Transparente Tricks

@ctmagazin | Editorial

"Du hast dir doch bestimmt wieder bei Conreich einen Haufen Transistoren bestellt, und jetzt ist dein Konto leer!" - Elektronische Bauteile gelten bei meiner Frau schlicht als "Transistoren", womit sie ja qualitativ nicht ganz Unrecht hat.

Transparente Tricks

Du hast dir doch bestimmt wieder bei Conreich einen Haufen Transistoren bestellt, und jetzt ist dein Konto leer!" - Elektronische Bauteile bis hin zum 400.000-Gatter-FPGA gelten bei meiner Frau schlicht als "Transistoren", womit sie ja qualitativ nicht ganz Unrecht hat. Der Mann an der Skilift-Kasse zieht eine Augenbraue hoch: "Ham’s net wos Bares d’bei?" - Schon, aber das reicht jenseits vom Oberharz gerade so für den Einkehrschwung einfach (Almdudler statt Willi mit Birne).

Der Apparat vor ihm rattert verheißungsvoll, spuckt dann aber doch nur wieder ein Papierfähnchen mit Fehlermeldung aus, diesmal mit rosa Streifen, weil die Thermopapierrolle zur Neige geht. Offensichtlich nicht zum ersten Mal an diesem sonnigen Neujahrsmorgen, denn die Abgebrochene-Transaktions-Schnipsel häufen sich. Hinter mir murrt inzwischen eine komplette Skibusladung.

Trotz der Minusgrade perlt es auf der Stirn: Konto geplündert? Kündigung übersehen? Bei der letzten Überweisung das Komma vergessen? An der Autobahn vollgetankt? "Dann gehen wir eben mal gemütlich spazieren, wenn dein Geld nicht reicht!" – typische Frauen-Romantik. Am Berg locken die Gütesiegel-Pisten, und ich soll latschen. Pah! Unser Kontostand ragt zwar nur selten über Normalnull, aber für gewöhnlich zahlt mein Arbeitgeber das Weihnachtsgeld überaus pünktlich.

Der Kassenwart grinst und setzt zum finalen Versuch an. Von hinten drängelt sich ein älterer Herr vor und bringt den erlösenden Tipp: Einfach den Girokartenchip mit Tesafilm abkleben, und schwupps sind 58 Euro für zwei Tageskarten abgebucht - es gilt inzwischen der günstigere Halb-Elf-Schlafmützentarif. Mit lahmgelegtem Chip wertet das Terminal halt den Magnetstreifen aus, das helfe auch bei den Bankomaten in seiner Filiale, erklärt der Schweizer und reicht freundlich den Klebeband-Abroller herum.

Ich bin fassungslos angesichts dieses äußerst effektiven Hacker-Angriffs, erst recht, als der Kniff wenige Tage später zum halboffiziellen Workaround für fehlerhaft programmierte Karten-Chips avanciert. Die deutsche Kreditwirtschaft prescht aus Angst vor Kartenschlitzverstopfung mit einer Art Klebestreifen-Software für die heimischen Geldautomaten vor, die den mit der dreifachen Rechenleistung eines IBM PC/XT gesegneten Hochsicherheits-Krypto-Kartenchip quasi elektronisch abklebt: Die Krötenspender verlassen sich jetzt wieder auf zwei Handvoll in Eisen-III-Oxid magnetisierte Bits, die jeder technisch einigermaßen begabte Spitzbube mit einem umgebauten Kassettenrecorder abkupfern kann.

Peinlich, peinlich: Da einigen sich die Geldvermehrer nach Jahren wildwuchernder Insellösungen endlich auf einen gemeinsamen Chipkartenstandard, und dann sorgt ein haarsträubender Neujahrs-Bug eine Dekade nach der vergleichsweise problemlos überwundenen Jahrtausendwechsel-Angstphase dreißigmillionenfach für Chaos.

Dieser Tage könnten Ihnen in Ihrer Bank wichtig aussehende Mitarbeiter mit Geheimkoffer begegnen, die Firmware-Updates auf die kränkelnden Karten spielen - was ja eigentlich gar nicht geht. Nun geht es doch: Ein drohender Schaden von 250 Millionen Euro macht Unmögliches möglich.

Ungekittet bleiben derweil Sprünge in der Ego-Schüssel. Den Makel zweifelhafter Zahlungsfähigkeit in der ehelichen Solidargemeinschaft konnte ich erst daheim am Kontoauszugsdrucker wieder ablegen.

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