Vor 70 Jahren: Die Welt von morgen war auch einmal besser

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Bis heute gilt die Weltausstellung, die 1939 und 1940 geöffnet war und 45 Millionen Besucher zählte, als eine der wichtigsten Inspirationen in der Technikgeschichte.

Der Trylon, eine 213 Meter hohe Metallnadel mit dreieckigem Grundriss und die Perisphere, eine Kugel mit 60 Metern Durchmesser, bildeten die Wahrzeichen der Weltausstellung von 1939

Vor 70 Jahren wurde in New York die Weltausstellung 1939 eröffnet. Unter dem Motto "The World of Tommorrow – all Eyes to the Future" sollten die ausstellenden Staaten ihre Visionen zeigen, wie die Welt im Jahre 1960 aussehen könnte. Bis heute gilt die Weltausstellung, die 1939 und 1940 geöffnet war und 45 Millionen Besucher zählte, als eine der wichtigsten Inspirationen in der Technikgeschichte.

Fernsehen, Softeis, elektrischer Geschirrspüler, Faxmaschine und Teleconferencing, dazu intelligente Verkehrslenkung und ein Roboter: Viele Dinge, die heute zum Alltag gehören oder schon wieder verschwunden sind, gehörten zu den Sensationen der Weltausstellung anno 1939. In der Informationstechnik hinterließ sie breite Spuren: Die Eröffnungsrede von US-Präsident Franklin Delano Roosevelt (Video, Roosevelt ab 10:00) markiert den offiziellen Start des Fernsehens durch RCA in den USA - der inoffizielle war eine Woche früher, als David Sarnoff das RCA-Gebäude einweihte. RCA demonstrierte außerdem das UKW-Stereo-Radio und den Gebrauch von Fax-Maschinen, die ganze Zeitungsseiten in das Pressegebäude der Ausstellung faxten: Hier hatten die 47 Tageszeitungen ihre Zimmer, die 1939 allein in New York erschienen.

Der Westinghouse-Tower

Noch eindrücklicher sind Besuchern die direkt gewählten Ferngespräche in Erinnerung geblieben, die kostenlos im Pavillion von AT&T innerhalb der gesamten USA geführt werden konnten, sogar mit Telefon-Anschlüssen, die nicht "Ma Bell" gehörten. Der Journalist und Industriedesigner Egmont Arens, der diesen Pavillion gestaltete, schrieb dazu: "Today's network of communication systems makes for speedy exchande of ideas. Can we improve the spiritual side of life as we did the physical apparatus? Can serious breakdowns be avoided in such a complex communication system? Will increased leisure bring political and cultural renaissance?"

Die welterste Telekonferenz auf der Weltausstellung, bei der Telefon und Fernsehen zusammengeschaltet wurden, beeindruckte den an ihr teilnehmenden Schriftsteller H.G. Wells nachhaltig. Er schrieb über das nahe Ende der Geschäftsreisen: "Even the existence of business centers is no longer imperative. It is so close a Tomorrow it is almost Today when it will be possible for a dozen men or a score of men to sit in conference, seeing and hearing each other, when bodily they are hundreds of miles apart."

Über stromlinienförmige Loks hinaus bildete intelligente Verkehrsflussssteuerung ein zentrales Thema der "Stadt der Zukunft"

Optisches Kennzeichen der Weltausstellung von 1939 waren der Trylon, eine 213 Meter hohe Metallnadel mit dreieckigem Grundriss und die Perisphere, eine Kugel mit 60 Metern Durchmesser. In ihr konnte man die Democracity sehen, die der US-Designer Henry Dreyfuss entworfen hatte, eine ideale Stadt aus dem Jahre 1960. Eigens für diese Stadt der Zukunft schrieb der amerikanische Städtebau-Kritiker Lewis Mumford den Film The City (Video), zu dem sein Freund Aaron Copland die Musik beisteuerte. Wer den zweiten Teil des Films (Video) heute sieht, wird die sozialplanerische Vision vom Leben in der grünen Natur mit den amerikanischen Vorstädten von heute vergleichen können.

"Wir liefen los und belegten Plätze, Sessel mit hohen Seitenlehnen, in die Lautsprecher eingebaut waren. Die Sessel schauten alle in diesselbe Richtung und befanden sich auf einer Schiene. Die Lichter verloschen. Musik ertönte, und die Sessel ruckten an und begannen sich seitwärts zu bewegen. Vor uns leuchtete ganze Welt auf, als flögen wir über sie hinweg, der phantastischste Anblick, den ich je erlebt hatte, eine ganze Welt der Zukunft mit Wolkenkratzern und vierzehnspurigen Straßen, auf denen in verschiedener Geschwindigkeit echte kleine Autos fuhren, die schnelleren auf den mittleren Spuren, die langsameren außen." (E.L. Doctorow, Die Weltausstellung)

Auch Doctorows Kindheitserinnerungen an die Weltausstellung beruhen auf einer Zukunftsschilderung, die der amerikanische Designer Norman Bel Geddes für General Motors entworfen hatte. Sein Szenario, Futurama getauft, beschäftigte sich vor allem mit dem Verkehr zwischen den Suburbs und der Industrialisierung der Landwirtschaft. Mächtige kreuzungsfreie Highways mit verschiedenen Geschwindigkeitsspuren, maschinenüberwachten Ein- und Ausfahrten und einer intelligenten Verkehrsflusssteuerung sind noch heute Utopie. Für alle, die das ständig überlaufene Futurama nicht besuchen konnten, produzierte General Motors den heute noch sehenswerten Film To New Horizons.

1939 war die große Depression noch in frischer Erinnerung, die Kriegsdrohung in Europa sehr, sehr fern. Erst zwei Jahre zuvor war Amerika im Zuge des New Deal weitgehend elektrifiziert. Die Wunder der Weltausstellung hatten daher viel mit Elektrik zu tun. Ford zeigte mit der Novachord die erste Hammond-Orgel, AT&T den Voder, der als Maschine zur Sprachverschlüsselung bald kriegswichtig werden sollte. Die Milchfirma Borden präsentierte den Rotolactor, eine drehende,vollautomatische elektrische Kuhmelk- und Waschanlage, komplett mit angeschlossener Softeis-Produktion.

Der Roboter Elektro von Westinghouse konnte sogar Zigarette rauchen

Den größten Eindruck erzielte jedoch die Firma Westinghouse mit der Präsentation des elektrischen Geschirrspülers und eines Roboters namens Elektro (Videoausschnitt), der sogar Zigarette rauchen konnte. Eigens für die Weltausstellung ließ Westinghouse einen aufwendigen Film über die Familie Middleton (Video, 55 Minuten) produzieren, die die Weltausstellung besucht. Auch dieser Film lohnt sich, nicht nur dank Geschirrspüler und Roboter: Für einen Werbefilm recht ungewöhnlich, hatte Regisseur und Drehbuchautor Robert Snody von Westinghouse die Vorgabe bekommen, nicht nur die Firmenpräsenz in Szene zu setzen, sondern eine "intelligente Auseinandersetzung mit dem Kommunismus" einzubauen. Dies vor dem Hintergrund, dass Salvador Dali mit seinem Ausstellungsprojekt Traum der Venus als "Kommunist" beschimpft wurde, weil niemand das Wort Surrealist kannte.

China und Deutschland waren die einzigen Länder, die auf der Weltausstellung fehlten. Das nationalsozialistische Deutschland lehnte die "Ausstellung dreckiger Talmud-Juden" (Völkischer Beobachter) ab. Grover Whalen, Fiorello LaGuardia, Robert Moses, Henry Morgenthau und Edward Bernays, die wichtigsten "Macher" der Ausstellung, waren allesamt Juden. China befand sich damals im Krieg - aber die japanischen Invasoren hatten einen eigenen Pavillon. Besonders stolz waren die polnischen Einwanderer auf den polnischen Pavillion - als die Weltausstellung am 27. Oktober 1940 schloss, gab es Polen nicht mehr. Das gleiche Schicksal erlitten der Pavillion der Tschecheslowakischen Republik und der von Henry van de Velde entworfene belgische Pavillion der Völkerfreundschaft. Letzterer konnte allerdings gerettet werden. Die meisten dieser Pavillons sind in dieser Kompilation von Amateur-Videos zu sehen, die das Internet Archive angelegt hat. Diese Kompilation zeigt überdies noch andere freizügige Momente. 1939 war in dieser Hinsicht weit liberaler als die Kriegs- und Nachkriegszeit, wie der Bau der "Children's World" des deutschen Architekten Oscar Stonorov zeigte, mit dem Tampax den Tampon auf der Weltausstellung bewarb.

New Yorks Bürgermeister LaGuardia, schlug den Bau einer "Schreckenskammer" vor, in der das wahre Gesicht von Nazi-Deutschland gezeigt werden sollte. Als dieser Plan scheiterte, schlug Ausstellungsleiter Grover Whalen einer Gruppe von deutschen Emigranten um Klaus Mann vor, mit US-Mitteln einen "Freedom Pavillion" zu errichten. Den Planungsauftrag bekam der emigrierte Architekt Ferdinand Kramer, der damals im Büro des bereits erwähnten Futurama-Architekten Norman Bel Geddes arbeitete und moderne Selbstbau-Möbel entwickelte. Doch Kramers Entwurf wurde nicht realisiert: Die Emigrantenszene war heillos darüber zerstritten, was im Pavillion vom Widerstand gegen Hitler gezeigt werden sollte. Überdies gab es politischen Druck durch Italien, dessen klotziger Pavillion das teuerste Restaurant New Yorks beherbergte.

Ein Pavillion zeigte keine Staaten, sondern eine Idee: Der von Albert Einstein eingeweihte jüdisch-palästinensische Pavillon machte sich für ein friedliches Zusammenleben aller Völker im Nahen Osten stark, Juden inklusive.

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