Verdichtung und Wahrheit

SoftRAM für Windows 95

Wissen | Hintergrund

Auf dem Mac ist sowas ein alter Hut. Doch nun macht mit SoftRAM auch ein Speicherkomprimierer für Windows Furore. Unter Windows 3.1 will er zusätzlich noch den Platz im kritischen DOS-Speicher und in den berüchtigten "Systemressourcen" vergrößern.

RAM-Kompressoren für Windows gibt es in den Vereinigten Staaten schon länger (zum Beispiel RAM Doubler, Hurricane Helix, MagnaRam, MemPlus). Erst SoftRAM hat es jedoch mit abenteuerlichen Versprechungen und dem richtigen Timing geschafft, die Verkaufshitlisten zu stürmen und breite Beachtung in den Medien zu finden: aus 4 MByte werden 8 MByte, aus 8 werden 16, ... Auch die Produktivität solle sich verdoppeln, steht auf dem Karton.

Es klingt wie Zauberei. Es ist aber entweder ein Meisterwerk der Programmierung, Augenwäscherei oder gar Scharlatanerie: Während Windows (im erweiterten Modus oder unter Windows 95) den verfügbaren Speicher nur dadurch vergrößern kann, daß es im Moment nicht benötigte Code- und Datenschnipsel in 4-KByte-Scheibchen auf die Festplatte auslagert, will SoftRAM den Speicher im Speicher komprimieren.

Im Gegensatz zum Original verfährt Dynapage (wiederum laut Handbuch) aber zweistufig: der Treiber reserviert für sich einen Teil des vorhandenen RAMs. Das nennt sich dann "SoftRAM". Anstatt nun "überzählige" Speicherseiten sofort auf die langsame Platte zu verbannen, komprimiert er sie und lagert die Seite in seinem SoftRAM zwischen. Erst wenn auch dieses erschöpft ist, schreibt auch er auf die Platte. Der Optimierung der Aufteilung zwischen komprimierten und auf Platte ausgelagerten Speicherseiten dient das Modul "RAM analyst". Es soll dabei helfen, herauszufinden, welche Seiten sich besonders gut komprimieren lassen. All dies will Syncronys in einem 22 KByte kleinen Treiber realisiert haben. Nun gut: soweit die Theorie.

Die Praxis fängt mit einer reibungslosen Installation an: eine Diskette einlegen, Setup starten, abwarten, bis knapp 400 KByte Programme plus Hilfedatei auf die Platte kopiert sind. SoftRAM meldet anschließend, wieviel RAM vorhanden ist, wieviel es davon für sich reserviert hat und fordert zum Neustart auf, damit es in Aktion treten kann. Nach diesem Neustart soll nun alles viel schneller gehen (wenig Speicher vorausgesetzt), da Windows (95) ja nun nicht mehr so oft Daten und Code auf die Platte auslagern muß.

Tatsache ist, daß ich beim besten Willen keinen Unterschied feststellen kann. Zum Test habe ich zwei jeweils 1 MByte große Dokumente in Word und gut 20 Bilder verschiedener Größen in PaintShop Pro geladen. Dann war der Speicher voll. Anschließend SoftRAM ausgeschaltet, neu gestartet, obige Prozedur wiederholt - mit exakt dem gleichen Resultat. Das Programm MemBench, mit dem ich vor Jahren schon die Performance des Speichermanagements im erweiterten Modus untersucht habe, bestätigt, daß mit und ohne SoftRAM auf ein paar KByte genau gleichviel Speicher vorhanden ist.

Das gleiche gilt unter Windows 3.1 für die Systemressourcen und den DOS-Speicher: mit und ohne SoftRAM identische Werte. Auch unser Word-Makro läuft mit SoftRAM keinen Deut schneller, die SYSmark laut BapCO unterscheiden sich nur hinter dem Komma. Diese Erfahrungen decken sich mit dem Nachrichtenverkehr in internationalen Diskussions-Foren. Zwar können einige wenige unter Windows 3.1 zumindest von einem größeren linearen Adreßraum berichten. Es scheint sich jedoch keiner zu finden, der auch unter Windows 95 einen nennenswerten Effekt bemerkt hat. Statt dessen berichten andere von Inkompatibilitäten. Außerdem spricht sich langsam herum, daß diverse Händler in den USA SoftRAM ohne jeden Widerstand zurücknehmen. Wir haben unser Paket übrigens für 32,95 US-$ bei Fry's Electronics in Campbell, Kalifornien, gekauft. Die deutschen Anbieter sind sich dagegen einig, SoftRAM sei 169 DM wert. Ich würde dafür HardRAM kaufen. (it)

Folge-Artikel: Placebo forte! Was wirklich hinter SoftRAM steckt

[#anfang Seitenanfang]


Hannover, 30. 10. 1995.

c't hatte bereits der Ausgabe 11/95 berichtet, daß bei Tests unter Windows 95 keinerlei Wirkung von SoftRAM 95 festzustellen war. Anwender und Tester anderer Magazine wollten aber immerhin eine Verbesserung unter Windows 3.1 bemerkt haben, das auf den meisten PCs noch im Einsatz ist: Angeblich können mit SoftRAM 95 mehr Programme gleichzeitig benutzt und beispielsweise in einem Tabellenkalkulationsprogramm größere Datenmengen bearbeitet werden. Doch auch diese positive Wirkung täuscht das Programm nur vor. Wenn mit SoftRAM mehr Daten in eine Excel-Tabelle passen als ohne, dann hat das Programm einfach Platz auf der Festplatte gestohlen, indem es mehr virtuellen Speicher benutzt, als es anzeigt und vom Anwender eingestellt worden ist. Diesen Trick kann jeder entlarven, indem er sich in dieser Situation die Größe der Auslagerungsdatei WIN386.SWP auf der Festplatte ansieht. Außerdem zeigt SoftRAM die Windows-Ressourcen falsch an. Im Control Panel liest man zum Beispiel: vorher 79%, jetzt 83%. Hier lügt SoftRAM, tatsächlich waren es vorher auch schon 83%.

Der deutsche Generaldistributor des Produkts, Fa. Softline GmbH aus Oberkirch, hatte wegen des Testberichts in c't 11/95 eine Einstweilige Verfügung beantragt. In der Eilverhandlung vor der Pressekammer des Landgerichts Hamburg am 27. Oktober behauptete der Firmensprecher unter anderem, es sei unzulässig, von einer Speicherverdopplung eine bessere PC-Performance unter Windows zu erwarten und Tests mit diesem Schwerpunkt anzustellen. Es sei vielmehr mit einer Verlangsamung durch SoftRAM zu rechnen, weil der PC ja ein zusätzliches Programm ausführen müsse. Dem Gericht erschien das plausibel. Es verfügte, daß c't die Überschrift "Placebo-Software?" im Zusammenhang mit den abgedruckten Performance-Testergebnissen nicht wiederholen dürfe.

Eine nach Erscheinen des Testberichts eingekaufte, angeblich fehlerkorrigierte Version des sogenannten Speicherverdopplers hat in der c't-Redaktion mittlerweile eine Vielzahl weiterer Tests absolviert. Dabei zeigte das Programm, wie schon sein Vorläufer, keine einzige Fähigkeit, die nicht zum Standard von Windows gehört und nicht vom Anwender selbst - ohne ein zusätzliches Programm - nach Anweisungen des Handbuchs genutzt werden könnte. Dennoch blieben die Vertreiber auch vor Gericht bei ihrer Darstellung, SoftRAM 95 funktioniere wie versprochen. Ausnahmen sind angeblich auf Inkompatibilität einzelner Programme oder Rechner zurückzuführen. Lediglich die Windows-95-Variante sei noch nicht fehlerfrei.

Es ist natürlich schwierig, die vollständige Unwirksamkeit eines Programms durch übliche Testverfahren wirksam nachzuweisen. Vor dieser Problematik dürften auch irregeführte Kunden stehen, wenn sie SoftRAM 95 zurückgeben wollen. c't hat die Software deshalb disassembliert und den Quelltext untersucht. Die Ergebnisse bestätigen unwiderlegbar den Verdacht, daß es sich bei SoftRAM 95 um einen Bluff handelt und die Käufer irregeführt worden sind. Wir werden in unserer nächsten Ausgabe ausführlich darüber berichten. Es dürfte danach klar sein, daß alle verkauften Exemplare gegen Erstattung des Kaufpreises zurückgenommen werden müssen.

SoftRAM 95 gilt als eines der meistverkauften Computerprogramme aller Zeiten. Das Produkt steht seit Wochen auf Platz neun der ewigen Software-Bestellerliste in den USA. Der Geschäftsführer der Herstellerfirma Synchronys in Culver City, Kalifornien, ist sogar noch am 19. Oktober durch den Software Council of Southern California zum Unternehmer des Jahres gekürt worden, nachdem die Aktienkurse der Firma von 3,12 Cents im März auf 32 Dollar im Sommer hochgeschnellt waren. Unter dem Einfluß zunehmender öffentlicher Kritik sind sie jedoch im Oktober wieder auf weniger als 7 Dollar abgesackt. (cp)

[#anfang Seitenanfang]


Hannover, 17. November 1995.

Die Deutsche Presseagentur (dpa) meldet am Freitag von der US-Messe COMDEX in Las Vegas, daß der Präsident des amerikanischen SoftRAM-Hersteller Syncronys Softcorp, Rainer Poertner, die Rückzahlung des Kaufpreises auch in Deutschland versprochen habe. "Dafür steht die Firma Syncronys gerade, und wir werden auch die Kosten übernehmen", zitiert dpa. In den USA ist ohnehin eine "Money-back-Guarantee" bei Nichtgefallen üblich.

Poertner werfe c't "grobe handwerkliche Fehler" vor, berichtet dpa. Offensichtlich werde ihm als Deutscher nur sein Geschäftserfolg in den USA geneidet. Auf weitere rechtliche Auseinandersetzungen wolle Syncronys aber verzichten, da man vor einem Gericht keine technische Debatte führen könne.

Unterdessen berichtete die amerikanische "Computer Reseller News", daß die große Handelskette Egghead das Produkt aus ihren Regalen entfernt habe, bis Syncronys eine für Windows 95 geeignete Version liefern könne. Weiter heißt es unter Berufung auf ungenannte Quellen, die Börsenaufsichtsbehörde ermittle gegen Syncronys. (cp)

[#anfang Seitenanfang]


Die folgende Pressemitteilung der Firma Softline GmbH erreichte uns heute auf dem Umweg über die deutsche Presseagentur (dpa):

*** Zitat Anfang ***

Softline prüft derzeit die weitere Vorgehensweise in dieser Angelegenheit.

*** Zitat Ende ***

c't wertet die Erklärung als spätes Eingestaendnis, daß das Programm nicht wie versprochen funktioniert. Offenbar rechnet Softline jetzt - entgegen der bisherigen Darstellung - auch nicht mehr mit einem bald verfügbaren Update.

Christian Persson

[#anfang Seitenanfang]


SoftRAM95, das Software-Placebo zur angeblichen RAM-Verdopplung bei Windows-PCs, ist nicht mehr auf dem Markt. Microsoft stoppte den Vertrieb in den USA durch eine Abmahnung an den Hersteller Syncronys wegen unerlaubter Verwendung von Windows-Code. Auch der deutsche Distributor, Softline GmbH, hat den Verkauf eingestellt.

"Es gab Anschuldigungen, daß Syncronys Beta-Code von Microsoft kopiert hat. Ist das wahr?" fragt Microsoft USA sich selbst in einem am 30. November herausgegebenen "Frage & Antwort"-Papier. Antwort: "Das ist wahr. Syncronys hat ohne Erlaubnis Beta-Code von [...] DYNAPAGE.VXD [...] benutzt." Und weiter: "Microsoft sandte Syncronys eine Abmahnung ("cease and desist letter") mit der Forderung, die Auslieferung des kopierten Codes und die Benutzung des Windows-95-Logos einzustellen. Syncronys stimmte zu [...]."

Die Benutzung des Logos "Designed for Windows 95", das seit dem 24. August auf den SoftRAM-Paketen prangt, sei Syncronys nie gestattet worden, steht außerdem in dem Papier. Das von Microsoft autorisierte Testlabor VeriTest hatte noch im Oktober erklärt, SoftRAM habe die Prüfungen bestanden. Auch die Funktionalität sei getestet worden, und zwar mit dem Ergebnis "Arbeitet wie erwartet". Syncronys und Softline führten das VeriTest-Resultat gegen c't ins Feld.

Am Vortag war schon der zweite angebliche Gegenbeweis wie eine Seifenblase zerplatzt. Da ergriff das Testinstitut XXCAL, Los Angeles, aus einem Image-Desaster die Flucht nach vorn. Die Firma hatte Syncronys pünktlich zur Aktionärsversammlung am 29. Oktober bescheinigt: "SoftRAM95 verdoppelt effektiv das RAM [...] in einer Weise, die äquivalent zum Hinzufügen von mehr physikalischem RAM ist." Mit Brief und Siegel des angeblich größten Testlabors der USA beruhigte Syncronys-Chef Rainer Poertner die nervösen Anleger und aufgescheuchte US-Journalisten.

Auf der Computermesse COMDEX sahen sich die XXCAL-Repräsentanten aber unangenehmen Nachfragen ausgesetzt, und dann spielten sich seltsame Vorgänge ab: Poertner habe falsch zitiert, hieß es bei XXCAL. Der Testbericht verschwand aus ausliegenden Syncronys-Pressemappen. Später tauchte eine geänderte Version auf. Testleiter Mark Tillinghast hatte in kleiner Schrift eine "subjektive Analyse" hinzugefügt, die nun erst recht Fragen aufwarf.

Tillinghast wies da nämlich auf die ungewöhnlich karge ("austere") Konfiguration der Testrechner hin, mit 8 MByte RAM und nur 4 MByte für eine temporäre Auslagerungsdatei. Es seien zusätzlich einige Daten ohne SoftRAM, aber mit einem Swap File in der Default-Größe von 19 MByte ermittelt worden. Die füge er bei, ohne daraus Schlüsse zu ziehen. Dabei lag der Schluß auf der Hand: Das mit willkürlich verkleinertem Swap File herbeigeführte Resultat ist Makulatur.

Das war die Situation, aus der sich XXCAL am 29. November mit einer gequälten sechs-Punkte-Erklärung zu befreien suchte. Tenor: Die Aussage, SoftRAM95 sei nützlich, gelte nur für die Testkonfiguration. Und die habe Kunde Syncronys vorgegeben. Wer die bisherigen Berichte in c't verfolgt hat, kann sich denken, warum: Es ist erwiesen, daß SoftRAMs Trick darin besteht, das Swap File heimlich zu vergrößern. Das hat XXCAL nicht bemerkt.

In der Nacht zum 1. Dezember zog dann auch die deutsche Softline GmbH einen vorläufigen Schlußstrich unter das Kapitel "SoftRAM95". In einem kurz vor Mitternacht an die Deutsche Presseagentur (dpa) übermittelten Fax kündigte Pressesprecher Christoph Hoffmann die sofortige Einstellung des Vertriebs an, "weil die US-Firma Syncronys Inc., Hersteller dieser Software, die auftretenden technischen Probleme bisher nicht in befriedigender Weise lösen konnte".

Die Handelskette Escom, die SoftRAM95 von Softline bezogen und bundesweit verkauft hat, versicherte gleich nach Erscheinen von c't 12/95: "Alle Käufer bekommen ihr Geld zurück." Der Sprecher der Firma Softline dagegen mochte sich am 1. Dezember zu dieser Frage noch nicht abschließend äußern.

Für geprellte Kunden gilt grundsätzlich: Derjenige, bei dem Sie SoftRAM95 gekauft haben, ist Ihr Vertragspartner. Wenden Sie sich an ihn mit der Forderung nach Erstattung des Kaufpreises. Lassen Sie sich nicht zum Distributor oder Großhändler abwimmeln. Es ist Sache des Händlers, sich bei seinem Vorlieferanten schadlos zu halten. Sollten Sie mit höflicher Beharrlichkeit nicht zu Ihrem Recht kommen, fragen Sie am besten bei der örtlichen Verbraucherzentrale nach juristischem Rat. (cp)

Anzeige
Anzeige