Und ewig grüßt die Werbebotschaft

@ctmagazin | Editorial

Google liest seit Jahren unsere Mails, jeder hat sich schon mal eine Rabattkarte aufschwatzen lassen und alle bestellen im Internet. Daten über unser Konsumverhalten, unsere Vorlieben und Verträge werden gesammelt und gehandelt, verknüpft und ausgewertet.

Und ewig grüßt die Werbebotschaft

Google liest seit Jahren unsere Mails, jeder hat sich schon mal eine Rabattkarte aufschwatzen lassen und alle bestellen im Internet. Daten über unser Konsumverhalten, unsere Vorlieben und Verträge werden gesammelt und gehandelt, verknüpft und ausgewertet. Und die Gesetze, die unsere persönlichen Daten schützen sollen, werden lasch gehandhabt und oft verletzt.

Aber sehen wir es doch mal positiv: Da macht sich jemand die Mühe, unsere geheimsten Wünsche herauszufinden. Das Angebot an Waren und Dienstleistungen ist kaum noch zu überblicken - prima, wenn da jemand vorsortiert und mir genau das anbietet, was wirklich meinen Bedürfnissen entspricht! Informationen aus unterschiedlichen Quellen - das kennen wir aus dem Fernsehkrimi - lassen sich mit gewieften Methoden zu einem differenzierten Persönlichkeitsprofil zusammenbasteln. Ist doch spannend, was ausgefuchste Werber mit unseren Daten anstellen!

Doch irgendwas läuft da nicht rund: Zur Buchmesse neulich in Frankfurt gab es kaum noch freie Zimmer. So geriet ich an eines, das offenbar in den frühen Fünfzigern möbliert, anschließend häufig bewohnt, aber nie renoviert wurde. Die halbe Nacht verbrachte ich damit, nicht von der abschüssigen Matratze zu rutschen. In diesem Hotel möchte ich nie wieder übernachten, das weiß ich sicher. Mein Browser weiß es leider nicht: Täglich blinkt nun auf meinem Bildschirm Werbung für eben dieses Haus.

Vor ein paar Wochen bestellte ich ein Sommerkleid im Internet. Es war ein schwacher Moment, ich hatte Sehnsucht nach langen, warmen Abenden und ... klick, war es passiert. Das Kleid stand mir nicht, ich habe es längst zurückgeschickt. Aber mein Browser zeigt mir seitdem hartnäckig immer neue Variationen von genau diesem Modell.

Im Postfach herrscht derselbe Wiederholungszwang: Mein Nachbar beispielsweise ist seit ein paar Monaten Kabel-Deutschland-Kunde. Eigentlich ist er sehr zufrieden, wären da nicht seither die ständigen Mails, mit denen der Provider ihn als Neukunden gewinnen möchte. Aus dem T-Mobile-Vertrag eines anderen Bekannten geht eindeutig hervor, dass er ein iPhone besitzt. Dennoch will die Telekom ihm regelmäßig per Mail den Kauf eines iPhones schmackhaft machen.

Liebe Werbestrategen! Ich bin enttäuscht. Es ist November. Erste Nachfröste, Winterzeit. Da träumt man von flauschigen Fleecejacken, Rotwein, Mini-Breaks in Wellnesshotels. Aber doch nicht von ungemütlichen Hotelzimmern und schlecht sitzenden Sommerfähnchen. Muss ich denn erst zigmal auf die Dinge klicken, die mich interessieren, bevor ich sie - dann allerdings penetrant - als personalisierte Werbung gezeigt bekomme? Sollte ich Mails an mich selbst versenden, in denen "Fleecejacke, Fleecejacke, Wellnesshotel, Wellnesshotel" steht? Wieso bietet Ihr uns Verträge an, die wir bereits abgeschlossen haben und Geräte, die wir längst besitzen? Ist das alles, was die schlauen Algorithmen aus all den persönlichen Daten herausbekommen? Den Profilern im Fernsehkrimi zuzuschauen, finde ich spannender. (dwi)

Kommentare

Anzeige
Anzeige