Toolbox: Mit Gwenview durch die Bilderflut

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Der unkomplizierte KDE-Bildbetrachter Gwenview hilft beim schnellen Sichten großer Bildermengen und bringt auch grundlegende Bearbeitungsfunktionen mit.

Gwenview bietet eine ausgeglichene Mischung aus Funktionsumfang und Bedienkomfort. Das Programm versucht gar nicht erst, Digikam, Shotwell oder F-Spot zu ersetzen. Gwenview arbeitet auf Dateisystemebene und behandelt Bilder nicht als Teil einer Bibliothek, sondern als Datei in einem Verzeichnis. Die Bilder bleiben, wo sie sind und Gwenview braucht weder eigene Album-Ordner noch eine Datenbank.

Die Verzeichnisansicht von Gwenview mit verkleinerten Vorschaubildern, die sich per Strg-Taste und Mausrad skalieren lassen.

Die Software liefert schnell einen Überblick über den Inhalt von Bildarchiven und Speicherkarten und hilft dabei, eine Vorauswahl zu treffen, bevor die Bilder in eine ausgewachsene Bildverwaltung übernommen werden. Wie es sich für einen Bildbetrachter gehört, beherrscht Gwenview auch die wichtigsten Basisfunktionen zur Fotobearbeitung. Zusatzpakete aus der KDE Software Compilation können den Funktionsumfang weiter ausbauen.

Der Programmname leitet sich von dem bretonischen Wort gwenn (weiß) ab – ein Hinweis auf die Herkunft des Entwicklers Aurélien Gâteau. Der pflegt das Projekt bereits seit den Zeiten von KDE 3 und veröffentlicht seitdem immer passend zu den Erscheinungsterminen einer neuen KDE Software Compilation eine neue Gwenview-Version. Aktuell ist Version 2.9, das Bestandteil von KDE SC 4.9 ist. Die Unterschiede zu früheren Version sind aber gering.

Bildbetrachter Gwenview (7 Bilder)

Export-Unternehmen

Die Kipi-Plug-ins bringen Export-Funktionen für zahlreiche Web-Dienste mit, darunter auch Facebook.
Wird Gwenview unter Ubuntu installiert, muss der Paketmanager weitere KDE-Pakete nachrüsten, um Abhängigkeiten aufzulösen.

Bei KDE-Distributionen wie Kubuntu und Open Suse mit KDE ist Gwenview bereits vorinstalliert. Das soeben aufgefrischte Kubuntu 12.04.1 enthält Gwenview 2.8.4, OpenSuse 12.1 bringt Version 2.7.1 mit. In den Paketquellen von Fedora liegt Gwenview 2.8.5.

Gwenview ist nur unter KDE ein Leichtgewicht. Wer einen anderen Desktop verwendet und Gwenview nachinstallieren will, muss jede Menge KDE-Paketen nachrüsten, was der Paketmanager aber automatisch erledigt. Bei Ubuntu mit Unity beträgt die herunterzuladende Datenmenge knapp 64 MB. Hier lässt sich Gwenview aus dem Software-Center oder auf der Kommandozeile mit

sudo apt-get install gwenview

nachinstallieren. Gwenview ist also eher was für jene Anwenderinnen und Anwender, die sowieso schon KDE-Programme nutzen und daher bereits Teile von KDE installiert haben. Der Quellcode des unter der GPL 2 stehenden Programm liegt auf Sourceforge, doch eigenes Kompilieren ist in der Regel nicht sinnvoll.

Die Einzelbildansicht von Gwenview, hier unter Open Suse 12.1: Links in der Leiste lassen sich verschiedene Informationen und Funktionen einblenden

Startet man Gwenview ohne Parameter, präsentiert es sich zunächst wie ein Dateimanager. Links zeigt ein Fenster zuletzt besuchte Ordner; rechts bietet eine Liste der Dateisystem-Orte schnellen Zugriff auf Datenträger und Home-Verzeichnis. Beim Öffnen eines Ordners zeigt Gwenview die darin enthaltenen Bilder als Vorschaubilder. Deren Größe kann wie in Digikam bei gedrückter Strg-Taste mit dem Mausrad skaliert werden. Ein Klick auf eine Datei schaltet in die Bildansicht. Die Leiste links zeigt dann wahlweise Bildinformationen, Verzeichnisbaum oder einfache Bearbeitungsfunktionen.

Die Bedienung in der Bildansicht ist weitgehend intuitiv: Das Mausrad zoomt zusammen mit der Strg-Taste in einen Bildausschnitt, der sich bei gedrückter Maustaste verschieben lässt. Die Position im Gesamtbild zeigt unten rechts ein Rechteck mit Positionsrahmen an. Die Taste F skaliert das Bild passend zum Programmfenster zurück und ein Druck auf die Taste Esc bringt wieder die Verzeichnisübersicht ins Programmfenster, beziehungsweise beendet die Vollbildansicht.

Bei der Navigation durch das Dateisystem und zu entfernten Verzeichnissen im Netzwerk unterstützt Gwenview KIO-Slaves (KDE Input Output Slaves). Das Programm kann damit auch direkt Verzeichnisse und Dateien anzeigen, die in FTP-Verzeichnissen und Windows-Freigaben liegen oder über NFS bereit stehen. Auch auf entfernte SSH-Server kann Gwenview über den KIO-Slave sftp:/ beziehungsweise fish:/ zugreifen. Um für bereits gezeigte Bilder nicht jedes Mal neue Thumbnails zu generieren, legt Gwenview einmal berechnete Vorschaubilder im Ordner .thumbnails im Home-Verzeichnis ab. Dieser Speicherort wird von Freedesktop.org empfohlen und hat sich als Quasistandard durchgesetzt, sodass verschiedene Dateimanager und Betrachter ein gemeinsames Verzeichnis für Vorschaubilder nutzen können.

Gwenview selbst bringt nur wenige Bearbeitungsfunktionen mit: Drehen, Spiegeln, Zuschneiden, Verkleinern und eine Reduktion des Rote-Augen-Effekts. Die auch von Digikam genutzten Kipi-Plug-ins (KDE Image Plug-in Interface) statten Gwenview mit zusätzlichen Funktionen etwa für die Stapelverarbeitung aus. Bei Open Suse mit KDE ist das Paket kipi-plugins vorinstalliert, unter Ubuntu/Kubuntu muss man es nachinstallieren.

Gwenview bindet die Kipi-Plug-ins im Menü „Module“ oder je nach Spracheinstellungen auch unter „Plugins“ ein. Damit kann die Software Bilder dann automatisch gemäß der in den Metadaten hinterlegten Informationen drehen oder einen RAW-Konverter und ein HDR-Tool nutzen. In der Stapelverabeitung lassen sich viele Bilder in einem Rutsch skalieren oder mit Effekten versehen. Außerdem stehen zahlreiche Export-Funktionen vom simplen Upload zu Picasa, Facebook, Flickr und anderen Diensten bis zum Generieren fertiger HTML-Dateien anhand von XML-Vorlagen zur Verfügung.

Film ab: Um Videodateien abzuspielen, benötigt Gwenview als zusätzliche Anwendung den KDE-Mediaplayer Kaffeine.

Die meisten Digitalkameras können auch Videos aufzeichnen, die dann zusammen mit den Fotos auf der Speicherkarte landen. Gwenview kann auch hier für den Überblick sorgen und Videoclips abspielen. Für diese Funktion nutzt das Programm den KDE-Mediaplayer Kaffeine, der wiederum die Xine-Engine und Codecs von ffmpeg verwendet. Damit Gwenview mit Videos umgehen kann, müssen also Kaffeine sowie die gewünschten Codecs installiert sein.

Kaffeine lässt sich in der Regel samt Abhängigkeiten einfach über den Paketmanager installieren. Für die Erweiterung des Codec-Angebots ist dagegen Handarbeit gefragt, da viele Codecs aus lizenzrechtlichen Gründen in den offiziellen Repositories fehlen. Codecs für 64-Bit und 32-Bit gibt es jeweils als tar.bz2-Archiv auf der Projekt-Webseite von MPlayer. Diese müssen bei den meisten Distributionen nach /usr/lib/codecs entpackt werden.

Gwenview schließt die Lücke zwischen einer ausgewachsenen Bildverwaltung wie Digikam und einem reinen Bildbetrachter. Die Kipi-Schnittstelle sorgt dabei für nützliche Zusatzfunktionen. Gwenview ist auch nach Jahren der Entwicklung schlank und übersichtlich geblieben. Als KDE-Tool eignet sich Gwenview vor allem für den KDE-Desktop, lässt sich aber auch in anderen Umgebungen einsetzen.

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