UEFI: Linux kann aktuelle Thinkpads beschädigen

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Das Installieren von Linux oder der Tausch der Festplatte kann zum Defekt der Thinkpad-Modelle T540p, L540 und W540 führen. Schuld haben offenbar zwei Fehler in der UEFI-Firmware.

Vergrößern Haswell-Thinkpad der T-Serie.Bild: Lenovo

Die Installation einer Linux-Distribution – und auch schon der simple Austausch der Festplatte – kann einige aktuelle Thinkpad-Notebooks von Lenovo so beschädigen, dass der Tausch des Mainboards notwendig wird. Betroffen sind offenbar mehrere aktuelle Thinkpad-Modelle, die Core-i-CPUs der 4000er-Serie aus Intels Haswell-Generation einsetzen.

Die Hardwareschäden entstehen wohl nur bei bestimmten Firmware-Versionen und lassen sich vermeiden, indem man vor dem ersten Linux-Kontakt das Booten per UEFI im Firmware-Setup deaktiviert. Auf diese Weise konnte man auch schon die Probleme umschiffen, die im vergangenen Jahr zum Defekt einiger Samsung-Notebooks beim Einsatz von Linux führen. Ähnlich wie dort ist auch bei den Thinkpads ein Tausch des Mainboards erforderlich, um die Geräte zu reparieren. Und wie bei den Samsung-Notebooks löst der Linux-Einsatz den Fehler lediglich aus; die eigentliche Schuld liegt bei der UEFI-Firmware.

Das Problem tritt offenbar seit einigen Wochen häufiger auf, denn erste Berichte zu Notebookdefekten durch den Einsatz von Linux machten zum Jahreswechsel die Runde – etwa in einem deutschen Thinkpad-Forum und in Google+-Beiträgen der Google-Entwickler Marc Merlin und Theodore Ts'o ("tytso"). Ts'o, der zu den ältesten und wichtigsten Entwicklern des Linux-Kernels gehört, hat sein Thinkpad T540p dreimal gebrickt; auch die anderen beiden Berichte beziehen sich auf dieses vor einigen Monaten eingeführte Thinkpad-Modell, das laut Canonicals Hardware-Datenbank für den Einsatz der Linux-Distribution Ubuntu zertifiziert ist.

Vergrößern Theodore Ts'o hat drei Thinkpads kaputt gemacht und empfiehlt, UEFI komplett zu deaktivieren.Bild: Google+-Beitrag

In einem Google+-Beitrag von Ende Januar stellt Ts'o klar, ein Gerätedefekt lasse sich vermeiden, indem man die UEFI-Boot-Unterstützung in der UEFI-Firmware komplett deaktiviert. Betriebssysteme starten dann nur noch über das CSM (Compatibility Support Module), das den Rechner wie ein klassisches PC-BIOS in Gang bringt. Das auf Thinkpads dieser Generation vorinstallierte Windows bootet allerdings nur per UEFI, daher lässt sich so nicht ohne weiteres ein Dual-Boot-System einrichten.

In den Kommentaren auf Google+ finden sich weitere Informationen, die sich aber gelegentlich widersprechen oder mehr Fragen aufwerfen als beantworten. So berichtet dort jemand, Opensuse 13.1 problemlos auf einem T540p installiert zu haben, nachdem er lediglich Secure Boot deaktiviert hat.

Merlin und Ts'o haben Linux wohl auch gar nicht auf den Geräten installiert, sondern es nur von Datenträgern gebootet, die zuvor in anderen Systemen steckten. Offenbar entstanden dabei schon Defekte, ohne dass Linux je gebootet hat. Merlin hat seine Erfahrungen mit dem Gerät in einem Dokument zusammengefasst, wo er behauptet, das Laden der "OS Optimized Defaults" könne die Geräteschäden verhindern; diese Information ist aber älter als Ts'o Tipp, die UEFI-Boot-Unterstützung komplett zu deaktivieren. Einige weitere Informationen und weiterführende Links finden sich in einem Dokument, in dem Linux-Anwender Probleme mit Haswell-Thinkpads sammeln; dort wird spekuliert, das Problem trete möglicherweise nur mit bestimmten Firmware-Versionen auf.

Vergrößern Linux-Anwender sammeln Informationen zum UEFI-Brick-Problem der Haswell-Thinkpads.Bild: Github-Dokument

Bei c't hat sich ein Leser gemeldet, bei dem eine UEFI-Installation des aktuellen Linux Mint auf dem Thinkpad L540 zu einem Schaden geführt hat, wie er auch bei den Berichten zum T540p auftrat. In einem Lenovo-Forum gibt es zudem eine Diskussion, laut der solche Probleme auch beim Thinkpad W540 auftreten. Diese Modelle gehören nicht zu der bei Linux-Anwendern beliebten T-Serie, setzen aber wie das T540p auf Haswell-Prozessoren. Laut einem angeblichen Lenovo-Mitarbeiter ist zumindest beim W540-Fall ein zweischichtiges Firmware-Problem die Ursache.

Einen Fehler gibt es demnach im Code für Intel Rapid Startup Technology, der unter gewissen Umständen Daten vom Boot-Datenträger in den nicht-flüchtigen Speicherbereich der UEFI-Firmware lädt, die dort nichts zu suchen haben und auch gar nicht hinein passen. Durch einen anderen Fehler wird nicht erkannt, wenn das passiert ist; das bringt die Firmware letztlich so durcheinander, dass das Notebook schon früh bei der Hardware-Initialisierung durch die Firmware abstützt und man keine Möglichkeit mehr hat, die fehlerhaften Daten zu entfernen.

Der erstgenannte Fehler lässt sich durch Deaktivieren der Intel Rapid Startup Technology vermeiden.Der letztgenannte Fehler ähnelt dem Samsung-UEFI-Problem vor einem Jahr: Auch dort waren es letztlich zu viele Daten im nicht-flüchtigen Speicherbereich der UEFI-Firmware, die den Systemstart verhinderten.

Wir haben Lenovo Deutschland vor am gestrigen Dienstag auf das Problem angesprochen und um eine Liste betroffener Modelle gebeten; eine Antwort blieb bislang aus. Es bleibt abzuwarten, ob Lenovo mit der Problematik besser umgeht als Samsung, die uns beim Samsung-UEFI-Problem vor einem Jahr kaum Informationen zur Sache lieferte: Erst bei einer routinemäßigen Nachfrage einige Monate später erfuhren wir dass das Problem bei den Nachfolge-Serien einiger betroffener Geräte behoben sein soll. Sollte es je ein Firmware-Update gegeben haben, wurden wir darüber nicht informiert.

Laut einem Bericht auf scienceblogs.com wurden zumindest im Juli noch Geräte verkauft, die das Problem zeigten. Aktuelle Linux-Distributionen sollten Samsungs-UEFI-Problem aber nicht triggern, denn aktuelle Linux-Kernel enthalten Code, um die Fehlerursache zu vermeiden. Unklar ist indes, ob sich der Fehler weiterhin unter Windows auslösen lässt.

Vergrößern Lenovo arbeitet offenbar an einer Firmware, die das Problem behebt.Bild: Lenovo-Foren

Es bleibt abzuwarten, ob sich ein ähnlicher Schutz für die betroffenen Thinkpads realisieren lässt; aufgrund der etwas anders gelagerten Fehlerursache dürfte das vermutlich nicht so einfach und zuverlässig funktionieren wie bei den Samsung-Geräten.

Laut dem erwähnten Forenbeitrag des Lenovo-Mitarbeiters arbeitet das Unternehmen an einem Firmware-Update, das den Fehler beseitigt. Er stellt es für Mitte Februar in Aussicht, betont aber, der Termin könne sich ändern. Selbst nach dem Erscheinen des Updates besteht wohl noch für einige Monate ein Risiko von Geräteschäden, da sich in den Lagern der Händler noch Thinkpads mit den bisher freigegebenen Firmware-Versionen finden dürften. (thl)

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