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Versteckte Kamera

@ctmagazin | Editorial

Versteckte Kamera


Versteckte Kamera

Randalierende Teenager, volltrunkene Abschiedsjunggesellen, nörgelnde Querulanten - Hotelgäste sind nicht immer angenehm. Seit einiger Zeit aber hatte unser Manager mit Problemen ganz anderer Art zu kämpfen: Jemand machte sich regelmäßig über das Frühstücksbuffet her, verteilte dessen Reste in der Hotelanlage und zertrampelte die Blumenbeete. Der Täter ging professionell und äußerst geschickt vor, denn weder Gärtner noch Küchenpersonal bekamen ihn zu Gesicht.

Man müsste per Netzwerkkamera rund um die Uhr Mülltonnen und Frühstücksterrasse überwachen, schlug ich dem Manager vor. Der nahm die Idee dankbar auf, und ich erstand eine wetterfeste WLAN-Kamera.

Im Garten installiert, richtete ich den kleinen Big Brother auf den Tatort. Gleich darauf kündigte sich die Kamera als Symbol in der Netzwerkumgebung des Büro-PC an; per Doppelklick öffnete sich der Web-Browser und zeigte mir den vertrauten Gesichtskreis des Hotelgeländes. Über die Web-Oberfläche konfigurierte ich das Gerät so, dass es jedes Mal per E-Mail Alarm gab, wenn sich vor der Linse etwas bewegte.

Automatisch geschossene Überwachungsfotos offenbarten die Verbrecher: Eine Horde Waschbären konnte Parma-Schinken und Schoko-Erdbeeren nicht widerstehen. Die Alarmmeldungen leitete ich daraufhin auf die Mobiltelefone der Gärtner weiter, die den Kleinbären buchstäblich zeigten, was eine Harke ist. Dank lückenlos vernetzter Überwachungstechnik und beherztem Eingreifen herrschte im Garten anschließend erst einmal Ruhe.

Dafür liefen allerdings die Telefone heiß. Ein Junggeselle von einem jener berüchtigten Abschiede drohte wegen "Verletzung des Persönlichkeitsrechts" Klage auf Schadenersatz an: Auf Youtube kursierte ein Video, das den Spund schwer angetrunken und gestützt von zwei äußerst spärlich bekleideten Blondinen beim Entleeren seines Magens zeigte. Das Video erfreue sich großer Beliebtheit unter den Bored-at-Work-Spammern seiner Firma und habe bei seiner Braut immensen Erklärungsbedarf erzeugt.

Der WWF hatte der Vertreibungsmaßnahme zugesehen und faxte eine weitere Klage: Nach dem Bundesnaturschutzgesetz stelle die Belästigung der im unmittelbaren Umfeld des Hotels heimischen Kleinbären einen vermeidbaren Eingriff in die Natur dar und sei umgehend zu unterlassen. Mehrere junge Männer hatten außerdem die Fähigkeit der Kamera zur Fernsteuerung entdeckt, um sie auf den nahe gelegenen Sandstrand zu richten. Das wiederum trieb die Oben-ohne-Sonnenanbeterinnen auf die Palme.

Ich arbeite inzwischen nicht mehr dort - mein damaliger Chef übrigens auch nicht. Nach dem Ändern von Telefonnummer, Wohnort und E-Mail-Adresse hatte ich die nötige Ruhe, mich genauer mit der Kamera auseinanderzusetzen. Standardmäßig aktiviertes "Universal Plug and Play" war dafür verantwortlich gewesen, dass die Kamera einige Ports unseres WLAN-Routers öffnete und so jedermann in der Web-Welt zugänglich war.


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