Von wegen mobil

@ctmagazin | Editorial

Von wegen mobil

Wie mobil sind wir denn wirklich, abgesehen von ein paar "Machbarkeitsstudien"? Wie ernsthaft kann man Dinge betreiben, die uns unter Schlagwörtern wie "Mobile Office" oder "Mobile Internet" angedient werden?

Der Massenpsychose SMS verdanken wir ein beeindruckend schlechtes User-Interface für die Texteingabe. Doch statt sich das fummelige Zusammenpuzzlen von SMS-Botschaften zu schenken, sehen Handy-Besitzer die Sache offensichtlich als sportliche Herausforderung an. In allen öffentlichen Verkehrsmitteln brüten Männlein wie Weiblein hoch konzentriert über kleinen Plastikschächtelchen - wie einst die Kinder zur Blütezeit des Gameboy.

SMS-Basteln ist plötzlich etablierte Kulturtechnik und anscheinend auch gleich zum Maßstab fürs Surfen mit dem WAP-Handy avanciert. Nicht viel besser gehts den PDA-Anwendern: Es ist zwar klar erkennbar, dass das Stochern mit dem Stäbchen auf winzigen Displays anstrengende Arbeit sein muss - aber das ist wohl selten die Arbeit, die man unterwegs damit gern erledigen würde. Ernsthafte Texteingabe oder Bearbeitung erlauben am ehesten die etwas größeren PDAs mit Tastatur. Aber auch hier ist auf den ersten Blick Quälerei ersichtlich: Zwei Finger bahnen sich den Weg durch ein Dickicht aus Gumminippeln.

Der Profi also wird zum Notebook greifen - und steht vor einem anderen Dilemma: Maximal drei, oft genug aber nur ein bis zwei Stunden ohne Kontakt zur Steckdose, und das Hightech-Werkzeug fällt ins Koma. Nebenbei muss er noch einen unhandlichen und schweren Klotz mit sich herumschleppen.

Allerorten wird das mobile Zeitalter ausgerufen, doch die Entwicklungsarbeit konzentriert sich immer noch auf Desktop-PCs und geht dabei auch noch voll in die falsche Richtung: Hier werden die Netzteile immer kräftiger, die Kühlkörper immer größer und die Lüfter immer lauter und immer mehr. Gigahertz-Prozessoren ballern pro Quadratzentimeter mehr Hitze raus als eine Heizplatte! 3D-Grafikchips, ja sogar die Mainboard-Chips überleben nur noch mit Kühlkörpern, immer schneller drehende Festplatten heizen das Gehäuse ebenso auf wie CD-Brenner. Die Verlustleistung steigt stärker als die Nutzleistung.

"Intels Krönung", der neue Itanium-Prozessor, soll nach Eroberung von Server und Workstation die 64-Bit-Ära demnächst auch auf dem Desktop-PC einläuten - aber wohl nicht so bald in Notebooks: In halbwegs angemessener Ausstattung würde ein solches System rund 400 Watt verbrauchen und damit einen LKW-Akku für ein paar Stunden Mobilbetrieb erfordern.

Der Verkauf von Desktop-PCs stagniert oder sinkt gar, klagen die Hersteller. Aber der Absatz von Notebooks und PDAs brummt, und das, obwohl hier noch so viel im Argen liegt - welch gigantisches Potenzial: Das erste vollwertige Notebook zum Zusammenfalten für die Jackentasche dürfte den bisher bekannten PC-Markt neu definieren - und vielleicht ganz neue Akteure neben Intel, Microsoft oder AMD auf die Bühne zaubern.

Detlef Grell

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