Ubuntu 6.10 Edgy Eft

Test & Kaufberatung | Test

Mit der neuen Version erhält auch Ubuntu angesagte Features wie 3D-Effekte auf dem Desktop und Virtualisierung mittels Xen – auch wenn dafür noch etwas Handarbeit nötig ist.

Der Ubuntu-Desktop: standardmäßig ohne 3D-Effekte

Wie am Schnürchen ist sie gelaufen, die Entwicklung von Edgy – die Entwickler haben den Zeitplan exakt eingehalten. Da der Vorgänger Ubuntu 6.06 (Dapper Drake) mit sechs Wochen Verspätung erst Anfang Juni erschienen war, heißt das aber auch, dass von den urspünglich geplanten sechs Monaten Entwicklungszeit für Edgy Eft nur vier geblieben sind. Von der "Vielzahl neuer Features", die Ubuntu-Begründer Mark Shuttleworth im Interview mit heise open für Edgy Eft angekündigt hatte, ist daher so viel gar nicht zu sehen: Die Standard-Installation präsentiert sich auf den ersten Blick vor allem als solides Update des Vorgängers.

A propos Update: Wer Dapper Drake installiert hat und nicht allzu viel daran gefummelt hat, kann übers Netz auf die neue Version 6.10 upgraden. Bei uns im Test hat das ohne ernsthafte Probleme funktioniert. Dazu ersetzt man in etc/apt/sources.list die "dapper"-Quellen durch ihre "edgy"-Pendants und ruft nach einem

apt-get update

den Befehl

aptitude dist-upgrade

auf – am besten zwei Mal, um mögliche Abhängigkeitskonflikte sicher zu lösen.

Ubuntu 6.10 ist erhältlich als Desktop-CD, Server-CD und "Alternate Install CD" für die x86-, Power- und x64-Plattform. Die Server-Version existiert zusätzlich in einer Variante für SPARC-Maschinen. Die Desktop-CD startet ein voll funktionstüchtiges Live-System, in dem man sich einen Eindruck von Ubuntu verschaffen kann. Aus dem Live-System heraus erfolgt die Platteninstallation mit wenigen Mausklicks; falls nötig, wird eine vorhandene Windows-Partition verkleinert, um Platz zu schaffen. Die "Alternate Install CD" startet einen Textmodus-Installer, der bei speziellen Bedürfnissen zusätzliche Installationsoptionen eröffnet.

Was ist neu in Ubuntu 6.10? Das Design ist ein bisschen aufpoliert; um Unterschiede zum Vorgänger zu entdecken, muss man allerdings schon sehr genau hinsehen. Der Standard-Desktop Gnome hat seine Versionsnummer von 2.14 auf 2.16 erhöht, da hat sich naturgemäß nicht viel getan. Die gegenüber der Vorversion leicht überarbeiteten Standardthemes sind bei Ubuntu traditionell in freundlichen Brauntönen gehalten, die Optik wirkt insgesamt stimmig. Anhänger des KDE-Desktops können auf Kubuntu zurückgreifen, das seit Ubuntu 6.06 ebenfalls über die Ubuntu-Seite zu kriegen ist.

Die Software ist natürlich auf den aktuellen Stand gebracht: Kernel 2.6.17, Xorg 7.1, Openoffice 2.0.4, Evolution 2.8.1, Gimp 2.2.13, der Instant Messenger Gaim 2.0, das Soft-Phone Ekiga 2.0.3, die Bilderverwaltung F-Spot 0.2.1. Als erste Linux-Distribution liefert Edgy Eft standardmäßig den neuen Firefox 2.0 mit. Das in die Softwareverwaltung Synaptic integrierte Tool update-manager zur Verwaltung der Paketquellen ist deutlich komfortabler in der Handhabung geworden.

Wie bei Ubuntu üblich beschränkt sich die Standard-Installation auf das Nötigste für ein benutzbares Desktopsystem – "ein Programm für jede Aufgabe" lautet das Motto. Entsprechend kann der Anwender bei der Installation keinen Einfluss auf die Softwareauswahl nehmen. Wer mehr oder andere Software benötigt, kann die allerdings via Synaptic problemlos aus dem Internet nachinstallieren.

Ubuntu hält dafür vier in Synaptic vorkonfigurierte Softwarearchive vor. Die Repositories Main (Open Source) und Restricted (proprietäre Treiber) werden mit garantierten Bugfixes und Sicherheitsupdates versorgt und enthalten nach Ansicht der Ubuntu-Macher "alles, was für einen vollständig funktionstüchtigen Desktop oder Internet-Server nötig ist". Universe (Open Source) und Multiverse (nicht-freie Software) erhöhen die Softareauswahl gewaltig auf rund 20.000 Programmpakete, kommen aber ohne Garantie auf Updates und schnelle Sicherheitsfixes.

Die Repository-Verwaltung ist bequemer geworden.

Drei wesentliche technische Neuerungen gibt es zu vermelden. Da ist erstens das neue Startup-System zur Systeminitialisierung. Das nachrichtenbasierte Upstart soll das traditionelle System-V-Init mit neuen Konzepten ersetzen und irgendwann auch Dienste wie cron ablösen. Upstart arbeitet ereignisgesteuert: Ein Skript in /etc/event.d zum Mounten eines Datenträgers könnte dann sowohl beim Systemstart zum Einbinden der Festplattenlaufwerke als auch beim Anschluss eines USB-Sticks laufen. Da Skripte über Events angeworfen werden, lassen sich Abhängigkeiten formulieren und Skripte parallelisieren (das Skript zum Aufsetzen des Netzwerks erzeugt bei Erfolg ein Event, das alle Skripte zum Starten der Netzwerkdienste antriggert). Edgy Eft bootet allerdings noch mit den klassischen Init-Skripten in /etc/init.d, auch wenn sich /sbin/init bereits als Teil von Upstart outet.

Erst halbherzig implementiert sind die derzeit angesagten 3D-Effekte für den Desktop. Zwar enthält der X-Server Xorg 7.1 bereits die AIGLX-Erweiterung, die einen 3D-Desktop auf einigen ATI- und Intel-Grafikchips ermöglicht. Den dafür nötigen Compositing Manager compiz muss der Anwender allerdings selbst aus dem Universe-Repository installieren und einrichten, wie auch die Anpassung von /etc/X11/xorg.conf noch etwas Handarbeit erfordert. Auch XGL, die von Novell betriebene X11-Erweiterung, die für den proprietären Nvidia-Treiber erforderlich ist, muss aus Universe nachinstalliert werden. Komfortable Tools zur Konfiguration der 3D-Effekte, die in Richtung Mac OS X gehen (weiche Schatten um die Fenster, transparente Fensterrahmen, sanft aufgleitende Fenster und so weiter), fehlen – hier muss der Anwender auf den rudimentären gconf-editor zurückgreifen.

Ebenfalls nur ansatzweise integriert ist die Virtualisierungslösung Xen, die dritte große Neuerung. Auch hier finden sich die Softwarepakete im Universe-Repository. Der xenisierte Kernel taugt sowohl für die privilegierte Dom0 als auch für unprivilegierte Gastsysteme. Komfortable Tools zum Anlegen von Gastsystemen fehlen allerdings; lediglich einige rudimentäre Skripte nehmen etwas Tipparbeit ab. Immerhin: Der entscheidende technische Schritt ist – wie bei den 3D-Effekten – getan; jetzt fehlt nur noch die Feinarbeit für eine bequeme Nutzung. Anleitungen zumindest findet man bereits reichlich im Netz.

Hier liegt überhaupt eine klare Stärke von Ubuntu: Um die Distribution hat sich eine hilfsbereite Community mit deutsch- und englischsprachigen Foren gebildet. Da sich die Distribution in den vergangenen zwei Jahren eine große Anhängerschaft erworben hat, findet man auch bei exotischen Problemen häufig eine fertige Lösung per Google.

In Details zeigen sich weitere Verbesserungen. So beherrscht Ubuntu jetzt via Network-Manager den WLAN-Verschlüsselungsstandard WPA. Der Standard-Installer des Desktop-CD installiert den Bootmanager Grub nicht mehr ohne Rückfrage im Master Boot Record der ersten Platte. Speziellere Anforderungen wie eine Installation auf Logical Volumes erfordern allerdings immer noch den Einsatz des Textmodus-Installers der "Alternate Install CD". Eine Firewall richtet Ubuntu nach wie vor nicht ein; allerdings laufen standardmäßig keine Netzwerkdienste nach außen. Auch beim Thema Multimedia-Formate hält sich Edgy wie sein Vorgänger vornehm zurück: Schon zum Abspielen einer MP3-Datei muss der Anwender Software aus einem Fremd-Repository einspielen. Aber auch dafür gibt es freilich reichlich Angebote im Netz.

Ubuntu 6.10 präsentiert sich als eine runde Sache. Mehrere Testinstallationen verliefen glatt, der RC1 befindet sich in der Redaktion seit einer Woche im Produktiveinsatz – bislang ohne ernsthafte Probleme. Ob beim Zugriff auf den Netzwerkdrucker, den Samba-Fileserver oder einfach beim täglichen Redakteurshandwerk aus Web, Mail und Schreiben: Wirkliche Macken sind uns nicht aufgefallen. (odi)


Anbieter: Canonical
Lizenz: Freie Software (Repositories Main und Universe), verschiedene proprietäre Lizenzen (Repositories Restricted und Multiverse)
Web: ubuntu.com
Download: releases.ubuntu.com (deutscher Mirror)

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