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Verdächtig billige Lizenzen für Windows und MS Office bei Edeka

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Windows-Aktivierungsschlüssel ab 18 Euro – kann das legal sein? Immerhin steht hinter dem Angebot eine bekannte Supermarktkette. Wir sind der Sache nachgegangen.

Zwischen Telefonkarten und iTunes-Gutscheinen bieten viele Edeka-Supermärkte seit einiger Zeit auch Karten zum Download von Microsoft-Produkten an. Außer Windows 7 und 10 gibt es auch MS Office 2016 oder 2019, neben der Ausführung „Home & Student“ sogar in der Version „Standard“, die man als Einzelanwender sonst gar nicht kaufen kann.

Bei Edeka rangieren Windows und MS-Office genau wie Netflix und Xbox unter „Unterhaltung“.
Bei Edeka rangieren Windows und MS-Office genau wie Netflix und Xbox unter „Unterhaltung“.

Der Handel geht wie folgt vonstatten: Im Supermarkt kauft man eine sogenannte Lizengo-Card für das gewünschte Produkt und erhält beim Bezahlen einen zusätzlichen Kassenbon mit einer zwölfstelligen PIN. Gibt man diese auf der Webseite des Anbieters Lizengo ein, geschieht zweierlei: Erstens startet der Download des Softwarepakets direkt vom Microsoft-Server, und zweitens zeigt die Webseite einen Microsoft-Aktivierungsschlüssel, den sie auf Wunsch außerdem per E-Mail zustellt.

Wir haben Lizengo-Cards für Windows 10 und für Office 2019 Standard gekauft und konnten auf einem jungfräulichen Rechner beides installieren und aktivieren. Dabei hat uns die Office-Suite allerdings erst einmal irritiert: Das Produkt sei nicht lizenziert, wir mögen eine Verbindung zu unserem Unternehmensnetzwerk herstellen. „Welches Unternehmensnetzwerk?“ dürfte sich ein Privatkäufer fragen, doch wenn er dann „Product Key ändern“ anklickt, kann er seinen Aktivierungsschlüssel eingeben und das Office tatsächlich aktivieren.

Im Vergleich zu den Preisen, die Microsoft [1] regulär für seine Lizenzen verlangt, sind die Angebote von Edeka auffallend billig. Dazu kommt, dass es einige der offerierten Pakete beim Hersteller gar nicht mehr zu kaufen gibt oder nur für Inhaber einer Volumenlizenz, die dem Käufer eine Mindestabnahme an Lizenzen aufzwingt und Microsoft das Recht einräumt, den Lizenzeinsatz vor Ort zu auditieren.

Der Kölner Anbieter Lizengo erklärte gegenüber c’t, die verkauften Aktivierungsschlüssel gehörten allesamt zu neuen, unbenutzten Lizenzen aus den Überbeständen von Microsoft-Kunden. Lizengo kaufe diese in großen Stückzahlen ein und garantiere die einwandfreie Funktion. Sollte ein Schlüssel einmal nicht funktionieren, liefere man dem Kunden einen neuen.

Office-Lizenzen im Vergleich
Office-Lizenzen im Vergleich

Unsere Anfragen bei Microsoft Deutschland ergaben binnen vier Wochen keinen Aufschluss, ob der Hersteller die Angebote von Lizengo als korrekt oder fragwürdig einstuft. Wir erhielten lediglich allgemeine Erklärungen, ein funktionierender Aktivierungsschlüssel sei kein Indiz für eine einwandfreie Lizenz; vielmehr sei er mit einem Wohnungsschlüssel zu vergleichen, dessen Besitz ja auch keinen Mietvertrag ersetzen könne.

Außerdem verwies uns Microsoft auf einschlägige Urteile des Europäischen Gerichtshofs und des Bundesgerichtshofs, denen zufolge es den Vertrieb durch Lizengo offenbar nicht als illegal einstuft.

Microsoft hält sich die Option offen, verwendete Aktivierungsschlüssel etwa auch anlässlich eines Updates zu blockieren, wenn sich Hinweise auf deren Missbrauch ergeben. Das könnte geschehen, wenn ein Schlüssel an mehrere Kunden ausgeliefert wird und dem Softwarehaus nach einer gewissen Zeit durch zu viele Aktivierungen auffällt.

Microsoft schützt seine Einnahmen mit der aufwendigen Software-Aktivierung vor Verlusten durch illegal verwendete Aktivierungsschlüssel. Andererseits gewährt es Anwendern, die aus anderen Quellen legal einen Schlüssel erwerben, keinerlei Aufschluss, ob damit eine korrekte Lizenz zustande kommt. Ob sich ein Kunde im Konfliktfall – womöglich nach Ablauf der Gewährleistungsfrist von zwei Jahren – dann noch auf das Versprechen eines neuen Schlüssels berufen kann, bleibt offen.

Nach unserem Informationsstand ist der beschriebene Lizenzverkauf über Edeka als legal anzusehen. Wer eine Lizengo-Card bei Edeka erwirbt, sollte aber den Kassenbon dazu sorgfältig aufbewahren, denn nur dieser belegt den Kaufvertrag mit dem Supermarkt und gibt dem Kunden eine Handhabe, bei Lizenzproblemen innerhalb der Gewährleistungsfrist sein Geld zurückzufordern. (hps [2])


Dieser Beitrag stammt aus c't 17/2019


URL dieses Artikels:
http://www.heise.de/-4483497

Links in diesem Artikel:
[1] https://www.heise.de/thema/Microsoft
[2] mailto:hps@ct.de