Viel Rauch um nichts oder Vorzeichen am Horizont?

@ctmagazin | Editorial

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Viel Rauch um nichts oder Vorzeichen am Horizont?

Alle paar Jahre veranstalten die großen Nationen ein mächtiges Pow-Wow, um im Wassenaar-Abkommen festzuschreiben, welche Rüstungsgüter sie genauer im Auge behalten wollen.[#siehe *] Neben Bomben und Raketen gehören dazu in Zeiten des Information Warfare auch Computer und Verschlüsselung. Schließlich sollen solche Segnungen der Zivilisation nicht den falschen Häuptlingen in die Hände fallen.

Doch was jeder hat, muß man nicht kontrollieren. So schlau sind selbst die Nachfahren der Kalten Krieger und ignorieren daher Dinge, die es an jeder Straßenecke zu kaufen gibt. Außer wenn es sich dabei um ordentliche Krypto-Programme handelt. Das haben jetzt die umsichtigen US-Amerikaner durchgedrückt und feiern fröhlich ihren Sieg. Die liberaleren Deutschen feiern ebenfalls, weil schlechte Verschlüsselungssoftware nun gar nicht mehr kontrolliert wird.

Nur: Was soll das? Erwarten die Amerikaner ernstlich, daß all die Entwicklungsländer um sie herum auf eine leicht dechiffrierbare Nachrichtenübermittlung zurückfallen, wenn sie keine US-Produkte kaufen können? Kryptographie ist schon lange keine Geheimwissenschaft mehr. Niemand kann heute derart gut publiziertes Wissen von denen fernhalten, die es benutzen wollen. Für Krypto-Software brauchen Terroristen und Diktatoren weder große Industrieanlagen noch waffenfähiges Plutonium. Ein gutes Buch, etwas Informatik-Grundwissen und ein banaler PC genügen völlig.

Ist die Krypto-Sperre also nur eine Ausgeburt von Realitätsferne und Ignoranz ewiggestriger Militärs? Diese Erklärung wäre wohl doch etwas zu einfach. Hier arbeitet vielmehr - ECHELON läßt grüßen - eine große Koalition an flächendeckenden Abhörnetzwerken und ENFOPOL-Lauschphantasien, die durch die verbreitete Anwendung von Kryptographie zunichte gemacht würden. Wenn es gar nicht um militärische Gegner geht, sondern darum, die "befreundete" Wirtschaft und das eigene Volk weiterhin bequem zu überwachen, erst dann zeigt sich ein strategisches Manöver, das Sinn ergibt.

Kein vernünftiger Mensch wird einer Rüstungskontrolle widersprechen wollen, die Waffenlieferungen an Fanatiker und in Bürgerkriegsregionen verhindert. Daß es immer auch ein paar "unvernünftige" Menschen gibt, könnte dann über kurz oder lang den Grund liefern, Verschlüsselung auch im Inland zu kontrollieren. Der Schutz vor äußerer Bedrohung ist nur Vorwand. Der Feind sind wir.

Norbert Luckhardt

* siehe Bericht auf Seite 52

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