Verschmähtes Filetstück

Was hat Access mit Palmsource vor?

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Seit der Abspaltung von Palm hatte PalmSource nichts zu lachen. Nun erwirbt Access den angeschlagenen Betriebssystem-Entwickler.

Mit PDAs hat das japanische Unternehmen Access schon Erfahrung gesammelt, denn das Software-Unternehmen ist vornehmlich für seinen Web-Browser NetFront bekannt, der auf Mobilgeräten und Multimedia-TV-Stationen zum Einsatz kommt. Natürlich möchte Access mit der Übernahme auch vom Namen Palm OS profitieren, aber dies scheint nicht im Mittelpunkt des Interesses der Japaner zu stehen: Mit dem Kauf will Access vor allem weiter in den chinesischen Mobil-Softwaremarkt vordringen, denn zu PalmSource gehört der Linux-Software-Spezialist China MobileSoft. Palm OS gibts beim PalmSource-Deal quasi als Bonbon dazu.

Obwohl Mobilgeräte mit Palm OS – insbesondere von der ehemaligen Muttergesellschaft Palm – immer noch eine wichtige Rolle im Mobilmarkt spielen, hatte PalmSource in letzter Zeit kaum Erfolge zu vermelden: Schon seit über einem Jahr ist die aktuelle Version Palm OS 6 Cobalt verfügbar, dennoch haben die Lizenznehmer bislang offenbar keine Verwendung dafür - nicht ein Gerät läuft mit diesem System. Kein Wunder, hat PalmSource doch bereits angekündigt, dass die nächste Version von Palm OS einen Linux-Kern enthält. Warum also auf eine proprietäre Zwischenlösung bauen, wenn Palm OS 5 Garnet noch brauchbar ist und sich die übernächste Version auf einem neuen System-Kernel gründet?

Zwar verweist PalmSource auch weiterhin auf eine ansehnliche Zahl von Lizenznehmern und gewann mit LG kürzlich sogar einen neuen hinzu, doch verdient der Palm-OS-Entwickler an den wenigsten etwas, denn nur verkaufte Geräte lassen auch bei PalmSource die Kassen klingeln. LG stellte bislang weder Palm-OS-Geräte vor noch kündigte man Entwicklungen an. Sony, neben Palm lange Zeit das zweite große Standbein von PalmSource und mit zehn Prozent am Unternehmen beteiligt, verabschiedete sich bereits vor über einem halben Jahr vollständig vom PDA-Geschäft. Fossil, Samsung und Kyocera verkaufen ihre Palm-OS-Produkte vornehmlich in den USA, und selbst dort nur mit mäßigem Erfolg. Hersteller Tapwave verkündete erst kürzlich das Ende seiner Palm-OS-Konsole Zodiac. Einzig Palm spült durch seine PDA- und Smartphones-Verkäufe noch relativ viel Geld in die PalmSource-Kassen. Doch selbst diese Partnerschaft bröckelt.

Kürzlich gab Palm sogar die Zusammenarbeit mit dem ehemaligen Erzfeind Microsoft bekannt, und stellte ein Treo-Smartphone vor, dass anstelle unter Palm OS mit Windows Mobile läuft. Bereits im nächsten Jahr soll das Gerät zumindest in den USA in den Läden stehen. Schon im Vorfeld kursierten Gerüchte über diese Zusammenarbeit mit Microsoft und ließen die PalmSource-Aktie um mehr als zehn Prozent einbrechen.

Wegen der miesen Geschäftslage musste PalmSource bereits Mitarbeiter entlassen. Offenbar reichte der übrige Entwicklerstamm nicht mehr aus, um Palm OS auf dem neusten Stand zu halten, denn signifikante Entwicklungen am aktuell verwendeten Palm OS 5 Garnet verschlief die Firma und überließ die nötige Kleinarbeit Lizenznehmern wie Palm. Die ehemalige Muttergesellschaft wollte sich das nicht bieten lassen und verdeutlichte im erneuerten Lizenzabkommen in einer Klausel, dass der Vertrag nur dann gültig sei, wenn PalmSource künftig "wichtige Meilensteine" der Mobil-Technik in sein Betriebssystem integriere. Gerüchte über etwaige Palm-Geräte mit dem Konkurrenz-System Windows Mobile ließen den Kurs der PalmSource-Aktie um mehr als zehn Prozent einbrechen, was die starke Abhängigkeit von Palm verdeutlicht.

Bereits im Mai dieses Jahres warf CEO, Präsident und Vaterfigur David Nagel das Handtuch. Seitdem führt Interims-CEO Patrick McVeigh die Geschäfte und sucht nach einem neuen Chef - bislang vergeblich.

Die Absage der europäischen Entwicklerkonferenz im August ließ bereits Übernahmegerüchte aufkommen. Da half die verbesserte Bilanz vom Juni auch nicht mehr. Zeitweise rechneten viele Branchenkenner sogar mit einer Rückkehr zu Palm.

Nun setzt Access den Gerüchten ein Ende. Das japanische Unternehmen zahlt pro Aktie 18,50 US-Dollar an die PalmSource-Aktionäre - relativ viel, wenn man bedenkt, dass die Aktie zuletzt nur noch für zehn US-Dollar gehandelt wurde; ein Spottpreis aber im Vergleich zum Erstausgabepreis der PalmSource-Aktie von 40 US-Dollar. Die gesamte Ablösesumme, die Access für PalmSource berappen muss, beträgt 324,3 Millionen US-Dollar. Zu dem Deal gaben die Aktionäre und Vorstände beider Unternehmen bereits ihre Zustimmung. Im Hinblick auf die eigentlichen Interessen beim Erwerb von PalmSource bleibt es fraglich, ob Access nun mehr Engagement in Palm OS steckt oder das System weiterhin so stiefmütterlich behandelt, wie es PalmSource bisher tat.

Vielleicht gibt es aber auch noch Hoffnung, denn immerhin zeigte auch Palm durch ein Übernahmegebot Interesse an dem Betriebssystem-Entwickler, wurde jedoch von Access überboten. Es liegt nahe, dass Palm auch weiterhin versuchen könnte zumindest das Palm-OS-Know-how von Access zurück zu erwerben, womit zumindest ein Teil von PalmSource wieder dort wäre, wo es einst herkam. (dal)

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