US-Wirtschaftsverband kritisiert Datenschutz in Europa

US-Wirtschaftsverband kritisiert Datenschutz in Europa

Trends & News | Interview

Bild: Pete Linforth, Shutterstock

Gary Shapiro, Ausrichter der CES-Messen in Las Vegas und Shanghai, über die Balance zwischen Datenschutz und Privatsphäre in China.

Am Rande der CES Asia sprach c’t-Redakteur Michael Link mit Gary Shapiro, dem Vorsitzenden der Consumer Technology Association, die die CES-Messen in den USA und China ausrichtet.

c’t: In Europa setzen wir viel auf Privatsphäre und Datenschutz. Auf der anderen Seite basieren viele Konzepte auf dem Sammeln sehr vieler Daten, etwa beim autonomen Fahren, bei KI und VR und im Smart Home. Ist das nicht ein unheilbarer Konflikt?

Gary Shapiro: Natürlich muss es eine Balance geben zwischen solchen Techniken und der Privatsphäre. In China gibt es kein Konzept der Privatsphäre – zumindest, was die Regierung angeht. Sie haben ja hier auch Social-Media-Rankings und solche Dinge. Daher ist China jetzt beim Entwickeln von KI-Anwendungen ziemlich stark: Was geht, wird einfach gemacht.

c’t: Ja, das merkt man schon bei der Einreise am Flughafen: Fingerabdruckscans, thermische Scans und der Abgleich der Passdaten – passiert alles elektronisch.

CTA-Chef Gary Shapiro findet, dass Europäer zu sehr im Datenschutz gefangen sind.

Shapiro: Na klar, für Sicherheit akzeptieren wir solche Eingriffe. Aber bei geschäftlichen Dingen wollen wir eine gute Balance, die auch Privatsphäre berücksichtigt. Europa ist da das Gegenteil von China. In Europa geht es immer um Privatsphäre, das Recht auf Vergessen, DSGVO. In China gibt es Privatsphäre nur sehr begrenzt. Und in den USA ist man irgendwie dazwischen. Mit KI ändert sich gerade alles. Auch bei Ihnen: KI hat auch Auswirkungen auf den Journalismus. Es sind aber gerade die jüngeren Menschen, die sich eine Menge Sorgen über ihre Privatsphäre machen. Und was wir in unseren Forschungen herausgefunden haben, ist: Leute geben dann Privatsphäre auf, wenn das irgendjemandem hilft.

c’t: So als Deal? Ich gebe dir meine Daten, dafür bekomme ich von dir etwas Nützliches?

Shapiro: Nein, gemeint ist auch, wenn die Daten anderen helfen. Es geht gar nicht darum, dass man selbst unmittelbaren Nutzen hat. Das Verrückte ist ja, dass wir schon jetzt überall unsere Privatsphäre aufgeben, wenn wir mal eben kurz unsere Computer benutzen, mal hier klicken, mal da. Überall hinterlassen wir Daten von uns.

c’t: Oder wenn Wearables Daten sammeln.

Shapiro: Ja, genau. Wir haben hier alle möglichen Wearable-Anbieter auf der CES Asia. Die wissen, dass man Privatsphäre-Konzepte braucht. Daher haben sich in den USA Google, Apple und Samsung auf Richtlinien geeinigt, etwa dass man transparent und verständlich sagen muss, was man mit Daten tut. Das macht die Sache an sich für Benutzer ein bisschen komplizierter. Die neueren Wearables erzeugen und benötigen ja für ihre KI-Konzepte auch eine Menge Hintergrunddaten, zum Beispiel für medizinische Funktionen. Datenweitergaben können hier Probleme bedeuten.

c’t: Etwa GPS-Daten wie beim Strava-Fall, als solche Daten Militärbasen enttarnten?

Shapiro: Ja, und auch noch ganz andere Felder, in denen eine KI Daten braucht, um vernünftig arbeiten zu können. Aber seien wir mal ehrlich: Bei 95 Prozent der Daten ist es uns doch egal. Wenn Ihr Auto gerade auf ein anderes auffahren würde, würden Sie sich da noch um die Privatsphäre Ihrer Daten Sorgen machen?

c’t: Nein, aber es wäre mir wichtig, dass all die eingesammelten Daten vergessen werden, wenn die Situation vorbei ist.

Shapiro: Na ja, wir diskutieren über solche Themen schon mindestens 15 Jahre! Aber wir haben für alle Probleme immer Lösungen gefunden und so wird es auch welche dafür geben, wie man KI und Privatsphäre miteinander verbindet. Das Gefährliche ist ja, wenn man sich einfach allem verweigert, dann hat man natürlich auch keine sozialen Vorteile davon.

c’t: Gehts ums Geldverdienen?

Shapiro: Ja, unter anderem. Und Europa hat da leider sehr wenige erfolgreiche Start-ups. Vielleicht liegt das auch daran, dass der Fokus in Europa auf Privatsphäre liegt, auf dem Recht des Individuums, auf der Vereinbarkeit mit dem jeweiligen Sozialsystem. Es mangelt auch an Investitionen für die Umsetzung in andere Sprachen.

c’t: Dass China wenig Rücksicht auf Privatsphären-Bedenken nimmt, hat auch kulturelle Ursachen? Wir hatten ja die Stasi und Blockwarte.

Shapiro: Das ist ein wichtiger Punkt. Solche Erinnerungen sind kollektiv in China kaum präsent. Hier denkt man eher an die Vorteile der Datensammelei als an Nachteile wie in Europa. Ich denke, man muss klarer machen, welche Vorteile man hat und gleichzeitig so transparent sein, wie es geht. (mil)

Lesen Sie dazu auch die Reportage Das Geheimnis des chinesischen Erfolges in c't 15/2019 (kostenpflichtig).

Kommentare

Kommentare lesen (37 Beiträge)

Anzeige