es Flaschen und einen Keller zum Aufbewahren der Beerensäfte. Hier finden Sie Gewürze, die zur Pilzsuppe passen. Diese Teilnahme an der Entwicklung von MySQL hat den raschen Aufstieg des Unternehmens ermöglicht. Der Umgang mit der Community prägt die Arbeitsweise und den Alltag von MySQL Angestellten bis heute. Trotz der vielen ehrenamtlichen Helfer blieb die Erweiterung des MySQL-Walds aber immer fest in den Händen von MySQL AB.