Unter einem Dach

56K-Standard etabliert sich

Test & Kaufberatung | Kurztest

Das Aufatmen war fast schon vernehmlich, als sich die Modem-Industrie - insbesondere Rockwell und 3Com mit ihren konkurrierenden Verfahren - Anfang des Jahres endlich auf einen Standard geeinigt hatte, der Übertragungen von bis zu 56 Kilobit pro Sekunde ermöglicht. Die ersten Früchte der Bemühungen reifen mittlerweile.

Ob Creatix, Elsa, Intertex, Xircom oder 3Com, um nur einige zu nennen, alle zogen sie an einem Strang und verschrieben sich dem neuen Standard, kaum daß er Anfang Februar verabschiedet war. Anfangs von der Standardisierungsgruppe der ITU (International Telecommunication Union) noch V.pcm geheißen, genießt V.90 schon als Entwurf praktisch bindenden Status - kein Hersteller leistet sich einen Sonderweg. Damit sind die Tage der konkurrierenden Firmenverfahren K56flex, an dem neben Rockwell Motorola und Lucent maßgeblich beteiligt waren, und X2, das US Robotics entwickelte, praktisch gezählt. V.90-Modems handeln unabhängig vom Hersteller der angerufenen V.90-Gegenstelle Verbindungen im 56K-Modus aus. Sofern die Leitungsqualität genügt, lassen sich dann herstellerunabhängig Daten von einem 56K-Host mit bis zu 56 000 Bit/s laden. Geblieben sind die 56K-Voraussetzungen: Ein 56K-Modem, auch Client genannt, kann Daten mit bis zu 56 000 Bit/s nur von sogenannten 56K-Hosts empfangen. Untereinander bauen 56K-Clients nur V.34-Verbindungen mit maximal 33,6 kBit/s auf (siehe c't 1/97, S. 88). Die 56K-Technik eignet sich daher speziell für Internet-Anbieter, stellenweise dienen aber auch Mailboxen damit.

Bislang gab es entsprechend den Übertragungsverfahren K56flex und X2 zwei verschiedene Host-Varianten. Entsprechend mußten Internet-Anbieter und 56K-Modem zueinander passen. Künftig wird die Firmware der Hosts (gewöhnlich Einschubschränke mit mehreren Einwahlknoten) zwei Codes enthalten. Neben V.90 werden 3Com-Router X2 enthalten, und Rockwell-basierte Router neben V.90 auch K56flex. 3Com, schon in der Vergangenheit nicht um schnelle Umsetzung von ITU-Empfehlungen verlegen, fertigte bereits Ende Februar V.90-Modems für das USA-Telefonnetz. Das erste Modell für den deutschen Markt, Sportster MessagePlus, gibt es seit der CeBIT. Ältere MessagePlus-Modems mit X2-Verfahren kann man auf V.90 aufrüsten. Andere, wie zum Beispiel Elsa oder Intertex bieten nun auch V.90-Modems.

Wie schon zu Anfang der 56K-Geschichte von den Herstellern versprochen, wird man ältere 56K-Modems auf den aktuellen Stand bringen können. Die noch älteren V.34-Geräte könnten in der Regel nur per Platinentausch umgerüstet werden, was aber meist zu teuer ist. Eine Ausnahme ist Dr. Neuhaus. Registrierte Kunden, die ein Smarty 28.8 oder Cybermod 33.6 gekauft haben, sollen angeschrieben werden und gegen Aufpreis auf V.90 aufrüsten können. Die Kosten will Dr. Neuhaus noch kalkulieren.

Eine weitere Ausnahme betrifft die Besitzer des Sportster Voice 33.6, die ihr Gerät bereits auf X2 aufgerüstet haben. Da bei diesem Modem die Firmware noch in einem EEPROM steckt, läßt es sich nicht per Download aufrüsten. `Schon die Umrüstung des Sportster Voice 33.6 auf das X2-Verfahren hat Anfangs 49 Mark gekostet, und wer sich später dazu entschloß, mußte sogar 99 Mark zahlen´, so Oliver Schwartz, Pressevertreter bei 3Com. Daher tauscht 3Com ein X2-fähiges Sportster Voice 33.6 gegen ein Sportster Flash um. Noch ein EEPROM-Tausch sei dem Kunden nicht zumutbar, so Schwartz weiter. Rund 4000 Kunden könnten von der Aktion profitieren. Die Kontaktadresse zum Einschicken des alten Geräts will 3Com demnächst bekanntgeben (telefonisch unter 0 18 05/5 67 15 30 oder auf dem Web-Server). 56K-Geräte, die ihre Firmware im sogenannten Flash-ROM enthalten (ein wiederbeschreibbarer, nichtflüchtiger Speicher), kann dagegen schon der Anwender aufrüsten - eine zu jedem Modell passende Firmware-Datei wird einfach in das Modem geladen; das Gehäuse muß nicht geöffnet werden.

Manche Unternehmen haben die V.90-Upgrades für die älteren 56K-Modems fertig und bieten sie auf ihren Web-Servern an (Elsa , Intertex, 1&1). 3Com/US Robotics entwickelt teilweise noch den Code für einige Modelle. Die bereits verfügbaren kann man vom 3Com-Web-Server laden, weitere sind für Anfang bis Mitte Mai angekündigt. Dann soll auch der V.90-Code für den ISDN-Adapter Courier I-Modem fertig sein - ein Gerät, das sich auch als 56K-Host verwenden läßt und daher zum Beispiel auch bei Mailboxbetreibern zu finden ist. V.90-Hosts auf Rockwell-Basis (z. B. Dial-In Router von Ascend) gibt es nur als Einschubschränke, die entsprechend teurer sind.

Für Mac-User gibt es übrigens auf dem US-Server von 3Com (http://www.usr.com/home/online/files_f.htm) das Archiv usrara.hqx, ein Modemskript, das 3Coms V.90-Modems unterstützen soll.

In Probeläufen lieferte das Sportster MessagePlus unter optimalen Bedingungen mit einem speziellen Testzugang der 3Com-Mailbox Connectraten zwi- schen 45,33 und 49,33 kBit/s. Die gemessenen Durchsatzraten reichten beim V.90-Download von 3,6 kByte/s und 4,4 kByte/s bei vorkomprimierten Daten bis hin zu 11 kByte/s bei komprimierbaren Daten. Das Elsa Microlink 56k erreichte mit Elsas LocalWeb-Server rund 5,1 kByte/s bis 11 kByte/s.

Die Gegenproben, V.90-Connects zu speziellen Testzugängen von 3Com- und Elsa, klappten bereits ansatzweise, bis zur Marktreife gilt es allerdings noch zu feilen. Da aber alle 56K-Hosts wie auch die Clients über Flash-ROMs verfügen, sollten Updates keine Probleme bereiten. Auf seiten der V.90-Hosts sieht es noch dünn aus. Elsa und 3Com sind natürlich als Hersteller vorn. Aber der Online-Service AOL will zunächst alle 220 Einwahlknoten auf X2 umstellen und V.90 erst im Herbst anbieten. Somit steht auch T-Online unter Zugzwang, denn bislang bietet der deutsche Online-Dienst lediglich V.34-Einwahlknoten. IBM hat angekündigt, von den weltweit rund 1400 Einwahlknoten 400 auf V.90 umzustellen - die befinden sich in den USA. Andere Provider sind bislang über Planungen nicht hinausgekommen.

Die Quintessenz: Noch braucht sich keiner zu beeilen, K56flex- oder X2-Modems auf V.90 aufzurüsten, zumal viele Rockwell-basierte Clients wegen knappem ROM-Speicher nur für eine 56K-Variante - K56flex oder V.90 - Platz haben. Mit K56flex-Hosts kann aber ein Rockwell-V.90-Modem nur im V.34-Modus connecten (max. 33,6 kBit/s). Eine positive Ausnahme ist das Elsa Microlink 56k, dessen ROM-Kapazität von Haus aus 2 MBit beträgt, während die unveränderten Rockwell-Chipsätze nur 1 MBit aufweisen. (dz)

Anzeige
Anzeige