Transparenz-Technik

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Transparenz-Technik

Was haben ein besserer Service im Krankenhaus, ungestörtes Fußball-Spektakel, die Sicherheit vor Terroranschlägen und der Schutz der Demokratie gemeinsam? Alles steht und fällt mit einem zeitgemäßen Informationsangebot - will sagen: allgegenwärtige Datenspeicher, drahtlos auslesbar per RFID und unbürokratisch auszuwerten im Rechnernetz.

Terroristenjagd, o. k. Aber sind die Nebenwirkungen nicht eher schädlich für die Demokratie? Rasterfahndung leicht gemacht - mit dem funkenden Perso und Eintrittskarten, die ihren Inhaber in jeder Straßenbahn automatisch identifizieren? Ach was. Wenn es dem Datenschutzbeauftragten zu schnell vorangeht mit Biometrie-Ausweis und so, soll er das den Experten überlassen und sich nicht in die Politik einmischen, sagt Schily (siehe S. 46, c't 10/05). Und was soll das ewige Gerede vom Überwachungsstaat, wenn der Fahrpreis für die Münchner Straßenbahn genau wie für den ICE nach Hamburg über ein bundesweit gültiges Chip-Ticket und eine zentrale Datenbank abgebucht wird (siehe S. 52, c't 10/05)? Solche Risikobewertungen obliegen nun mal der politischen Entscheidungsfindung, und die erfolgt im Innenministerium. Genau wie beim großen Lauschangriff und der Vorratshaltung von Internet-Logs.

Nur gut, dass die gefährdeten Bürgerrechte wenigstens im Verbraucherministerium hoch gehalten werden. Dessen Hausherrin weiß: Ängste vor dem Staat als Big Brother haben ausgedient, und überhaupt, die wirklichen Datensammler des 21. Jahrhunderts sind die Unternehmen. Doch auch damit kann man leben. Das Zauberwort für ihre Aktivitäten heißt Transparenz, und wenn eine Bank mittels zusammengetragener Datenschätze ganz genau hinguckt, wem sie Kredit gibt, muss sie dem Kunden das eben erläutern. Macht sie die verwendeten Daten und ihre Rechenwege transparent, begibt sie sich mit dem Kunden "auf Augenhöhe", und das zählt. Wenn dann irgendwelche Supermarkt-Logs auf ein alkoholbedingtes Rückzahlungsrisiko deuten? Kein Problem - man kann ja offen über alles reden, oder?

Außerdem sichert die geforderte Transparenz wertvolle Arbeitsplätze. RFID-gestützte Supermarktkassen rechtfertigen milliardenschwere Investitionen. Das kurbelt die Wirtschaft an. Allgegenwärtige Nummernschildchen zum Stückpreis von wenigen Cent führen rentabel zum transparenten Verbraucher. Darüber erkennt man Stammkunden und kann sie bevorzugt behandeln. Auf der anderen Seite braucht man niemanden mit Chanel-Angeboten zu nerven, der überall drahtlos nach Woolworth riecht. Und die unschöne Skepsis der Kundschaft kriegt man in den Griff, wenn man die neue Komfort-Technik ganz transparent als Schutz vor Ladendieben präsentiert.

Noch mehr Transparenz schöpft die Wissensgesellschaft aus der Datenautobahn. Nie zuvor konnten Firmen ihre Kundenprofile so gut abgleichen wie zu Zeiten des Web. Und das Beste: Per Web verbreitete Hintergrundprogramme erforschen sogar die geheimsten Verbraucherwünsche. Ganz automatisch, ohne dass der Kunden erst lange Fragebogen ausfüllen oder grübeln müsste, ob er sich überhaupt äußern will (siehe S. 136). Heute betreibt man ganz offen verhaltensbezogenes Marketing. Es lebe die transparente Marktforschung. (hps)

Apropos - was heißt eigentlich transparent?

Durchsichtig.

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