(Un)schuldbewusstsein

Tauschbörsianer kontra Filmindustrie

Wissen | Recht

Dank Morpheus, Gnutella & Co. blüht der Filmtausch im Internet: Filmfreaks sehen im Saugen von Filmen - wenn überhaupt - nur ein Kavaliersdelikt, während die Filmbranche aufs Gesetzbuch pocht. Wir stellen typische Vorurteile der Tauschbörsianer und die Gegen-argumente der Filmbranche gegenüber.

Schon vor gut einem Jahr warnte Johannes Klingsporn, Geschäftsführer des Verbands der Filmverleiher e.V. (VdF), vor der Gefahr, die durch den Filmtausch im Internet auch für die deutsche Filmbranche ausgeht [1]. Inzwischen kursieren auch unzählige deutschsprachige Kopien kurz nach dem Kinostart der Filme im Netz.

Klingsporn hoffte, die Filmindustrie könne aus den leidvollen Erfahrungen der Musikbranche lernen. Bislang ist davon aber wenig zu spüren. Vielmehr setzt die gesamte Medienbranche ihre Hoffnungen in die Umsetzung der EU-Richtlinie zur Harmonisierung des Urheberrechts, die noch im Laufe des Jahres das Umgehen von Kopiersperren unter Strafe stellen soll. Ob es damit gelingt, den Filmtausch im Netz effektiv zu unterbinden oder wenigstens größeres Unheil zu verhindern, bleibt abzuwarten. Um das Problem tatsächlich einzudämmen oder gänzlich aus der Welt zu schaffen, kommen Filmtauscher und Rechteinhaber kaum um einen Dialog herum. Bodo Schwartz, Vorstandsvorsitzender der Gesellschaft zur Verfolgung von Urheberrechtsverletzungen e.V. (GVU), des Bundesverbandes Video (BVV) und ehemaliger Geschäftsführer der 20th Century Fox Home Entertainment Deutschland, erklärte sich bereit, zu den typischen Ansichten der Tauschbörsianer Stellung zu nehmen.

‘Harry Potter’ hat weltweit schon über 900 Millionen US-Dollar eingespielt, ‘Herr der Ringe’ immerhin über 660 Millionen. Viele Disney-Filme haben dank Merchandising-Verträgen und Product Placement schon vor dem Kinostart ihre Produktionskosten wieder hereingeholt. Die Filmbranche hat also keinen Grund, sich zu beklagen. Nur weil ich mir den Film auch aus dem Internet ziehe, gehen die Filmstudios doch nicht Pleite.

Bodo Schwartz, Vorstandsvorsitzender der GVU und des BVV, zum Thema Filme aus dem Netz: ‘DivX-Kopien führen die DVD ad absurdum.’

Schwartz: Es ist ein weit verbreiteter Irrtum, dass Filmstudios hochprofitable Unternehmen sind. Acht von zehn Filmen spielen ihre Produktionskosten nicht ein. Jeder Filmproduzent braucht daher Supererfolge, um die Verluste bei anderen Filmen auszugleichen. Filme zu produzieren ist ähnlich riskant wie ein Warentermingeschäft: Man investiert sehr viel Geld in ein Produkt, von dem man nicht genau weiß, ob es nach der Fertigstellung dem Publikumsgeschmack oder dem Zeitgeist entspricht. Über die gesamte Produktion ist Film eine Mischkalkulation.

Dass der kommerzielle Vertrieb von Raubkopien verboten ist, ist wohl (fast) jedem klar. Solange ich aber kein Geld nehme, sondern über Gnutella & Co. nur Inhalte zur Verfügung stelle, ‘handele’ ich doch nicht mit den Moviez. Warum soll das dann illegal sein?

Schwartz: Die Verbreitung urheberrechtsgeschützer Werke ohne die Genehmigung des Rechteinhabers ist illegal. Unabhängig von der Rechtsfrage sieht man ja auch, welcher Schaden der Musikindustrie durch diese Tauschbörsen entstanden ist. Die Tatsache, dass die moderne Technik dies ermöglicht und die Verfolgung solcher Urheberrechtsverletzungen erschwert, macht es längst nicht legal. Wenn ich mit meiner Frau ins Kino gehe, löse ich ja auch zwei Eintrittskarten und versuche nicht, sie unter einem weiten Mantel durch den Eingang zu schmuggeln.

Die Eintrittspreise fürs Kino sind viel zu hoch. Mehrere Kinobesuche im Monat kann sich bei sieben bis zehn Euro pro Film ja niemand leisten. Nur Filme, die etwas taugen, schaue ich mir auch im Kino an oder kaufe sie mir als DVD. Es ist wie bei MP3s: Wenn mir die Musik gefällt, kaufe ich die CD - wenn nicht, lösche ich sie von der Platte.

Schwartz: Die Ansprüche des Publikums an Filme sind so gestiegen, dass parallel auch die Produktionskosten immens wachsen mussten. In den letzten Jahren haben sie sich circa verzehnfacht. Früher reichte es, wenn John Wayne durch die Prärie ritt und seine Platzpatronen verschoss. Damit ist der Zuschauer heutzutage nicht mehr zufrieden. Unabhängig davon unterliegt auch die Filmindustrie den in anderen Branchen üblichen wirtschaftlichen Zwängen von Kosten und Lohnsteigerungen. Ein Bier in Ihrer Stammkneipe kostet ja auch nicht mehr 50 Cent wie vor 20 Jahren.

Der Vergleich mit Musik hinkt: Filme unterliegen nämlich einem anderen Konsumverhalten. Musik kann man in allen möglichen Lebenssituationen konsumieren. Einen Film schaut man sich nur wenige Male konzentriert auf der Leinwand oder am Bildschirm an. Bei manchen Filmen entsteht ein Wiederholungsbedürfnis, bei anderen nicht. Es gibt aber auch ohne DivX-Kopien vorab genügend Möglichkeiten, um sich über einen neuen Film zu informieren - etwa Filmtrailer im Internet, Fernsehen und Kino.

DVD-Videos sind auch viel zu teuer: 20 bis 30 Euro sind Wahnsinn, auch wenn es ein paar Extras und ein ‘Making of’ gibt. Bei attraktiverem Preis würden längst nicht so viele Filmfreaks Videos aus dem Netz saugen und die Filmstudios auch mehr verdienen!

Schwartz: Die technischen Ansprüche des Verbrauchers an eine DVD sind extrem hoch. Außerdem wollte er alles verfügbare Bonusmaterial haben. Es gab schon DVDs mit Vorkosten von über 100 000 Euro. Solche Kosten sind in keiner Weise mit den Vorkosten eines VHS-Videos vergleichbar. Da die Stückzahlen auch wesentlich geringer sind, schlägt sich dies zwangsläufig im Verkaufspreis nieder. Es gibt Diskussionen, ob dieser Aufwand überhaupt vom Filmfan gewünscht und auf Dauer bezahlt wird. Bei etwa ‘Independence Day’ oder ‘Braveheart’ gab es etwa anfangs Doppel-DVDs zu relativ hohem Preis, später wurden sie ohne Bonusmaterial günstiger veröffentlicht. Vielleicht ist das ja der Weg, um die unterschiedlichen Verbraucherwünsche zu befriedigen.

Ich könnte ja auch in die Videothek gehen und mir die DVD ausleihen. Dann darf ich mir doch ohnehin eine Kopie für den Privatgebrauch ziehen - stattdessen kann ich mir den Film anschließend auch von der Tauschbörse besorgen. Natürlich darf man die Moviez auch ungestraft im Freundeskreis weitergeben.

Schwartz: Der Gesetzgeber definiert den Privatbereich zwar nicht sehr genau, aber Rechtsexperten grenzen diesen Bereich auf Schwester, Bruder oder Eltern ein. Wenn ich einen Film legal erworben habe, darf ich ihn - das Original versteht sich - verkaufen. Die Kopie von einem Leihfilm aus der Videothek ist jedoch illegal. Die Urheberrechtvermerke auf den Hüllen oder im Vorspann des Films sagen dies eindeutig.

Außerdem: Da gibt sich die Filmindustrie enorme Mühe, die bestmögliche Qualität auf dieses wunderbare Medium zu bringen und dann macht man mit großem Zeitaufwand eine ‘Privatkopie’, die mal gerade VHS-Qualität erreicht und auf zwei bis drei CDs gespeichert werden muss. Was soll denn das? Damit wird doch die DVD ad absurdum geführt.

Internet-Moviez sind oft die einzige Möglichkeit, ungeschnittene Originalversionen zu bekommen. Außerdem hindern die Filmbosse uns Filmfans ja daran, auf einfachem Wege an US-Importe zu kommen, geschweige denn solche DVDs abzuspielen. Außerdem halten die Studios häufig potenzielle Kassenschlager monatelang zurück (etwa ‘Star Wars - Episode One’). Da ist es doch nicht verwunderlich, dass die Fans sich den Film aus dem Internet saugen. Bei DVDs ist das noch extremer: Mitunter dauert es noch Monate nach der US-Veröffentlichung, bis die Filme auch in Europa auf den Markt kommen.

Schwartz: Das war in der Vergangenheit und in den Anfangstagen der DVD sicherlich so. Inzwischen sind die Veröffentlichungsfenster deutlich geringer. Die Filme erscheinen in Deutschland ja auch im Kino später, denn sie müssen noch ordentlich synchronisiert werden. Fast alle Filme gibt es inzwischen auch in ungeschnittenen Fassungen. Diese dürfen aber häufig aufgrund unserer Jugendschutzgesetze nicht öffentlich angeboten werden. Wenn jemand unbedingt die Originalfassung sehen möchte, ist er besser beraten, auf die deutsche DVD zu warten. Sie enthält meistens sowieso auch die englische Tonspur.

Es gibt Fernsehserien, die schon das x-te Mal wiederholt werden. Wenn ich etwa alte ‘Star Trek’-Folgen herunterlade, weil ich nun mal ein Trekkie bin, ist das legal, weil ich sie ja auch selbst aus dem Fernsehen capturen könnte ... solche Sendungen sollten nach der dritten Ausstrahlung ‘Public Domain’ werden.

Andere Serien laufen bisher noch nicht im deutschen Fernsehen. Wann die neue ‘Enterprise’-Serie nach Deutschland kommt, steht in den Sternen. Was spricht also dagegen, die Folgen aus dem Netz zu laden und schon jetzt zu schauen?

Schwartz: Es hindert Sie ja keiner daran, Serien aus dem Fernsehen aufzunehmen. Nur verkaufen oder weitergeben dürfen Sie diese nicht. Der Erfolg einiger TV-Serien - wie beispielsweise Akte X - zeigt, dass der wahre Fan auch solche Serien in zwei Sprachfassungen und in einer schmucken Box kaufen will. Die unterschiedlichen Erscheinungsdaten liegen nun mal daran, dass auch die Serien synchronisiert werden müssen. Man kann sie ja nicht in den USA zurückhalten, bis die deutsche Fassung endlich fertig ist.

Die Filmproduzenten sollten (ebenso wie die Musiklabel) das Internet als Chance sehen. Warum stellen sie die Originalversionen nicht einfach nach ein paar Wochen zu vernünftigen Preisen als Streaming-Angebot ins Netz? Stattdessen sorgt die MPA für die Schließung der einzig interessanten Internet-Videothek Movie88.com.

Schwartz: Zunächst einmal: Movie88 war illegal. Es gibt - auch hierzulande - bereits Überlegungen in Richtung Video-on-Demand. Momentan sind diese Systeme aber noch nicht sicher. Außerdem fehlen einige andere technische Voraussetzungen für eine Massenverbreitung. Filme haben ein ungleich höheres Datenvolumen als Musik. (vza)

[1] Dr. Volker Zota, Moviez zum Nulltarif, Raubkopierte Filme im Internet - die Filmindustrie hat ein Problem, c't 3/01, S. 90

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